Vereinigte Staaten

Gift und Galle spucken gegen Bush

Von Katja Gelinsky

Kein Paradiesvogel: Howard Dean

Kein Paradiesvogel: Howard Dean

05. Januar 2004 Bei den letzten Wahlen in den Vereinigten Staaten haben nur elf Prozent der amerikanischen Punks ihre Stimme abgegeben. Das sei "mehr als jämmerlich", findet Kimmy Cash, Punkerin aus Kalifornien und Gründerin des Netzwerks "Punx for Dean". Punks müßten endlich politisch aktiv werden, am besten, indem sie den Mann unterstützten, der "als einziger" in der Lage sei, George W. Bush aus dem Weißen Haus zu vertreiben: Howard Dean. Der demokratische Präsidentschaftskandidat hat sich nie die Haare zu einer rot gefärbten Bürste drapiert oder Ringe durch die Nase gezogen. Ein halbherziger Beatlelook in den sechziger Jahren waren der gröbste Verstoß gegen die konventionellen Kleidervorschriften, den sich der spätere Gouverneur von Vermont leistete.

Aber Kimmy Cash ist sich sicher, daß der 55 Jahre alte Dean, der die grauen Haare sorgfältig gescheitelt und das Hemd akkurat gebügelt trägt, "Punks mag". Schließlich hat er ihr bei einem Wahlkampfauftritt in Los Angeles Komplimente zu ihren Tätowierungen gemacht. Begeistert hat sie daraufhin den Fanclub "Punx for Dean" gegründet, der mittlerweile mehr als 10 000 Mitglieder zählt. Und leidenschaftlich wirbt sie um Geld und Wählerstimmen für den Kandidaten, der seine Wahlkampagne in die Hände der Bevölkerung lege und damit einen politischen Weg einschlage, "wie ihn noch kein anderer Präsidentschaftskandidat beschritten hat". Mit dieser Einschätzung stimmen auch jene überein, die weder Punks noch Howard Dean leiden können.

Der frühere Gouverneur des Neu-England-Staates Vermont, in dem nur rund 600 000 Menschen leben und in dem es verboten ist, Giraffen an Telefonmasten festzubinden, hat es geschafft, überall in Amerika Scharen aus dem großen Heer derer für sich zu gewinnen, die Wut haben auf die Regierung Bush, auf die Demokratische Partei und auf das politische Establishment überhaupt. Dean, der den meisten Amerikanern vor ein paar Monaten noch völlig unbekannt war, führt das Feld der demokratischen Präsidentschaftsbewerber mit großem Vorsprung an. In einer Meinungsumfrage unter registrierten Demokraten nannten kurz vor Weihnachten mehr als 30 Prozent der Befragten den früheren Gouverneur als ihren Favoriten unter den neun demokratischen Präsidentschaftsbewerbern, von denen sonst keiner zweistellige Zustimmungswerte bekam.

Selbst "Republikaner für Dean"

Auch finanziell gesehen, kann keiner der demokratischen Kandidaten mit Dean mithalten. Mit Spendengeldern von rund 40 Millionen Dollar innerhalb eines Jahres hat er nach Angaben seiner Helfer soviel Geld gesammelt wie niemals zuvor ein demokratischer Kandidat im Jahr vor der Präsidentenwahl. Das Geheimnis seines Erfolgs sind zähe Basisarbeit, zu der Begegnungen wie die mit Kimmy Cash gehören, und eine geschickte Internetkampagne, die ebenfalls auf die breite Masse zielt: Wenn zwei Millionen Amerikaner jeweils 100 Dollar spendeten und damit den reichen Interessengruppen die Stirn böten, von denen Bush 200 Millionen Dollar für seinen Wahlkampf eintreiben wolle, dann genüge das, um den Präsidenten aus dem Weißen Haus zu jagen, wirbt Deans Wahlkampfmannschaft im Internet. Zugleich hat sein Team dort ein Kommunikations- und Aktionsforum für die weitverzweigte Anhängerschar geschaffen. Zur Fangemeinde gehören Gruppierungen wie "Veteranen für Dean", "Mormonen für Dean", "Umweltschützer für Dean", "Lesben für Dean" und selbst "Republikaner für Dean".

Der Mann, auf den diese bunte Truppe ihre Erwartungen richtet, ist freilich kein Paradiesvogel, sondern - wie Bush - ein politisches Gewächs, das im Schutz von Geld und Ansehen gedieh. Dean stammt aus einer vermögenden, alteingesessenen republikanischen Familie, die ihren Stammbaum bis 1234 zurückverfolgen kann. Er wuchs an der teuren Park Avenue in New York und auf dem Familienlandsitz im vornehmen East Hampton auf, besuchte private Eliteschulen und studierte an der renommierten Yale-Universität, wo er mit dem Studium der Politischen Wissenschaften begann, als Bush sein letztes Studienjahr absolvierte. Die bekannteste Anekdote aus der Studentenzeit Deans ist die, daß er in Yale darum gebeten habe, schwarze Zimmergenossen zu bekommen. Auf diese Weise wollte er die Aussicht aus dem Elfenbeinturm ein wenig erweitern. Dem Wunsch wurde entsprochen.

Dean war gegen den Vietnamkrieg, an dem er wegen eines Rückenleidens nicht teilnehmen mußte, was ihn freilich nicht daran hinderte, nach dem Studium in Yale zehn Monate lang in Aspen, Colorado, Ski zu fahren. Wieder zurück in New York trat er zunächst in die Fußstapfen seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters und arbeitete zwei Jahre an der Börse. Anschließend absolvierte er ein Medizinstudium und zog für seine Facharztausbildung gemeinsam mit seiner Frau, die er während des Studiums kennengelernt hatte, nach Vermont. Dort, in der beschaulichen Universitätsstadt Burlington, begann die politische Laufbahn des Präsidentschaftskandidaten, der wie ein giftiger Terrier nach den Waden seiner Gegner schnappt.

Erst still, jetzt giftig

Seine schnellen, wütenden Attacken gelten vor allem dem "Feind" Bush, der Amerika mit seiner "unverantwortlichen" Außen- und Finanzpolitik "in Gefahr gebracht" habe. Aber auch die eigene Partei und die übrigen Kandidaten, die mit einer Mischung aus Nervosität, Hilflosigkeit und Respekt den leidenschaftlichen Sturmlauf Deans verfolgen, sind vor seinen Angriffen nicht sicher. Viel zu nachgiebig seien die Demokraten gegenüber Bush und den Republikanern, wettert der frühere Gouverneur, der von sich behauptet, er vertrete "den demokratischen Flügel der Demokratischen Partei". Dabei geschah sein politischer Aufstieg daheim in Vermont so still und unauffällig, daß Deans Frau den Wandel ihres Mannes vom Mediziner zum Politiker erst bemerkte, als er nach dem plötzlichen Tod des damaligen Gouverneurs vom stellvertretenden Gouverneur zum Regierungschef des Bundesstaates aufrückte. Elf Jahre regierte Dean in Vermont, wo er streng auf Haushaltsdisziplin achtete und als pragmatischer Brückenbauer zwischen den Parteien agierte. Politische Weggefährten von damals verfolgen deshalb mit Verwunderung, wie der frühere Gouverneur nun Gift und Galle spuckend auf der politischen Nationalbühne umhermarschiert.

Unbeirrt durch Mahnungen Wohlmeinender, daß der Wähler vom künftigen amerikanischen Präsidenten eine gewisse staatsmännische Mäßigung erwarte, zückt Dean auch noch kurz vor Beginn der Vorwahlen am 19. Januar in Iowa das Schwert. Die Regierung Bush mit ihrer "leichtsinnigen" Politik "auf jedem Gebiet" sei "die gefährlichste", die er je erlebt habe, schnaubte er kürzlich auf einer Wahlkampfveranstaltung. Dean hat freilich auch schon Rückzieher auf seinen rhetorischen Feldzügen machen müssen. So bat er nach empörten Protesten zerknirscht um Entschuldigung für die flapsige Bemerkung, daß er auch Kandidat der Südstaatler sein wolle, die sich die Konföderiertenflagge an die Heckscheibe ihrer Pick-up-Fahrzeuge kleben.

Beileibe kein Pazifist

Aber weder derartige Entgleisungen noch die Tatsache, daß Deans politisches Gepäck aus Vermont äußerst leicht wiegt, gemessen an den Lasten, die er als Präsident der Vereinigten Staaten schultern müßte, haben bislang an dem Siegeszug des "Außenseiters", "liberalen Rebellen" und "Aufständischen" etwas ändern können, als der er in den Medien dargestellt wird. Diesen Ruf verdankt Dean vor allem seiner feurigen Kritik an Bushs "arroganter" Irak-Politik. Dabei ist der frühere Gouverneur beileibe kein Pazifist. Er befürwortete den ersten Golfkrieg ebenso wie den Krieg in Afghanistan. Und in den Kampf gegen den Terrorismus will Dean weit mehr als die jetzige Regierung investieren, wenn er erst im Weißen Haus sitzt.

Kritik ohne Kehrtwende

Trotz seiner harschen Kritik an Bushs unilateralistischer Politik ist Dean selbst freilich nur ein halbherziger Multilateralist. Über das Klimaprotokoll von Kyoto müsse verhandelt werden, sagt er vage. Nebulös bleiben auch seine Aussagen zum Internationalen Strafgerichtshof: Amerika müsse seine Verpflichtung zum Schutz der Menschenrechte deutlich machen, aber amerikanische Truppen dürften nicht Opfer politisch motivierter Verfolgung werden. Dean, der Befürworter der Todesstrafe ist, fordert auch keine radikale Kehrtwende im Umgang mit mutmaßlichen Terroristen. Er spart zwar nicht mit Kritik an den geplanten Militärtribunalen, lehnt sie aber auch nicht grundsätzlich ab. Und zum Thema "feindliche Kombattanten" äußert er nur, daß es nicht akzeptabel sei, wenn die eigenen Landsleute ohne Zugang zu Rechtsanwälten und Gerichten weggeschlossen würden.

Auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik vertritt Dean keine Extrempositionen. Bushs Steuersenkungen wollen andere Kandidaten ebenfalls rückgängig machen. In vieler Hinsicht gehen ihre Forderungen sogar über die des früheren Gouverneurs hinaus, etwa bei den Plänen zur Gesundheitsreform. Unter den anderen Kandidaten ragt der knapp 1,70 Meter große Dean aber zweifellos wegen seines enormen Selbstbewußtseins hervor. Bar jeder politischen Erfahrung in Washington und auf der internationalen Bühne hält er sich doch für den einzigen, der stark genug sei, um das Weiße Haus zu erobern. Dean zeigt damit ähnliches Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten wie der frühere texanische Gouverneur George W. Bush vor vier Jahren bei seinem Kampf um die Nachfolge Bill Clintons. Auch im Privatleben der beiden Männer, die in ähnlichen Verhältnissen aufwuchsen und einen ähnlichen politischen Werdegang haben, gibt es Gemeinsamkeiten: Wie Bush hat auch Dean als junger Mann gern und viel getrunken und dann reumütig dem Alkohol abgeschworen.

Großer Abstand hinter Bush

Gravierende Unterschiede gibt es freilich bei der Zustimmung der Wähler für Bush und Dean. Auch wenn der Demokrat seinen Vorsprung gegenüber den Bewerbern der eigenen Partei noch einmal ausbauen konnte, nachdem der frühere Vizepräsident Al Gore, der sich vor vier Jahren selbst um den Einzug ins Weiße Haus bemüht hatte, seine Unterstützung zugesagt hatte, bleibt der Abstand zum Amtsinhaber Bush groß. Bei einer Meinungsumfrage kurz vor Weihnachten gaben 55 Prozent der Befragten an, sie würden den Präsidenten wiederwählen, während 37 Prozent sich für Dean entschieden. Um diesen Rückstand aufzuholen, braucht Howard Dean noch weit mehr Unterstützung als die von Kimmy Cash und ihren Punkfreunden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2004, Nr. 3 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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