Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
21. Juli 2005 Lange Telefonate mit dem britischen Premierminister Blair und der amerikanischen Außenministerin Rice seien der Großrazzia vorausgegangen, heißt es in Islamabad. Sie haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Binnen weniger Stunden haben die pakistanischen Sicherheitsbehörden mehr als zweihundert verdächtige Islamisten festgenommen.
Was die Regierung von Präsident Pervez Musharraf als weiteren Beleg ihres entschiedenen Vorgehens gegen den Terror preist, gilt unter Kritikern als Beweis des Gegenteils. Wenn eine einzige Kontrolle einschlägig bekannter Koranschulen eine wahre Verhaftungswelle nach sich ziehen kann, dann sei dies eher ein Zeichen dafür, daß Pakistan mehr oder weniger die Arbeit eingestellt hat, die es nach dem 11. September 2001 mit dem Beitritt zur internationalen Antiterrorkoalition formal übernommen hat, kommentierte am Donnerstag die pakistanische Tageszeitung Daily Times.
Viele Unterlassungen
Musharrafs Ankündigung aus dem Jahr 2001, dem islamischen Terrorismus fortan energisch zu Leibe zu rücken, folgten viele Taten - aber nach Meinung der meisten Beobachter noch mehr Unterlassungen. Mehr als tausend Islamisten haben die pakistanischen Behörden nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren dingfest gemacht.
Unter ihnen wichtige Al-Qaida-Funktionäre wie Schalid Scheich Mohammed, Abu Faraj al Libri, Ramzi Binalshibh sowie den Afrikaner Achmed Kalfan Ghailani, den die Vereinigten Staaten für die Anschläge auf ihre Botschaften in Kenia und Tansania verantwortlich machen.
Spuren nach Großbritannien
Lange vor den Anschlägen in der Londoner Innenstadt führten Spuren nach Großbritannien. Der im Juli 2004 in Pakistan festgenommene Computerfachmann Mohammed Naim Nur Khan, auf dessen Festplatte sich offenbar Planungen für Bombenanschläge in Europa befanden, besuchte eine Universität in London.
Auch der seit 1992 bei Karachi einsitzende Scheich Omar (er hat mindestens sieben weitere Decknamen) war eingeschriebener Student der London School of Economics, sprach akzentfrei Englisch und kam aus einer in Großbritannien gut integrierten Familie. Omar wurde für die Ermordung des amerikanischen Wall Street Journal-Korrespondenten Daniel Pearl in Karachi verurteilt.
Bedeutende Basis
Die Kritik läßt das nicht verstummen. Nicht nur pakistanische Journalisten fragen sich, warum notorisch fundamentalistische Koranschulen erst jetzt durchkämmt werden. Unter den spontan Festgenommenen befand sich unter anderen Mufti Ibrar, der als rechte Hand des parlamentarischen Oppositionsführers Maulana Fazlur Rehman eine Figur des öffentlichen Lebens ist, die schon sehr lange hätte verhört werden können.
Wenig beeindruckt zeigt sich auch die Nachbarschaft. Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh, der Musharraf als Partner schätzen gelernt hat, kommentierte die Razzia mit den Worten, Pakistan biete Al Qaida nach wie vor eine bedeutende Basis.
Den Westen gewogen halten
Seine Generäle werfen Musharraf seit langem vor, er verschone noch immer Ausbildungslager im pakistanischen Teil Kaschmirs, aus denen jene Kämpfer stammen, die im indischen Teil der Provinz Terror verbreiten. Die Regierung Afghanistans wiederum beschuldigt den pakistanischen Geheimdienst Isi in regelmäßigen Abständen, die Taliban in ihrem Widerstandskampf zu unterstützen.
Daß Zehntausende pakistanische Soldaten seit Jahren an der Aufgabe scheitern sollen, im Grenzgebiet zu Afghanistan die vermuteten Rebellenzentren unschädlich zu machen, verstehen in der Nachbarschaft nur wenige. Den meisten Beobachtern drängt sich der Verdacht auf, daß Musharraf nur so viel tut, wie eben nötig ist, um den Westen gewogen zu halten. In seltener realpolitischer Eintracht sehen Europa und Amerika im westlich gesinnten Musharraf die einzige Gewähr dafür, daß die Nuklearmacht Pakistan nicht in die Hände radikaler Islamisten fällt.
Überlebensstrategie: Taktieren
Dem Präsidentengeneral ist es tatsächlich gelungen, in seiner nunmehr sechsjährigen Amtszeit eine Art prekäre Stabilität zu schaffen. Weder die ehemaligen Regierungsparteien noch das Islamistenbündnis MMA konnten ihm bislang gefährlich werden. An den Regionalwahlen im kommenden Monat - dem ersten Urnengang seit fast drei Jahren - wird man ablesen können, wie sich die Stimmung im Land entwickelt hat. Diplomaten in Islamabad erwarten nicht unbedingt, daß die Islamisten ihren Triumph vom Oktober 2002 wiederholen können.
Zur Überlebensstrategie des Präsidenten, der schon mehrfach Anschlägen auf sein Leben entkam, gehört das Taktieren. Auszutarieren gilt es die Interessen des Militärs, des aufgeklärten Bürgertums (das sich noch immer ungehindert Gehör verschaffen kann) und der religiösen Schichten. Der stürmische Protest, den die Koranschüler und Kleriker nach der Razzia vor die Madrassas trugen, könnte ankündigen, daß Musharraf diese Front schon bald wieder ruhen lassen wird.
Text: F.A.Z., 22.07.2005, Nr. 168 / Seite 2
Bildmaterial: REUTERS