Georgien

Enthüllungskrieg

Von Michael Ludwig

Die Opposition erhebt schwere Vorwürfe gegen Schaakaschwili

Die Opposition erhebt schwere Vorwürfe gegen Schaakaschwili

26. September 2007 In Georgien hat ein Krieg der Enthüllungen begonnen. Irakli Okruaschwili, lange Zeit einer der engsten politischen Bundesgenossen von Präsident Michel Saakaschwili, hielt dem Präsidenten, der in der „Rosenrevolution“ gegen das korrupte Regime von Eduard Schewardnadse vor vier Jahren an die Macht gekommen war, öffentlich ein umfangreiches Sündenregister vor, das von persönlicher Bereicherung bis zum Auftrag für Mord reicht.

Wenn die Vorwürfe auch nur ein Körnchen Wahrheit enthielten, sagen georgische Beobachter, dann könne das den Präsidenten, der sich gegenwärtig bei den UN in New York aufhält, sein Amt kosten. Auf alle Fälle sagen sie eine harte innenpolitische Auseinandersetzung vor der Präsidentenwahl 2008 voraus. Die Enthüllungen seien verheerend für das internationale Ansehen Georgiens. Russische Politiker verlangten am Mittwoch, den Vorwurf, Saakaschwili habe Morde in Auftrag gegeben, im Europarat zu behandeln.

„Keine Toleranz für Korruption“

Okruaschwili hatte am Dienstag die Gründung einer eigenen oppositionellen Partei, der „Bewegung für ein einiges Georgien“, bekanntgegeben – und bei dieser Gelegenheit der Staatsmacht „faschistische Tendenzen“ vorgeworfen. In einer Ansprache und bei späteren Gelegenheiten sagte Okruaschwili, Korruption sei in Georgien gang und gäbe, mit dem Unterschied zu früher, dass diese nur einer bestimmten Gruppe und hohen Staatsdienern gestattet sei. Schaakaschwili war mit der Losung „keine Toleranz für Korruption“ angetreten. Okruaschwili behauptete nun, er habe vor drei Jahren – damals war er noch Innenminister – einen Verwandten des Präsidenten, wegen der Entgegennahme eines Bestechungsgeldes von 200 000 Dollar festnehmen lassen. Auf Anweisung Saakaschwilis habe er den Mann, Temur Alasanija, aber wieder auf freien Fuß setzen müssen.

Bei dieser Affäre sei es um persönliche Bereicherung im Zusammenhang mit georgischen Waffenkäufen im Ausland gegangen. Saakaschwilki und dessen Clan hätten ein Vermögen vom mehreren Milliarden Dollar zusammengerafft. Saakaschwili selbst kontrolliere über einen Mittelsmann 40 Prozent der Anteile an dem Mobilfunkunternehmen „Bilajn“, die Fernsehanstalt „Rustawi 2“ und die georgische Eisenbahn. Der Präsident habe ihn zudem mehrmals aufgefordert, bestimmte Personen zu liquidieren. Bei einem der Männer habe es sich um den georgischen Geschäftsmann, Badri Patarkazischwili, einen früheren Geschäftsfreund des russischen Oligarchen Boris Beresowskij, gehandelt. Er habe sich jedoch stets geweigert, auf diese Ansinnen einzugehen.

Okruaschwili warf dem Präsidenten vor, er habe sich als Zauderer erwiesen, der es versäumt habe, die russischen Friedenstruppen aus den abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien hinauszudrängen und wenigstens Südossetien mit einem Handstreich für Georgien zurück zu gewinnen. Saakaschwili habe befürchtet, dass durch ein solches Vorgehen Georgien erschüttert werde und er die Macht verlieren könne. Dabei sei man nur einen kleinen Schritt vom Erfolg entfernt gewesen.

„Eine Flut schmutziger Verleumdungen“

Okruaschwili, der aus der südossetischen Region stammt, war zwischen 2004 und 2006 Verteidigungsminister und gehörte zur Gruppe der Falken, die auch den Einsatz von Gewalt zur Lösung der Territorialfragen, zumindest intern, nicht ausschlossen. Ein solches Vorgehen hätte aber weder die internationale Gemeinschaft noch Georgiens Fürsprecher Amerika hingenommen. Washington hatte daran keinen Zweifel gelassen. Saakaschwili entließ daher im November 2006 Okruaschwili aus dem Amt des Verteidigungsministers. Auf seinem neuen Posten als Minister für wirtschaftliche Entwicklung hielt es Okruaschwili nur eine Woche aus und bat um Entlassung. Im Mai kündigte er die Gründung einer Oppositionspartei und die Rückkehr in die Politik, an.

Manche georgischen Beobachter glauben, dass Okruaschwili nur deshalb mit den Vorwürfen gegen Saakaschwil an die Öffentlichkeit gegangen sei, weil gegen seinen eigenen Clan Bestechungsvorwürfe erhoben werden. Ein Abgeordneter aus Saakaschwilis Regierungspartei bezeichnete die Vorwürfe gegen den Präsidenten vorgetragene Sündenregister als „eine Flut schmutziger Verleumdungen“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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