Polens Arbeitswanderung

Gesellschaft mit Auslandserfahrung

Von Konrad Schuller, Warschau

Mitbringsel aus London: Bierdosen-Big-Ben in Warschau

Mitbringsel aus London: Bierdosen-Big-Ben in Warschau

26. Juli 2007 Bunt dekoriert mit dem britischen Union Jack, den Stars and Stripes der Vereinigten Staaten und manchmal sogar mit dem deutschen Schwarz-Rot-Gold, werben die Karten auf den ersten Blick nur für etwas durchaus Banales: für Kurse an einer der zahllosen neuen Sprachenschulen, die in den vergangenen Jahren in Polen aus dem Boden geschossen sind. Doch die intensive Reklame für Sprachunterricht, die seit Jahren die Werbeflächen von Warschau füllt, ist ein Schlüsselsignal.

Der Ansturm auf Fremdsprachen hängt mit der beispiellosen Welle der Arbeitswanderung zusammen, die das Land seit Polens Beitritt zur EU erfasst hat. Weil Großbritannien, Irland und Schweden anders als die anderen alten EU-Mitglieder ihre Grenzen von Anfang an für osteuropäische Arbeitskräfte geöffnet haben, sind die meisten Polen, die auf dem heimischen Arbeitsmarkt keine Zukunft mehr sahen, in den angelsächsischen Raum gegangen. Nun erwägt auch Deutschland, seinen Arbeitsmarkt nicht bis 2011 verschlossen zu halten, wie das nach den Verträgen zur EU-Erweiterung eigentlich möglich wäre, sondern sich angesichts des Fachkräftemangels im Inland (und angesichts positiver Erfahrungen in Großbritannien) schon 2009 zu öffnen.

„Britische Beschäftigungspolitik für Polen“

Präsident Kaczynskis Deutschlandbild beschränkte sich lange auf den Flughafen Frankfurt

Präsident Kaczynskis Deutschlandbild beschränkte sich lange auf den Flughafen Frankfurt

In den ostmitteleuropäischen EU-Mitgliedsländern, allen voran in Polen, hat die Öffnung nach Westen die vom Trauma der Diktatur immer noch Benommenen mit einem Schlag in gestreckten Galopp versetzt. Niemand weiß genau, wie viele Polen mittlerweile ausgewandert sind, aber aus verschiedenen Untersuchungen geht hervor, dass mindestens drei Millionen in den vergangenen Jahren zumindest vorübergehend im Ausland gearbeitet haben. Gegenwärtig sollen mindestens 1,2 Millionen der 38 Millionen Polen jenseits der Grenzen sein, in manchen Schätzungen ist gar von zwei Millionen die Rede, beinahe fünf Prozent der Bevölkerung.

Die Wirkung auf die polnische Wirtschaft ist enorm. Die Arbeitslosigkeit im Land sinkt seit Jahren rapide. Statt wie früher etwa 20 Prozent, betrug sie Ende April nur noch 13,7 Prozent. Das liegt zwar auch am schnellen Wachstum der polnischen Wirtschaft selbst. Andererseits trifft aber auch ein Scherzwort des britischen Botschafters Crawford die Wirklichkeit, der Polen 2005 aufforderte, sich „zu schämen“, weil die britische Regierung mehr Arbeitsplätze für Polen geschaffen habe als sämtliche Warschauer Behörden zusammen. Das polnische Außenministerium bestellte den respektlosen Briten damals zwar entrüstet ein, und die Botschaft ihrer Majestät musste versichern, Exzellenz habe nur zu scherzen beliebt, aber den Arbeitskräftestrom von Polen auf die Insel haben solche Turbulenzen nicht unterbrechen können.

Westeuropäische Arbeiter im Straßenbau

Auf dem heimischen Arbeitsmarkt steigen die Löhne. Vor allem in den Handwerksberufen und auf dem Bau sind in Polen Arbeitskräfte mittlerweile so knapp geworden, dass kürzlich laut einem Pressebericht sogar eine Ausschreibung für den Neubau einer Autobahn unterbrochen werden musste, weil die Preise zu schnell hochgeschossen waren. Die Firmen, die sich um den Auftrag bewarben, hatten statt billiger Polen teuere Arbeiter aus Westeuropa einkalkuliert, weil der heimische Markt leergefegt ist.

Nicht nur der Arbeitsmarkt spürt die Wirkung der Migration. Die Überweisungen der Ausgewanderten nach Hause – allein im ersten Quartal 2007 etwa 1,5 Milliarden Euro – stärken die polnische Währung. Mit dem überwiesenen Geld werden Häuser renoviert, oder es wird gespart, um später mit ein paar Landwirtschaftsmaschinen oder einem eigenen Lastwagen die Selbständigkeit zu wagen.

Rückkehrer mit liberalen Vorstellungen

Noch wichtiger als die wirtschaftliche Beschleunigung aber ist die Wirkung der Wanderung auf Mentalität und Weltsicht. Ein Land, das über Jahrzehnte vor allem nach innen blickte, und in dessen Medien die Auslandsberichterstattung bis heute ein Schattendasein führt, öffnet sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die polnische Botschaft in London hat mittlerweile festgestellt, dass nach der Ausreisewelle der ersten Jahre mittlerweile der erste Rückstrom eingesetzt hat, und die Rückkehrer verändern das Land.

In den weltabgewandten Armutsgebieten Ostpolens erzählen Lokalpolitiker, die Rückkehrer kämen von ihrer großen Fahrt „selbstbewusster“ zurück. Sie hätten in England anständige Bezahlung kennengelernt, dazu die funktionierende britische Verwaltung. Jetzt ließen sie sich zu Hause nicht mehr alles bieten. Nicht nur das Selbstbewusstsein rückt in die polnische Provinz vor. In den armen Dörfern des Ostens, den Herrschaftsgebieten des klerikalen, antieuropäischen Senders Radio Maryja, sind liberale Vorstellungen auf dem Vormarsch.

Mehr Vertrauen zum Angstgegner Deutschland

In der Tat hat die millionenfache Wanderung der letzten Jahre in Polen ein merkwürdiges Phänomen hervorgebracht: eine Öffnung der Gesellschaft „von unten“. Während nämlich die nationalkonservativen Eliten in Politik und Medien, die Kreise um die regierenden Zwillinge Kaczynski, immer noch zum Teil im hermetisch verschlossenen Universum der Weltkriegsjahre und des Kampfes gegen die kommunistische Diktatur leben und ihr Land zum permanenten Überlebenskampf gegen eine Welt von Feinden rufen, hat sich die Basis der Gesellschaft auf den Flügeln von Ryanair und Easyjet längst der Welt geöffnet. Demoskopen registrieren eine rapide steigende Zustimmung zur Europäischen Union – sie liegt nach Angaben des „Eurobarometers“ gegenwärtig bei 67 Prozent, zehn Punkte über dem europäischen Durchschnitt, und sogar das Bild des alten Angstgegners Deutschland hellt sich von Jahr zu Jahr auf.

Neuerdings scheint dieser Umschwung der Stimmung im Lande sogar die von historischen Finsternissen verschattete Welt des regierenden Brüderpaares Kaczynski zu erreichen. Präsident Lech Kaczynski etwa war vor seinem Amtsantritt kaum im Ausland gewesen. Deutschland, dessen unheilvoller „Drang nach Osten“ ihm den Schlaf raubt, hatte er ein einziges Mal gesehen, und auch das nur beim Umsteigen auf dem Frankfurter Flughafen.

Mittlerweile pflegt er nach mehreren Berlin-Reisen ein fast freundschaftliches Verhältnis zu Bundespräsident Köhler und zu Bundeskanzlerin Merkel. Auch privat versucht Lech Kaczynski mittlerweile, Anschluss zu finden in Polens Marathon in die Welt. Neuerdings, so erzählen seine Mitarbeiter, tut der Präsident, was Hunderttausende seiner Landeskinder längst getan haben: Er nimmt Englischstunden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa

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