Sarkozy in London

Vom Versuch, ein Land zu erobern

Von Johannes Leithäuser, London

27. März 2008 An französische Eroberungsversuche sind die Briten gewöhnt, auch wenn die letzte erfolgreiche Invasion, die unter Wilhelm dem Eroberer, bald 942 Jahre zurückliegt. Dass die Staatsvisite des französischen Präsidenten trotzdem in Windsor und London alberne erwartungsfrohe Aufgeregtheit erzeugt hat, liegt an den unüblichen Hilfstruppen, mit denen Sarkozy seine Charmeoffensive auf den britischen Inseln flankierte: an den Frauen in seinem Gefolge. Es bedurfte bloß einer knappen Willkommenserwähnung der frischen Präsidentenfrau Carla im britischen Unterhaus, um bei den männlichen Abgeordneten jenes typische, laut blökende „hear hear“ hervorzurufen, das allgemein als Ausdruck von Zustimmung gilt, in diesem Fall aber mit Spuren anzüglicher Bewunderung unterlegt war.

Dass der Gast aus Frankreich außerdem seine Mutter (die im letzten Moment auf die Reise verzichtete) und seine Schwiegermutter als Begleitung ansagte und dass Sarkozy an diesem Donnerstag noch vier attraktive Ministerinnen zum ersten französisch-britischen Ministerratstreffen mitbringen wird, hat die Gastgeber schon zu Beginn des Besuches ihrer gewohnten Zurückhaltung beraubt.

Verschüchtert an der Seite der Königin

Es wurde besonders bedauert, dass Andrée Sarkozy in letzter Minute auf die Reise an der Seite ihres Sohnes verzichtete. Die Leser des „Daily Telegraph“ waren schon ausführlich über ihre Stellung im präsidialen Machtgefüge ins Bild gesetzt worden: Sie sei „für die Franzosen so etwas ähnliches wie die Königin-Mutter“.

Und andere professionelle Beobachter des Königshauses hatten sich im selben Blatt ausgemalt, dass Madame Sarkozy womöglich während des ungezwungenen Lunches auf Schloss Windsor eine ergiebigere Gesprächspartnerin für Königin Elisabeth hätte sein können als der Präsident selbst: Beide hätten einander ihre Sorgen mit den Söhnen mitteilen können; über die Scheidungen, über den Hang zu finanziellen Extravaganzen - oder über die großen Ohren.

Der Präsident zeigte jedenfalls am Mittwoch Anzeichen von Verschüchterung an der Seite der Königin, zumal das protokollarische Zeremoniell ihn zwang, auf jede galante Geste zu verzichten. Als nach der Begrüßung am Bahnhof von Windsor die Kutschen eintrafen, um die Gesellschaft hinauf ins Schloss zu befördern, durfte er nicht einmal den Kutschenschlag öffnen und die Gastgeberin um den Vortritt bitten. Elisabeth II. genügte eine knappe Geste mit der Hand, um den Gast anzuweisen, entgegen seiner Absicht als erster einzusteigen. Auch andere Eigenwilligkeiten der Gäste hatten zuvor schon britische Protokollbeamten die Augenbrauen heben lassen: Dass Sarkozy seinen Aufenthalt auf Schloss Windsor kurzerhand auf eine Übernachtung zusammenstrich - ursprünglich hatte er bis Freitag bleiben sollen -, wurde nicht kommentiert, aber immer wieder hervorgehoben.

Die internationale Bühne für die Heimat nutzen

Es ist den Gastgebern auch bewusst, dass sie zur Ausschmückung einer internationalen Bühne gebraucht werden, auf der ihr Gast vor seinem einheimischen, französischen Publikum verlorenes Renommee zurückgewinnen will. Für Elisabeth II. hingegen ist dieser Staatsbesuch - wie die 95 Staatsbesuche, die sie in ihrer Regierungszeit zuvor schon empfangen hat - Teil der üblichen Geschäftstätigkeit. Sie hat schon vier Vorgänger Sarkozys - de Gaulle, Giscard d'Estaing, Mitterrand und zweimal Chirac - im gewohnten Gepränge beherbergt.

Dass Sarkozy am Mittwoch seinen englischen Umarmungsbesuch mit vorsichtigen Worten begann, war schon gerechtfertigt durch die Kulisse britischen Waffenstolzes, die ihn gleich bei der Ankunft umgab. Der Präsident hatte zuvor in einem BBC-Interview geäußert, Großbritannien und Frankreich hätten nun lange genug im Frieden miteinander gelebt, um ihr herzliches Einvernehmen, ihre „Entente cordiale“, in ein freundschaftliches Einvernehmen zu vertiefen.

Dem Sieg bei Waterloo nachempfunden

Doch trotz der britisch-französischen Allianz in zwei Weltkriegen, trotz Anläufen zu einer britisch-französischen Verteidigungskooperation, wie sie Premierminister Tony Blair und Präsident Jacques Chirac vor einem Jahrzehnt schon unternahmen und wie sie jetzt von Sarkozy wiederholt werden wird - die Symbole der britischen Ehrengarde, von der der französische Ehrengast am Mittwoch willkommen geheißen wurde, bewahren andere Erinnerungen: Sie erzählen vom Sieg bei Waterloo.

Die Bärenfellmützen der Grenadiere, die Brustpanzer der Kürassier-Reiterei sind jenen Trophäen nachgebildet, die der siegreiche Wellington auf dem Schlachtfeld nach der Flucht der napoleonischen Truppen einsammelte. Die Soldaten der königlichen Garde hingegen, die jene zweihundert Jahre alten Trophäen tragen, üben ihren Beruf in der Gegenwart aus. Viele von ihnen haben Einsätze im Irak oder in Afghanistan hinter sich.

60.000 Franzosen in London

Vom Sieg über das napoleonische Frankreich erzählen auch die Bilder in Westminster Hall, jener ältesten Halle im Parlamentsgebäude, in der Präsident Sarkozy am Mittwoch vor den Abgeordneten sprach. Hier beschwor er mit größerem Eifer die britisch-französische Zukunft - er hätte es nicht tun müssen, um die Abbildungen vergangener Triumphe verblassen zu lassen. Das britische Empfinden gegenüber den französischen Nachbarn hat in den vergangenen Jahren ohnehin eine freundliche, britischerseits auch erstaunte Färbung bekommen. 300.000 Franzosen leben inzwischen, nach nicht sehr präzisen Statistiken, im Vereinigten Königreich, die meisten sind in London zu Hause, allein im Finanzsektor der Londoner City arbeiten 60.000 französische Angestellte.

Aus diesem Zuzug ziehen die Einheimischen den verwunderten Schluss, dass sie - trotz aller Stereotype über britisches Wetter, britisches Essen und britische Mode - in den Augen ihrer sich in allen drei Punkten überlegen gebenden Nachbarn offenbar an Attraktivität gewonnen haben müssen. Immer öfter dürfen französische Unternehmer in Großbritannien, seien sie Aktienhändler oder Croissantbäcker, in den Zeitungen erzählen, wie angenehm es sei, in Großbritannien unternehmerisch tätig zu werden, wie unbürokratisch und wie vorurteilslos die Geschäfte in Gang kämen.

Dass Nicolas Sarkozy vor Jahresfrist in seinem Präsidentschaftswahlkampf eigens nach London reiste, um für sich und für die Rückkehr der Ausgewanderten zu werben, wird auch in der Erinnerung lebendig gehalten - seither sind noch einmal 10.000 Franzosen über den Kanal auf die englische Seite gezogen.

Der Präsident und seine „Sarko-Babes“

Die Auswanderungsgründe der unternehmungslustigen Franzosen geben den Briten Hinweise darauf, wo die neue, von Sarkozy so sehr gewünschte Brüderlichkeit ihre Verständigungsgrenze erreichen wird. Das britische Freihandelskonzept wird sich mit dem französischen Staatsprotektionismus nicht versöhnen lassen.

Auch Sarkozys feminine Hilfswaffe, die Ministerinnen seiner Regierung, erzeugen in Großbritannien nicht nur neidlose Überwältigung. Wenn britische Boulevardblätter die Pariser Abendcouture der schicken „Sarko-Babes“ mit den hausbackenen Gewändern der britischen Innenministerin oder den Knitterhosen der Verkehrsministerin vergleichen, dann werden Solidaritätsinstinkte im britischen Feminismus wach.

Der Zorn trifft auch allerlei aktuelle Ratgeberbücher englischer Autorinnen, die am Selbstbewusstsein weiblicher Briten nagen, anstatt es - wie eigentlich beabsichtigt - zu heben: „Französische Frauen werden nicht dick“ heißt eines, „Warum Französinnen chic bleiben, das Leben lieben und nicht zunehmen“ heißt ein anderes. Ein drittes Buch gibt den Rat, um sich als Französin zu fühlen, genügten jeder Frau drei Dinge: „zwei Lippenstifte und ein Liebhaber“. Und die Zeitung „Guardian“ fragt sich in ihrer Beilage anlässlich des Sarkozy-Besuches, ob die hässlichen Französinnen eigentlich mutwillig von der Regierung ferngehalten würden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

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