28. Dezember 2008 Die Entscheidung Barack Obamas, Pastor Rick Warren aus Südkalifornien zum Sprechen des Eingangsgebets zu seiner Amtseinführung am 20. Januar auf den Stufen das Kapitols einzuladen, hat bei den linken Anhängern des gewählten Präsidenten einen Sturm der Entrüstung verursacht.
Der 54 Jahre alte Warren, Gründer und Hauptpastor der Megakirche Saddleback Church im Landkreis Orange südlich von Los Angeles, sei ein erklärter Homosexuellenfeind, hieß es. Dem hielt der Gottesmann zwar entgegen, er liebe Homo- wie Heterosexuelle gleichermaßen, ebenso wie er Demokraten und Republikaner liebe. Doch seine Ablehnung der Homosexuellenehe - auch bei der jüngsten Volksabstimmung in Kalifornien am 4. November - bekräftigte der bibeltreue Pastor mit dem Argument, schließlich müssten auch polygame und inzestuöse Verbindungen gesellschaftlich geächtet bleiben.
Damit formulierte Warren eine Grundüberzeugung, die weitgehend Konsens sein dürfte unter den etwa 30 Millionen evangelikalen Christen in Amerika: Homosexualität ist und bleibt eine Sünde, doch so wie Christus die Sünder liebte, so sind auch heute die Sünder jederzeit willkommen im Hause Gottes. Nicht jedoch am Traualtar: Liebe die Sünder und hasse die Sünde, lautet die oft bemühte Formel.
Missionarischer Einsatz in Afrika
Nicht wegen seiner konservativ-konventionellen Haltung im Streit um die Homosexuellenehe ist Pastor Warren, der seine Gottesdienste in Jeans und Hawaii-Hemd zu feiern pflegt, zum wohl einflussreichsten protestantischen Pastor Amerikas aufgestiegen. Sondern weil er das Themenfeld der evangelikalen Christen um deren traditionelle Grundpfeiler wie Schutz des Lebens - gerade auch des ungeborenen - und der Familie sowie religiöser Freiheit herum mit progressiven Gegenständen wie den Kampf für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte, gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung sowie für den Umweltschutz als Auftrag zum Erhalt der Schöpfung erweitert hat.
Wesentlicher Bestandteil des Erfolgs Rick Warrens, der seine heute wöchentlich von mindestens 22.000 Seelen besuchte Saddleback-Kirche 1980 mit einer Handvoll Gläubiger gründete, ist zudem sein im Jahre 2002 erschienener Bestseller The Purpose Driven Life, der auf Deutsch unter dem Titel Leben mit Vision erschienen ist. Das Buch, das weltweit in 40 Millionen Exemplaren verkauft wurde, ist ein Ratgeber zum Finden Gottes. Längst haben Warren und seine Gemeindeglieder ihren Wirkungsbereich über Amerika hinaus ausgedehnt; zumal in Afrika stehen sie im missionarischen Einsatz.
Der Sohn und Enkel von Baptistenpredigern hat mit Leben mit Vision, mit seinen weiteren Bestsellern sowie mit CDs und DVDs viele Millionen verdient. Die biblische Forderung vom Zehnten, die der Gottesfürchtige an die irdischen Vertreter des Allmächtigen zu spenden habe, hat Warren umgekehrt: 90 Prozent seines Privateinkommens, zumal seiner Tantiemen, gibt er an seine Kirche, zehn Prozent behält er für sich und seine Familie.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP