Von Josef Oehrlein
28. Dezember 2007 Der venezolanische Präsident Hugo Chávez wähnt sich als Herr über Raum und Zeit. Deshalb hat er kürzlich, eigenen Phantastereien und Phobien folgend, die Uhrzeit in seinem Land eigenmächtig um eine halbe Stunde zurückstellen lassen, um das Sonnenlicht zu sozialisieren und den Stoffwechsel seiner Landsleute beim Frühstück anzuregen. Und deshalb hält er sich auch nicht an die in der Politik üblichen Umgangsformen, wie jetzt bei der fulminant inszenierten Bekanntgabe seiner Formel, mit der die von der kolumbianischen Guerrilla festgehaltenen Geiseln freikommen sollten.
Wenn Chávez betont, es gehe ihm in aller Bescheidenheit nur um eine humanitäre Lösung und er suche keinen Protagonismus, dann weiß man: Gerade jetzt will er der Welt beweisen, zu was er fähig ist. Als großer Feldherr, der vor einer Landkarte seine Schlachtpläne erläutert, bot Chávez in einer Sache, die eher nach Geheimhaltung und stiller Diplomatie verlangt, das von ihm gewohnte Spektakel aus Belehrung, Besserwisserei und Herabsetzung des Gegners.
Die Schmach saß tief
Er suchte seine Unentbehrlichkeit als Krisenbewältiger zu beweisen. Denn zu tief saß die Schmach. Der kolumbianische Präsident Uribe hatte ihm den Auftrag zur Vermittlung in dem Geiseldrama entzogen, da er sich nicht an Absprachen hielt. Jetzt will er beweisen, dass er als Vermittler auftreten kann, wann immer es ihm beliebt.
Chávez glaubt, sein Land sei aufgrund der reichen Erdöleinnahmen auf natürliche Weise eine Weltmacht, für die keinerlei Verhaltensregeln gelten. Der spanische König Juan hat aber als Erster gezeigt, dass Chávez angreifbar ist: als er auf dem Iberoamerika-Gipfel in Chile den großsprecherischen Revolutionär zum Schweigen aufforderte, weil er ständig dazwischenredete.
Inzwischen wird sogar eingefleischten Anhängern klar, dass Chávez mit seinem Gebaren dem Ansehen seines Landes schadet. Denn allein mit Petrodollars und Wichtigtuerei ist kein Staat zu machen. Die Quittung für die persönliche Großmannssucht war das Referendum, bei dem die von ihm betriebene Verfassungsreform abgelehnt wurde. Mit ihr wollte er sich Vorrechte zusichern lassen, wie sie sich absolutistische Herrscher anmaßen.
Kein politischer Hanswurst
Auch wenn Chávez seine erste große Niederlage eingestand, ist zu bezweifeln, dass er die demokratische Lektion gelernt hat, die ihm seine Landsleute erteilt haben. Bisher haben seine Gegner stets die Beharrlichkeit unterschätzt, mit der er seine Ziele verfolgt. Mit der Verfassungsreform hätte er endgültig diktatorische Machtbefugnisse erhalten. Dass ihm diese verweigert wurden, wird ihn wohl dazu anspornen, auf anderen Wegen die Vollmachten doch noch zu erlangen.
Es wäre allerdings ein Fehler, Chávez wegen seiner Ausfälle oder der kindlichen Anhimmelei seines Vorbilds, des greisen Revolutionsführers Fidel Castro, als politischen Hanswurst abzutun. Er hat unbestreitbar Bewegung in das politische Leben Lateinamerikas gebracht, die Armut und die Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen zum Dauerthema gemacht und dazu beigetragen, dass die Staaten in der Region enger zusammenrücken. Im eigenen Land hat er die Missstände allerdings keineswegs beseitigt, sondern die sozialen Spannungen eher noch verstärkt.
Chávez bleibt weiterhin unberechenbar. Nicht weil er die altsozialistische Liturgie zelebriert und unablässig seinen Sozialismus des 21. Jahrhunderts predigt. Der hat sich längst als ein Sammelsurium aus zusammengelesenen Theorien, Ideen und Weisheiten entpuppt, das keiner ernsthaften Konsistenzprüfung standhält. Gefährlich an Chávez ist, dass er glaubt, alle Welt mit diesem Sozialismussurrogat missionieren zu müssen. Und weil ihm dazu jedes Mittel recht ist, in letzter Konsequenz vielleicht sogar physische Gewalt.
Die Büchse der Pandora wird geöffnet
Gefährlich bleibt Chávez auch, weil er in der Weltgegend, die schon längere Zeit keine größeren Konflikte auszutragen hatte und sich daran gewöhnt hat, Streitfälle mit friedlichen Mitteln beizulegen, eine beispiellose Militarisierungs- und Aufrüstungspolitik betreibt. Der Beistandspakt zwischen Venezuela und dem krisengeschüttelten Bolivien, dem ein Auseinanderbrechen droht, könnte sogar den Präzedenzfall der militärischen Intervention eines lateinamerikanischen Landes in ein anderes heraufbeschwören.
Mit seinem Feldherrnplan für die Befreiung der Farc-Geiseln trägt Chávez schließlich entscheidend dazu bei, die kolumbianische Guerrilla, mit der er recht unverhohlen sympathisiert, salonfähig zu machen. Die Anerkennung der Soldateska aus Entführern und Rauschgifthändlern als Vertragspartner ist ein Teil des Preises, der in der gegenwärtigen Lage für die Befreiung der Entführten zu entrichten ist. Die Frage ist, welche Folgen aus der unausweichlich scheinenden politischen Aufwertung der Farc erwachsen, deren in den Kalten Krieg zurückreichende altkommunistische Weltsicht nur noch ein windiges Schutzmäntelchen für ihre Umtriebe ist.
Chávez ist dabei, die Büchse der Pandora zu öffnen, die für ganz Lateinamerika ein nicht abzuschätzendes Konflikt-potential birgt.
Text: F.A.Z., 28.12.2007, Nr. 301 / Seite 1