Afghanistan

„Die Leute müssen verstehen, daß wir Gutes tun“

Von Christoph Ehrhardt, Mazar-I-Scharif

Zwei deutsche Soldaten im Camp von Mazar-I-Scharif

Zwei deutsche Soldaten im Camp von Mazar-I-Scharif

20. Juli 2006 „Die Wohlfühlhöhe liegt bei etwas mehr als zehn Metern“, sagt der Pilot. Im Tiefflug jagt er wenig später seinen Hubschrauber vom Typ CH-53 mit mehr als 250 Kilometern in der Stunde als Teil einer Dreierformation über die afghanische Wüste. In eleganten Bögen weicht er Sanddünen aus, paßt die Flugbahn dem Bodenrelief an. Konturflug nenne sich das, sagt ein Soldat. Auf der geöffneten Ladeluke am Heck sitzt ein Besatzungsmitglied, blickt auf Sand, Felder und kleine Höfe, die vorbeirasen. Hin und wieder erwidert der Deutsche den Gruß winkender Bauern.

So beeindruckend und unterhaltsam die spektakuläre Kombination aus hoher Geschwindigkeit und niedriger Flughöhe für den Passagier sein mag - sie wird aus Sicherheitsgründen gewählt. Ein Angreifer, der die CH-53 vom Boden mit einer Panzerfaust oder einem Maschinengewehr beschießen wolle, habe so kaum Zeit zum Zielen, erklärt ein Luftwaffenoffizier. Auch in der Luft müssen die deutschen Soldaten während ihres Einsatzes in den Nordprovinzen Afghanistans auf der Hut sein.

Verdeutlichen, daß deutsche Soldaten Gutes tun

Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung beim Truppenbesuch

Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung beim Truppenbesuch

Am Boden häufen sich seit Beginn des Jahres die Angriffe. Der jüngste traf am Mittwoch einen „Fuchs“-Transportpanzer patrouillierender Bundeswehrsoldaten nahe der Hauptstadt Kabul. Jung ist schon auf dem Rückweg, als die Kunde von dem neuen Angriff im „Camp Marmal“ in Mazar-i-Scharif eintrifft. „Die Bundeswehr wird ihren Auftrag erfüllen“, hat er dort - wie schon am Vortag - bekräftigt.

Man müsse den Menschen verdeutlichen, daß die deutschen Soldaten Gutes täten. Wenn sie das erkennen würden, ließen auch die Terroranschläge nach. Afghanische Journalisten wollten wissen, ob die Deutschen angesichts der verschärften Sicherheitslage überhaupt noch vorhätten zu bleiben.

Logistische Drehscheibe im Norden des Landes

Zuvor war der Minister für einen offiziellen Anlaß in das Führerhäuschen eines Kranwagens geklettert: Er setzte den letzten Container des Blocks 173-3 auf dem staubigen Boden ab. Es werden noch einige Containerblöcke folgen, bis das einen mal zwei Kilometer große Lager in der Endversion rund 2.400 Soldaten faßt.

Es ist die logistische Drehscheibe der „Internationalen Schutztruppe in Afghanistan“ (Isaf) im Norden des Landes, und es ist der Sitz von Brigadegeneral Markus Kneip, dem Kommandeur der Isaf-Kräfte für die Nordprovinzen. „Potsdamer Platz“ nennen seine Soldaten das Lager, die „größte Baustelle Deutschlands“. Wir werden noch länger hierbleiben, suggerieren die Bauarbeiten.

Sorgen angesichts der zunehmenden Terroranschläge

Am Dienstag hatte Jung die Bundeswehrsoldaten in den Isaf-Stützpunkten in Faizabad und Kundus besucht und im usbekischen Termez übernachtet. Den deutschen Durchhaltewillen hat er dabei mehrmals beschworen. Auch sorgenvolle Worte angesichts der zunehmenden Terroranschläge sind ihm öfter über die Lippen gekommen. Es herrscht eine verunsicherte Stimmung, mit der Jung umgehen muß - und mit der vor allem seine Soldaten umgehen müssen.

Der Minister im Führerhäuschen des Kranwagens

Der Minister im Führerhäuschen des Kranwagens

„Da haben wir Glück gehabt“, ist eine Wendung, die der Sprecher des Regionalen Wiederaufbauteams (PRT) in Kundus, Oberstleutnant Timmermann-Levanas, häufiger benutzt - wenn er davon berichtet, wie im Mai ein selbstkonstruierter Sprengsatz ein Loch in den Boden eines „Fuchs“-Transportpanzers riß und wie durch ein Wunder niemand dabei verletzt wurde; oder wenn er davon berichtet, wie eine Bundeswehrpatrouille sich Ende Juni einem Feuerüberfall ausgesetzt sah - und es für die deutschen Soldaten glimpflich ausging: drei wurden nur leicht verletzt.

Alte Gaskocher werden zu Bomben

Die afghanischen Attentäter sind erfinderisch, wenn es um die Konstruktion von Sprengfallen geht. Alte Raketengeschosse werden über Wecker gezündet, die einst Touristen verzückten, weil sie die Form einer Moschee haben und statt des Klingelns der Gebetsruf des Muezzins ertönt. Alte Gaskocher werden zu Bomben, die deutschen Soldaten zu ihren Zielen.

Zackig schreitet Jung durch die Stützpunkte. Der Minister fragt viel, bleibt trotz sengender Hitze oft stehen. Er durchquert „Sportzelte“, in denen Soldaten zu lauter Rapmusik Gewichte stemmen oder sich auf Laufbändern abmühen, er passiert Informationstafeln über Skorpione und Giftschlangen. Er läßt sich die strategische Lage der Stützpunkte auf Aussichtspunkten erklären.

Ersatzteile werden am dringendsten gebraucht

Er habe noch mit dem alten G3-Gewehr umgehen müssen, scherzt Jung, als er einen Soldaten in Faizabad beim Reinigen seiner Pistole sieht, und ein Soldat fragt im Hintergrund ironisch, ob nun ein Verteidigungsminister, der gedient hat, als Nostalgiker für die Truppe eigentlich gut sei oder nicht. Daß die Bundeswehr, die Jung jetzt in Afghanistan besucht, ganz andere Bedürfnisse hat als die, in deren Dienst er sich vor mehr als 37 Jahren durch den Detmolder Schnee kämpfte, ist dem Minister aber bewußt. Öfters kommt Jung auf den „Transformationsprozeß der Bundeswehr zu einer Armee im Einsatz“ zu sprechen.

Daß dieser noch nicht ganz abgeschlossen zu sein scheint, zeigt sich zum Beispiel an logistischen Schwierigkeiten. „Ersatzteile“, antwortet ein Unteroffizier in Faizabad, das man derzeit nur mit dem Hubschrauber erreichen kann, prompt auf die Frage, was dringend gebraucht werde. Verschleißteile an den Fahrzeugen wie Reifen oder Achsen nutzen sich in dem unwirtlichen Gelände schnell ab. Wenn die Fahrzeuge von den - teils tagelangen - Patrouillenfahrten zurückkehren, haben sie oft arg gelitten. Daß nach dem jüngsten Befehl - die Soldaten sollen sich nur noch in geschützten Fahrzeugen bewegen - bisweilen das eine oder andere Gefährt nicht für einen Einsatz in Frage kommt, macht es nicht einfacher.

Schwerpunkt von Wiederaufbau in Richtung Sicherheit

Die Bundeswehr muß sich umstellen, und das hat in den vergangenen Tagen zu irritierenden Fragen geführt. Wollen die Soldaten früher schießen dürfen? Wollen sie ein neues Mandat? Es gehe nur darum, daß sich innerhalb des bestehenden Auftrags der Isaf angesichts der angespannten Sicherheitslage der Schwerpunkt von Wiederaufbau in Richtung Sicherheit verschiebe, sagt ein Isaf-Sprecher in Mazar-i-Scharif.

Man erkenne nun noch deutlicher, daß Wiederaufbau ohne Sicherheit nur schwer möglich sei - und der Wiederaufbau bilde den Kern der Isaf-Strategie. Die Befugnis, sich selbst verteidigen zu dürfen, reiche zum Selbstschutz aus. „Wir müssen im Feld mehr Präsenz zeigen“, sagt er aber. Das Mandat der Bundeswehrsoldaten sei dabei enger gesteckt als das der Isaf.

Offen auf Menschen zugehen und entspannt auftreten

Von grundlegenden Problemen will Oberstleutnant Timmermann-Levanas nichts wissen. Sicher sei die Zusammenarbeit mit lokalen Machthabern nicht einfach, aber die Bundeswehr in Kundus habe in Zusammenarbeit mit den afghanischen Behörden schon gute Erfolge erzielt. Die Deutschen wollten weiter offen auf die Menschen zugehen und entspannt auftreten - der nunmehr erhöhten Konzentration im Einsatz zum Trotz.

Ein Unteroffizier, auf den schon geschossen wurde, sagt, es falle schwer, das Mißtrauen abzuschütteln. Man müsse einfach das tun, was man in der Ausbildung gelernt habe, und das tue man automatisch. Andere sagen, man müsse eben flexibel agieren.

Text: F.A.Z., 20.07.2006, Nr. 166 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa

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