Walter Veltroni

Der Feinsinnige

Von Tobias Piller, Rom

04. Februar 2008 Nun wird Walter Veltroni gegen Silvio Berlusconi antreten. Er will den neuen Hoffnungsträger in der italienischen Politik darstellen, den jüngeren Politiker, der einer Generation von Siebzigjährigen folgt. Doch vier Monate nach der triumphalen Wahl zum Chef der „Demokratischen Partei“ mit den Stimmen von mehr als drei Millionen Italienern ist für Veltroni die italienische Politik schon zum Minenfeld geworden.

Wenn sich Veltroni als Visionär gibt oder als treuherziger Sachwalter für die Interessen der Durchschnittsbürger, können ihm allerdings die Konkurrenten innerhalb der Partei nicht das Wasser reichen. Während die anderen italienischen Politikprofis sich Positionskämpfe um so harte Themen wie Haushalts- oder Außenpolitik liefern, kultiviert Veltroni die weichen: Kultur und Medien.

Bisher hat sich Veltroni bewusst von der Bühne der nationalen Politik ferngehalten

Bisher hat sich Veltroni bewusst von der Bühne der nationalen Politik ferngehalten

Geprägt hat ihn der Lebenslauf des Vaters, den Walter Veltroni nie gekannt hat, weil er schon starb, als der Sohn erst ein Jahr alt war. Vater Vittorio Veltroni war in der Nachkriegszeit ein führender Kopf im Staatssender Rai und Chefredakteur der Nachrichtensendungen. Der Sohn Walter fühlt sich deshalb schon immer angezogen von Kino und Film. Mit Hingabe widmete er sich ebenfalls der Aufgabe des Chefredakteurs der Parteizeitung „Unità“ von 1992 bis 1996.

Veltroni bewundert John F. Kennedy

Dann gewann Romano Prodi zum ersten Mal eine Wahl gegen Silvio Berlusconi und suchte sich unter den Linksdemokraten ausgerechnet Veltroni, der harmloser wirkte als andere und sich zudem noch mit dem Kulturministerium abspeisen ließ. Das „Ministerium für die Kulturgüter“ galt im Parteiengeschacher der frühen Jahre stets als das letzte Trostpflaster. Veltroni gelang es in dem Amt jedoch, mehr Macht und Aufsehen herauszuschlagen als seine Ministerkollegen in anderen Ressorts.

Er profitierte davon, dass Italien wenige Jahre zuvor begonnen hatte, vergessene Kunstdenkmäler wieder zu restaurieren. Veltroni hatte viel zu eröffnen und nistete sich in den Köpfen der Italiener als derjenige ein, der verloren geglaubten Kunstschätzen wieder ihre gebührende Bedeutung zurückgab und damit auch noch für die Städte den Tourismus ankurbelte. Zum Nimbus des kulturellen Neuerers passt schließlich auch die Bewunderung Veltronis für John F. Kennedy. Ausgerechnet er, der in jungen Jahren als kommunistischer Funktionär nicht in die Vereinigten Staaten reisen durfte, war beeindruckt vom neuen Schwung und den neuen Hoffnungen, mit denen Kennedy die Amerikaner begeisterte.

Haben die Italiener genug von der Methode Prodis?

Unverbraucht wirkte Veltroni bisher, weil er sich als Bürgermeister von Rom - er ist es seit 2001 - bewusst von der Bühne der nationalen Politik fernhielt. Im Gegensatz zum allgegenwärtigen und viel redenden Vorgänger Francesco Rutelli hat Veltroni viele Probleme der Stadt pragmatisch angepackt und manches geändert. Die Rolle des Beobachters hat zudem den Blick auf die Schwächen im politischen System geschärft.

Die Italiener hätten genug von der Methode Prodis, aus vielen zerstrittenen Partnern eine Koalition zu machen, sagt Veltroni realistisch. Prodi habe viele heterogene Verbündete hinter sich geschart; was diese dann in Prodis „Ideenfabrik“ als Programm hervorgebracht hätten, erweise sich längst als der kleinste gemeinsame Nenner, sei voller Widersprüche. Eine dritte Auflage der Prodi-Koalition von extrem links bis zur Mitte würden Italiens Wähler sowieso nicht akzeptieren. Deshalb sucht Veltroni das Beste aus der gegenwärtigen Situation zu machen. Die „Demokratische Partei“ werde nun allein antreten und nach einer Wahl für Geschlossenheit garantieren, verspricht der künftige Spitzenkandidat.

Losgelöst von altem Ballast

Sein Gegner heißt Berlusconi

Sein Gegner heißt Berlusconi

Zugleich nutzt sich aber bei Veltroni jeden Tag mehr der Eindruck des Neuen ab. Der Wahlkampfgegner Berlusconi hat längst herausgestellt, dass Veltroni schon seit Jahrzehnten Politik mache und gar nicht so frisch sei, wie er vorgebe. Mit seinen 52 Jahren wirkt Veltroni zudem auch nicht mehr so jung wie 1996 bei seinem ersten nationalen Wahlkampf um eine Spitzenposition - an der Seite von Prodi. Doch Veltroni hat Geduld und sieht noch viele Jahre in der italienischen Politik vor sich. Vorbei sind die Zeiten, in denen er sagte, nach acht Jahren als römischer Bürgermeister werde er genug haben von der politischen Karriere und danach als Entwicklungshelfer nach Afrika gehen.

Der Sturz der Mitte-links-Regierung von Romano Prodi, die Bemühungen um eine kurzlebige Übergangsregierung und die Vorbereitung eines neuen Wahlkampfs bilden jedoch nur die Rahmenhandlung für den Strategietest, den Walter Veltroni zu bestehen hat. Seit Oktober 2007 ist er der erste Sekretär der „Demokratischen Partei“, hervorgegangen aus einer schwierigen Vereinigung einerseits der Linksdemokraten, mit historischen Wurzeln in der kommunistischen Partei Italiens, und andererseits der „Margherita“, einer Sammelpartei mit dem linken Flügel der ehemaligen Christdemokraten.

Damit sollen die Wunschträume von mehr als zehn Jahren verwirklicht werden, die um eine starke Sammelpartei auf der linken Seite des Parteienspektrums kreisten, losgelöst von altem ideologischem Ballast und voller frischem Reformgeist. Doch eigentlich müsste Veltroni der neuen Partei erst Leben einhauchen, die Differenzen zwischen den Flügeln überwinden helfen und zuvor auch noch die Gräben einebnen, die Machtkämpfe in Regionen oder Provinzen aufgerissen haben.

Verbrannte Erde

Parteifreunde und Verbündete haben aber die Pläne durchkreuzt. Der gescheiterte Romano Prodi sieht sich zwar selbst als der eigentliche Urheber der Idee von einer reformerischen Sammelpartei, doch brachte er immer nur Wahlbündnisse zustande. Nun musste er eifersüchtig zuschauen, wie andere die herbeigesehnte Partei tatsächlich gründeten, wie die Demokratische Partei die mühsam ausbalancierten Gleichgewichte in der Zehn-Parteien-Koalition durcheinanderbrachte und wie in Walter Veltroni ein Konkurrent heranwuchs. Deshalb zeigte sich Prodi am Schluss so starrköpfig, als eine Splitterpartei der Koalition die Unterstützung entzog.

Deswegen bestand Prodi darauf, sich im Senat, der zweiten Kammer des Parlaments, das Misstrauensvotum auch tatsächlich abzuholen. Statt geräuschlos das Feld zu räumen und seiner Mitte-links-Koalition noch eine Chance zum Weitermachen zu lassen, hat Prodi verbrannte Erde hinterlassen: Veltroni muss sich nun wohl viel schneller als erwünscht in Neuwahlen bewähren. Und Prodi hat dafür gesorgt, dass bei den Italienern eine lebhafte Erinnerung an das Scheitern der Mitte-links-Regierung haftenbleibt. Die Konsequenzen für die nächsten Wahlergebnisse soll aber Veltroni tragen.

Auch Massimo D'Alema will an die Macht

Die Konkurrenten aus den Zeiten der kommunistischen Partei bestätigen zudem die alte Weisheit, dass Parteigenossen die schlimmsten Feinde sein können. Massimo D'Alema, seit Jahren Konkurrent um die Macht, zuletzt Außenminister und Vizepremier in der Regierung Prodi, arbeitete zum Schluss offen gegen Veltroni. Der wollte eine Verständigung mit Oppositionsführer Silvio Berlusconi über ein neues Wahlgesetz, das die großen Parteien begünstigen sollte.

Dagegen profilierte sich Massimo D'Alema mit Forderungen zum Wahlgesetz, die genau das Gegenteil von Veltronis Vorschlägen für Berlusconi darstellten. Zuletzt präsentierte D'Alema den Plan, vor Neuwahlen noch schnell eine Volksabstimmung über das Wahlgesetz abzuhalten. Die würde ein System mit nur noch zwei großen Parteien übriglassen und den Demokraten helfen, auch noch Berlusconis eben befriedetes Wahlbündnis durcheinanderzuwirbeln. Wieder einmal hat der Nebenbuhler D'Alema bewiesen, dass er taktisch schlauer und gerissener ist als sein Konkurrent. Veltroni bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als die schwierige Rolle des Spitzenkandidaten gegen Berlusconi zu übernehmen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.-David Smith, REUTERS

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