26. Juni 2007 Bevor sie sie steinigen, schlagen und treten die Männer die junge Frau in der roten Trainingsjacke. Vergeblich versucht die Dunkelhaarige, sich aufzurichten und ihr Gesicht zu schützen. Dann fliegen die ersten Steine. Ein Steinblock zertrümmert ihren Schädel. Reglos bleibt sie in einer Blutlache liegen.
Die verwackelten Aufnahmen, offenbar mit der Kamera eines Mobiltelefons gemacht, verschickten in diesen Tagen Abgeordnete des Europäischen Parlaments. Er hoffe, dass das Video anrege, darüber nachzudenken, worum es in Iran wirklich geht“, denn dort führe das Regime Krieg gegen das eigene Volk, schreibt der portugiesische Abgeordnete Paulo Casaca dazu. Neue Steinigungen stünden im nordostiranischen Takistan unmittelbar bevor.
Der Hintergrund war ein anderer
Die schockierende Aufnahme spricht für sich. An ihrer Echtheit besteht kein Zweifel – wohl aber an den begleitenden Angaben über die Entstehung. Nach Angaben der Abgeordneten und der beiden Exiliraner, die sie an die Politiker weiterleiteten, filmte sie vor einigen Wochen ein Amateur“ im iranischen Bergbauort Khatunabad. Bei genauerer Betrachtung erinnern die Bilder aber an Filme, die schon vor gut zwei Monaten im Internet auftauchten – aus dem Nordirak: Sie zeigten, wie am 7. April in der kleinen Stadt Bashiqa unweit Mossuls ein entfesselter Mob die 17 Jahre alte Dua Khalil Aswad zu Boden warf, auf sie eintrat und mit Steinen erschlug. Das schwarzhaarige Mädchen trug eine rote Trainingsjacke und einen schwarzen Rock, genau wie die junge Frau auf dem angeblich aus Iran stammenden Video.
Auf der Internetseite YouTube“, einem Portal für Videos aller Art, sind bis heute Ausschnitte dieser Aufnahmen zu sehen, die der amerikanische Sender CNN in seiner Berichterstattung verwendet hat. Bis auf die Art der Ermordung hat der Tod der Irakerin aber nichts mit Steinigungen in Iran zu tun: Dort verhängen Richter die Todesstrafe für Untreue oder ähnliche Vergehen. Die Verurteilten werden dann eingegraben – Männer bis zur Hüfte, Frauen bis zum Hals –, bevor der Richter den ersten Stein wirft.
Von all dem war auf dem angeblich aus Iran stammenden Video mit seinen eher chaotisch wirkenden Szenen nichts zu sehen, zu denen es beim Mord an Dua Khalil Aswad gekommen war. Auch der Hintergrund war ein anderer.
Liebesbeziehung zu einem jungen Muslim
Es waren Angehörige des Mädchens und andere Mitglieder der jezidischen Minderheit, die die Ehre der Familie und die Gesetze ihrer Religionsgemeinschaft verletzt sahen. Die junge Kunststudentin hatte eine Liebesbeziehung zu einem jungen Muslim begonnen. Mitglieder ihrer uralten nahöstlichen Religion, die weder islamisch noch christlich ist und oft als Teufelsanbetung verfolgt wurde, dürfen jedoch traditionell nur untereinander heiraten.
Der jungen Frau wurde nachgesagt, sie sei zum Islam übergetreten, um so eine neue Grundlage für ihre Beziehung zu ihrem muslimischen Freund zu schaffen. Damit hatte sie eine Grenze überschritten, für die sie in den Augen eines Teils ihrer Familie und anderer Jeziden den Tod verdiente - mit schlimmen Folgen in den Tagen danach: Denn radikale Muslime, die den Berichten glaubten, sie sei zum Islam übergetreten, rächten den Mord. Mehr als 20 Jeziden wurden im Nordirak getötet.
Dieselbe Szene, dasselbe Opfer
Den Mord an der jungen Irakerin hatte im April der Stern-Redakteur Christoph Reuter zusammen mit mehreren kurdischen Journalisten recherchiert. Als er jetzt das angeblich neue Handyvideo aus dem iranischen Khatunabad sah, war für ihn sofort klar, dass es die schrecklichen Bilder vom Mord an Dua Khalil Aswad zeigte: Es ist dieselbe Szene, dasselbe Opfer, sind dieselben Steine, wenn auch andere Aufnahmen. Das ist nicht allzu verwunderlich angesichts der Zahl der Handykameras, sagt Reuter, dessen Mitarbeiter zahlreiche Zeugen befragt und auch die Obduktionsergebnisse eingesehen hatten.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Kamal Sido, Nahost-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. Er hat sowohl die Videos vom Tod von Dua Khalil Aswad gesehen als auch das, das aus Iran kommen soll. Bis auf die Geräusche zeige es eindeutig die Bilder aus dem Nordirak. Nur statt der Rufe der aufgebrachten Menge sei jetzt Koranrezitation zu hören, sagt er und spricht von Manipulation.
Firouz Mahvi hat dagegen keine Zweifel an der Herkunft des Filmmaterials. Für gezielte Desinformation des in Panik geratenen Regimes in Teheran hält das Mitglied des Nationalen Widerstandsrats Iran die Behauptung, die Aufnahmen kämen aus dem Nordirak. Seine Organisation habe die Bilder jedoch nicht selbst an die Öffentlichkeit gebracht - eine für die Pressearbeit der international schlagkräftigsten Organisation der iranischen Exilopposition eher untypische Zurückhaltung: Bei Menschenrechtsverletzungen oder dem Atomprogramm des Mullah-Regimes wendet sich der Widerstandsrat sonst schnell an die Presse.
Ehrenmord im Nordirak
International machte die in Amerika lebende Exiliranerin Banafsheh Zand-Bonazzi das Video bekannt, wie sie selbst sagt: Meine Aufgabe ist es, die Fakten nach draußen zu bringen und das wahre Gesicht eines Regimes zu zeigen, mit dem Länder wie Deutschland Geschäfte machen. Weitere Nachfragen beendet die Filmemacherin und Regimekritikerin empört mit dem Vorwurf, diese kämen einer Beleidigung gleich, die sie an Europäer erinnere, die Iraner wie sie immer wieder als Lügner abstempelten.
Der Europaabgeordnete Paulo Casaca sieht keinen Grund, an der Herkunft des neuen Films zu zweifeln. Er sei überrascht, dass sich einige Journalisten die Darstellung der Regierung in Teheran zu eigen gemacht haben, und rät diesen, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Die tschechische Europaabgeordnete Jana Hybášková, die das Video ebenfalls versandt hatte, lässt erleichtert mitteilen, dass die in Iran angekündigte Steinigung aufgrund internationaler Proteste ausgesetzt worden sei. Auf die Hinrichtung des wegen Ehebruchs angeklagten Paares hatte sie in ihrer ersten Mail hingewiesen, die das Video begleitete. Trotz eines vor fünf Jahren verhängten Moratoriums kommt es in Iran nach Informationen von Amnesty International und Human Rights Watch weiter zu Steinigungen; zuletzt wohl im Mai 2006. Elf Menschen droht in Iran derzeit diese grausame Hinrichtung.
Im Nordirak gab es nach dem Tod von Dua Khalil Aswad mehrere Festnahmen, Mahnwachen und Demonstrationen. Die kurdische Regionalregierung und das Parlament befassten sich mit dem Ehrenmord, der im Nordirak kein Einzelfall gewesen sein soll. In Bashiqa soll jetzt sogar ein Denkmal errichtet werden.
Text: F.A.Z.