Kampf der Minderheiten

Die Gewalt wandert in den Nordirak

Von Hans-Christian Rößler

16. August 2007 Es war wohl kein Zufall, dass vor wenigen Tagen auf einschlägigen irakischen Internetseiten wieder ein altes Video auftauchte: Die mit einer Handykamera gemachten verwackelten Aufnahmen zeigen, wie im April in einer Kleinstadt bei Mossul ein entfesselter Mob die 17 Jahre alte Jesidin Dua Khalil Aswad mit Steinen erschlägt. Ihr wurde nachgesagt, aus Liebe zu ihrem muslimischen Freund zum Islam übergetreten zu sein. Mitglieder ihres Clans sollen die angebliche Konvertitin ermordet haben.

Aus Rache für die neue Muslimin zerrten kurz darauf sunnitische Extremisten 23 Jesiden aus einem Bus und töteten sie. „Die Steinigung hat die Lage der Jesiden weiter verschärft. Sie könnte ein weiterer Grund für die Anschläge am Dienstagabend gewesen sein“, vermutet Kamal Sido, Nahost-Referent der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in Göttingen. Sunnitische Terroristen hatten die Menschen in der Gegend von Kahatanija jedenfalls schon eine Weile im Visier: Als „Ungläubige“ verdienten sie den Tod, hieß es auf Flugblättern der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak“, die in der vergangenen Woche dort kursierten.

Streit um Kirkuk

Bis vor kurzem galt der Norden des Iraks als sicherster Teil des Landes. Aber spätestens seit der Streit über die politische Zukunft der vorwiegend von Kurden bewohnten Gebiete an Schärfe gewonnen hat und eine Entscheidung bevorsteht, hat auch dort die Gewalt zugenommen: In einem Referendum sollen die Einwohner des Nordens nach der bisherigen Planung noch in diesem Jahr klären, ob die Provinz Kirkuk der autonomen Region Irakisch-Kurdistan zugeschlagen wird oder Teil des (arabischen) Iraks bleibt.

Vor allem die Sunniten sind dagegen, dass die Kurden Kontrolle über die Ölstadt Kirkuk und weitere Gegenden erhalten. Die Nachbarstaaten des Iraks wiederum, in denen zum Teil große kurdische Bevölkerungsgruppen leben, wollen nicht, dass die Kurden im Nordirak noch stärker werden. (Siehe dazu: Türkei und Irak: Drohungen und Gespräche)

Seit Beginn der amerikanisch-irakischen Großoffensive in Bagdad und den angrenzenden Provinzen wichen zudem anscheinend sunnitische Terrorgruppen verstärkt in den Nordirak aus; dort fällt es ihnen leichter, Anschläge zu verüben. Im vergangenen Monat griffen sie in Kirkuk ein Büro der „Patriotischen Union Kurdistans“ (PUK) von Staatspräsident Talabani an; 80 Menschen wurden getötet. Zuvor waren bei Attentaten in Mahmur und Mandali mehr als 70 Kurden getötet worden.

Kurdisches Vormachtstreben

Aber besonders haben es die Extremisten auf religiöse und ethnische Minderheiten abgesehen. Anfang Juli kamen bei einem Selbstmordanschlag in Amirli südlich von Kirkuk 150 Menschen um; in der Gegend leben vorwiegend schiitische Turkmenen. Der Vorsitzende des „Rats der Irakischen Minderheiten“, der Parlamentsabgeordnete Hunain Qaddo, berichtet, dass seit 2003 alleine etwa 1000 der bis zu 400.000 Shabak durch Gewalt umgekommen seien. Die meisten Mitglieder dieser Minderheit gehören einer schiitischen Glaubensrichtung an, eine Minderheit ist sunnitisch. (Siehe dazu: Jesiden im Nordirak: Scheich Adis verfolgte Anhänger)

Die Verschlechterung der Sicherheitslage trifft aber auch diejenigen Iraker, die aus Basra oder Bagdad in den Norden geflohen sind, weil es dort für sie zu gefährlich geworden ist. Mehrere zehntausend chaldäische, assyrische und mandäische Christen sind unter ihnen, und der Exodus dauert an. „Die fast zweitausendjährige Geschichte der Christen auf dem Gebiet des heutigen Iraks steht vor ihrem Ende“, befürchtet die „Gesellschaft für bedrohte Völker“: Vor 30 Jahren waren es laut einer Volkszählung noch 1,4 Millionen, zu Kriegsbeginn im Jahr 2003 noch etwa 650.000 Christen, von denen mittlerweile etwa drei Viertel aus ihrer Heimat vertrieben worden seien.

Allein in den ersten Monaten dieses Jahres wurden nach diesen Angaben im Irak 30 Morde von Christen und zahlreiche Entführungen gezählt. Viele hält deshalb nichts mehr im Irak, und sie reisen, sobald sie können, vom Norden nach Syrien und Jordanien weiter. Das tun einige aber mittlerweile auch deshalb, weil sich Klagen über Übergriffe kurdischer Sicherheitskräfte im Nordirak häufen. Der Wunsch nach mehr Autonomie für ihre Minderheit kollidiert mit dem Vormachtstreben der Kurden, dem sie sich nicht unterordnen wollen. (Siehe dazu: Selbstmordanschläge: Hunderte Menschen im Irak getötet)



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS

 
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