08. Juli 2009 Als der Hubschrauber Angela Merkel am Morgen im zerstörten Abruzzen-Dorf Onna abgesetzt hat, ist der Kanzlerin womöglich nicht bewusst, dass sie den Opfern des Erdbebens vom April nicht nur mit den drei Millionen Euro der Bundesregierung für den Wiederaufbau der örtlichen Kirche helfen wird. Wenn die Gipfel-Organisatoren ihre Ankündigung wahrmachen, werden sie nämlich zugunsten der Obdachlosen auch noch die Holzmöbel versteigern, mit denen sie einige der Stuben in der Finanzpolizeischule in L'Aquila eingerichtet haben, um den Staats- und Regierungschefs für die drei Tage dort eine würdige, wenn auch alles andere als luxuriöse Unterkunft zu bieten, wie es offiziell heißt. So könnte die Kanzlerin also bald erfahren, was ein Nachttisch Wert ist, wenn sie einmal ihre Bettlektüre darauf abgelegt hat.
Gastgeber Silvio Berlusconi hatte kurz nach dem Beben das diesjährige Treffen der führenden Wirtschaftsnationen zum Arbeitsgipfel der Nüchternheit erklärt. Nach einem solchen Beben sei es einfach zu schön auf dem Archipel La Maddalena, vor dem der italienische Ministerpräsident ursprünglich mit seinen Kollegen auf einem Kreuzfahrtschiff herumschippern wollte. Die G-8-Partner hatten die kurzfristige Verlegung zunächst etwas ungläubig zur Kenntnis genommen. In mancher europäischen Botschaft hoffte man noch, Obamas Secret Service werde die Verlegung mit dem unvermeidlichen Organisationschaos vielleicht noch abwenden. Aber rasch war klar, dass sich keine Regierung der von Berlusconi verkündeten Solidaritätsgeste entziehen konnte - auch wenn die Hotels der Umgebung bis unter das Dach mit Obdachlosen belegt sind.
Gaddafis Zelt als Zufluchtsort
Die Deutschen immerhin sagen, dass ihnen das Limit, jede Delegation dürfe nur 30 Leute in die Polizeischule mitbringen, keine Probleme bereitet habe. Wer mit größerem Gefolge reist, musste seine Leute in weit entfernt liegenden Unterkünften einquartieren. Völlig frei von solchen Nöten blieb wohl nur die libysche Delegation. Staatschef Gaddafi, als amtierender Präsident der Afrikanischen Union (AU) von Berlusconi nach Italien gebeten, hat für sein Zelt in der Gegend der Zeltstädte der Erdbebenopfer problemlos Platz gefunden. Als sich vor dem Gipfel die Meldungen über Nachbeben in den Abruzzen häuften, scherzten Diplomaten in Berlin, vielleicht könne man sich dann in das Zelt des Revolutionsführers retten.
Wie auf jedem G-8-Gipfel bemühen sich zahllose Nichtregierungsorganisationen, die Aufmerksamkeit auf die Not der Ärmsten der Welt zu lenken. Sie unterstellen Berlusconi, er habe L'Aquila als Welt-Hauptstadt des Leides zum Gipfelort erklärt, um von Italiens Versäumnissen in der Entwicklungshilfe abzulenken. Als Berlusconi auf seiner Pressekonferenz zum Gipfel-Programm vorige Woche die Nahrungsmittelkrise erwähnte, mit der sich der Gipfel vor allem am Freitag beschäftigen soll, sprach er denn auch nur von den vier Milliarden Dollar, die Obama auf den Tisch gelegt hat, und kündigte nicht etwa italienische Sonderanstrengungen an.
Die G 8 in Erklärungsnot
Standhaft behauptet der italienische Zivilschutz, die Vorbereitungen für den G-8-Gipfel hätten seine Mitarbeiter keineswegs vom Wiederaufbau der zerstörten Häuser abgelenkt. Vielmehr werden Synergieeffekte gepriesen: All die Feldbetten und Kleinmöbel in den Delegiertenzimmern könnten schon bald in jene Behausungen gebracht werden, die den Zehntausenden Obdachlosen für den frühen Herbst versprochen worden sind. Doch noch schwitzen sie in ihren Zelten und werden in diesen drei Tagen auch noch durch ständiges Hubschraubergeknatter um die Ruhe gebracht.
Denn Berlusconi zelebriert den größten G-8-Gipfel aller Zeiten. Wenn am Freitag das letzte von drei Familienfotos geschossen wird, dann werden dafür 38 Staats- und Regierungschefs oder Leiter internationaler Organisationen Aufstellung nehmen. Für die G 8 als effiziente Organisation sei das ein Problem, sagen Diplomaten. Spätestens seit den Weltfinanzgipfeln in Washington und London mit jeweils mehr als 25 Teilnehmerstaaten steht die G 8 unter großem Druck, ihre Existenzberechtigung in einer Welt zu beweisen, in der alles von allen abzuhängen scheint. Selbst Bundeskanzlerin Merkel, die vor kurzem noch zu den hartleibigen Verteidigern der G 8 gezählt wurde, hat der G 20 nun zugestanden, sie seien künftig das überwölbende Format. Da ist es kein purer Scherz, wenn ein wichtiges Mitglied ihrer Delegation sich lediglich zu der Versicherung durchringen mag, das Treffen in L'Aquila werde nicht der letzte G-8-Gipfel gewesen sein.
Nicht nur zu Abend essen
Das Bundeskanzleramt ist bemüht, Frau Merkels Aussage nicht als Kehrtwende, sondern als logische Konsequenz ihrer Politik darzustellen. Tatsächlich soll an diesem Donnerstag die Fortsetzung und inhaltliche Ausweitung einer Einrichtung offiziell beschlossen werden, die im Jargon Heiligendamm-Prozess heißt und die Einbindung der in der G 5 versammelten Schwellenländer China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika bezeichnet. Vor zwei Jahren hatte sich die Kanzlerin als G-8-Präsidentin dafür eingesetzt, diesen neuen Wirtschaftsmächten Gespräche auf Augenhöhe zu ermöglichen. Sie waren auch vorher schon zu G-8-Gipfeln geladen worden.

Am Rande des Gipfels: Einwohner von L’Aquila protestieren dagegen, dass sie noch in Zelten wohnen müssen
Da hieß das aber noch O 5, wobei das O für Outreach stand - doch es war klar geworden, dass die selbstbewussten Länder nicht mehr eine gnädig hingehaltene Hand ergreifen und mit den wahrhaft mächtigen Acht zu Abend essen wollten, sondern dass sie als Partner ernstzunehmen waren. Ihren Status als Entwicklungsländer wollen die fünf gar nicht aufgeben, weil ihnen das Lasten aufbürden würde, ob beim Klimaschutz oder in der Entwicklungshilfe. Andererseits machten sie ihren Unmut darüber deutlich, dass die Themen der gemeinsamen Beratungen noch sehr von der G 8 bestimmt wurden - von der Klimapolitik bis zum Schutz des geistigen Eigentums. Besonders Indien fühlte sich in der G 5 offenbar nicht ernstgenommen. Die Regierung in Delhi erwies sich denn auch dieser Tage in den Klima-Verhandlungen aus deutscher Sicht als sehr zäher und selbst im Vergleich zu China besonders schwieriger Partner.
Durchbruch schon im Frühstücksfernsehen
Wie in Heiligendamm und vergangenes Jahr im japanischen Toyako werden zu den Klima-Beratungen drei weitere Staaten hinzugebeten: Indonesien, Korea und Australien. Ihnen wurde die konstruktive Teilnahme dadurch etwas schmackhafter gemacht, dass man die Gruppe aus G 8, G 5 und ihnen nicht mehr als die der Major Emitters, also der Haupt-Treibhausgasemittenten, sondern als die der Major Economies, also der wichtigsten Wirtschaftsnationen bezeichnet. Nun müssen die Sherpas der Regierungschefs einen Gutteil ihrer Bemühungen auf die Frage verwenden, wer wann was beschließt. Müssen sich die G 8 erst selbst im kleinen Kreis Klimaziele vorschreiben, damit tags drauf auch die Schwellenländer mitziehen? Oder sind die acht nicht bereit, bevor die Schwellenländer sich flexibel zeigen? Dieses Jahr musste eine kurzfristige Umweltministerkonferenz aller 16 beteiligten Staaten helfen, das Dilemma zu lösen. So konnte Umweltminister Sigmar Gabriel schon im Frühstücksfernsehen den Durchbruch der G 8 bei den Klimaberatungen verkünden, obwohl die Kanzlerin noch gar nicht losgeflogen war. Erstmals reden die 16 Major Economies in diesem Jahr aber nicht nur über das Klima, sondern auch über den Welthandel.
Berlusconis Entscheidung war es, den dritten Gipfeltag Afrika zu widmen und dazu noch einmal sechs afrikanische Staatschefs einzuladen. Außerdem lud er den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak als Beobachter ein. Auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy will Ägypten aufwerten. Er fordert die Erweiterung der G 8 zur G 14, die sich nach seiner Rechnung aus der Addition von G 8, G 5 und einem arabischen Staat ergibt. Ähnliches schwebt dem deutschen Außenminister Steinmeier vor, der aber auch die Türkei und vielleicht Indonesien an Bord sehen will.
Drahtseilakt für Berlusconi
Auch Berlusconi weiß offenbar, dass das Nebeneinander der Arbeitskreise auf Dauer schwer durchzuhalten ist, wenn gleichzeitig G-20-Gipfel stattfinden, wo von Saudi-Arabien über die Türkei bis zu den Niederlanden alle gleichberechtigt am selben Tisch sitzen. Sogar die Ministerpräsidenten Spaniens und der Niederlande lud er nach L'Aquila. Beide hatten es in einem diplomatischen Kraftakt geschafft, zu den beiden bisherigen Weltfinanzgipfeln geladen zu werden, obwohl sie nicht Mitglieder der G 20 sind, die offiziell sowieso nur auf der Ebene von Finanzministern und Notenbankgouverneuren existiert. Dabei dürfte der Tag kommen, an dem die Frage gestellt wird, welche europäischen Staaten die tatsächlich wirtschaftspolitisch wichtigsten sind. Ob das für Italien gut ausgeht, ist nicht sicher.
Doch zunächst gilt es für den italienischen Ministerpräsidenten, bei seinen Landsleuten den Eindruck zu verfestigen, er sei ein geachteter Staatsmann. Dazu konnten es ihm kaum genug Gäste sein. Nur der Papst kommt nicht nach L'Aquila. Er war Teil des Damenprogramms.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa, reuters