Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
08. August 2006 Warum taucht Raúl Castro nicht auf? Vor einer Woche hat ihm sein Bruder Fidel wegen seiner schweren Operation das Amt des kubanischen Staatschefs kommissarisch übertragen, doch der Stellvertreter ward noch nicht in der Öffentlichkeit gesehen. So seltsam es scheint, es wird immer wahrscheinlicher, daß auf Kuba nach dem "vorübergehenden" Ausfall des Revolutionsführers alles einem Drehbuch folgt, dessen Autor möglicherweise der Comandante en Jefe selbst ist.
Vizepräsident Carlos Lage reist im Ausland umher, als sei nichts geschehen, und verbreitet Zuversichtliches über den Rekonvaleszenten. Fidel Castro sei auf dem Weg der Besserung, er werde sich erholen und "in einigen Wochen" zurückkehren, sagt Lage. Kubas Revolutionszeitung "Granma" zitiert einen "Freund" Castros, der den Comandante besucht und einen "eindrucksvollen" Genesungsfortschritt bei ihm festgestellt habe. Castro zeige sich widerstandsfähig wie hartes Tropenholz, er sei inzwischen vom Bett aufgestanden und habe ein Süppchen gegessen, berichtet der namenlose Amigo.
Alles bleibt beim Alten
Nahezu gleichzeitig tritt ein Mitglied des Staatsrats auf, ein Dichter, der zum ersten Mal ungestraft das Wort "Nachfolge" in den Mund nimmt. Roberto Fernández Retamar fügt hinzu, falls Castro vielleicht doch die Staatsführung wieder übernehmen könne, werde es bis dahin "Monate" dauern. Die widersprüchlichen Botschaften haben ein Ziel: das Land an den Gedanken heranzuführen, daß es über kurz oder lang ohne Fidel Castro auskommen muß, und daß dennoch alles beim Alten bleiben soll. Trotzig läßt die im verborgenen wirkende Staatsführung behaupten, der Begriff "Übergang" komme in dem auf Kuba gebräuchlichen Wortschatz nicht vor.
Das Geheimnis um die Krankheit des Comandante hat gleichfalls dramaturgische Bedeutung. Es erhöht die Bereitschaft, Ergebenheitsadressen an den Revolutionsführer und seine Statthalter zu richten. Stolz berichtet die Gewerkschaft, vergangene Woche hätten drei Millionen Kubaner bei 80000 Versammlungen Fidel und Raúl Castro ihre Solidarität bekundet. Vierhundert Intellektuelle aus aller Welt und acht Nobelpreisträger haben dem Revolutionsführer gute Besserung gewünscht. Und Raúl? Er schweigt. Vielleicht hat der Fünfundsiebzigjährige, der pragmatischer als sein fünf Jahre älterer Bruder sein soll, doch aus der Geschichte gelernt, daß alles nur Übergang ist.
Text: F.A.Z., 09.08.2006, Nr. 183 / Seite 1
Bildmaterial: AP, dpa