Sarkozys diplomatischer Coup

Das Repertoire des Friedenstifters

Von Michaela Wiegel, Paris

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14. Juli 2008 Nicolas Sarkozy hat eingeladen - und alle sind gekommen. Für den französischen Präsidenten, der am Sonntag unter der imposanten Glaskuppel des Grand Palais die Regierungschefs der EU, den Ministerpräsidenten Israels und die Staatschefs vom südlichen Mittelmeerufer an einem Verhandlungstisch zusammenführte, stellt die Gästeliste einen diplomatischen Triumph dar.

Denn wie Sarkozy am Sonntag im Elysée-Palast in aller Bescheidenheit in Erinnerung rief, waren fast alle arabischen Herrscher dem Gipfeltreffen in Barcelona 1995 fern geblieben. Sie hatten sich damals durch Minister vertreten lassen, während Sarkozy am Sonntag den wichtigsten Staats- und Regierungschefs aus 42 Ländern voller Elan die Hände schüttelte und auf die Schultern klopfte.

„Ein diplomatischer Kraftakt“

Den Eindruck, einen diplomatischen Kraftakt gemeistert zu haben, konnten auch die kurzfristigen Absagen des belgischen Premierministers und des marokkanischen Königs Mohammed VI. nicht trüben. Letzterer schickte seinen Bruder, und Sarkozy legte im Elysee-Palast die Hand aufs Herz, um zu betonen, dass Mohammed VI. nicht aus Verärgerung, sondern aus „familiären Gründen“ in Rabat geblieben sei.

Für die neue „Diplomatie der Versöhnung“, zu deren Chef Sarkozy sich nach seinem Amtsantritt im Mai 2007 aufgeschwungen hat, stellt der Mittelmeer-Gipfel eine Parade dar. Darüber könnte glatt des Fiasko des Gaddafi-Besuches im vergangenen Dezember in Vergessenheit geraten. Das war der erste Versuch Sarkozys gewesen, einen von der Staatengemeinschaft geächteten Diktator zurück auf den rechten Weg und an die Seine zu führen.

Doch zur Pein des französischen Staatsprotokoll irrlichterte der libysche Revolutionsführer durch Paris und machte seinem Gastgeber alle Schande. So war fast eine gewisse Erleichterung darüber eingetreten, als Gaddafi vor kurzem entschied, dem Mittelmeergipfel fernzubleiben.

„Lernen, uns zu verstehen, anstatt uns zu hassen“

Sarkozys diplomatische Risikofreude hingegen scheint sich dieses Mal auszuzahlen. An der Seite des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Abbas, und des israelischen Ministerpräsidenten Olmert erhob der französische Präsident am Sonntag die Lust am Risiko zu einem Grundsatz der französischen Außenpolitik. „Frankreich bleibt sich treu, wenn es den Frieden wagt und die Kriegsparteien zueinander führt. Frankreich verrät sich, wenn es nichts unternimmt“, sagte Sarkozy. Kein Risiko sei zu groß, wenn es dem Ziel diene, Frieden zu schaffen.

Die „Union für das Mittelmeer“ werde gegründet, „damit wir im Mittelmeerraum lernen, uns zu verstehen, anstatt uns zu hassen und zu bekriegen“, sagte Sarkozy. Das größte Hindernis dabei sei der Mangel an Vertrauen. Genau das aber sei das Ziel der Mittelmeer-Union: Vertrauen im Mittelmeerraum zu stiften. Das klang ganz wie aus der Feder Henri Guainos, Sarkozys Berater und Redenschreiber, der seit langem von „konkreten Solidaritäten“ im Mittelmeerraum träumt.

Olmert: „Noch nie so nah an einem Frieden“

Sarkozy konnte seine Freude kaum verbergen, dass sich Abbas und Olmert mit Komplimenten für ihren Gastgeber überboten. Abbas hob Sarkozys Rolle als „Freund der Palästinenser und Freund Israels“ hervor.

Olmert schwor, „Israel ist noch nie so nah an einem Friedensabkommen mit den Palästinensern gewesen“. „Die Atmosphäre ist nicht von Kontroversen geprägt, sondern von Dialog“, fügte der israelische Ministerpräsident hinzu.

Dann überließ Sarkozy seinen beiden Gästen einen Salon im Elysée-Palast, damit sie sich ohne sein Beisein austauschen konnten. Schon die Ankunft im Innenhof des Elysée-Palastes war nach Friedensdramaturgie abgelaufen: Olmert und Abbas stiegen gleichzeitig aus ihren Limousinen und marschierten im Gleichschritt auf Präsident Sarkozy zu, der sich in ihre Mitte stürzte und händchenhaltend (eine Hand für Abbas, eine für Olmert) zu den Kameras zog.

Diplomatischer Coup mit Assad

Das Repertoire des Friedenstifters hatte Sarkozy schon am Vortag in Kompanie des syrischen Präsidenten Baschar al Assad, des libanesischen Präsidenten Suleimann und des Emirs von Katar eingeübt. Die Einbindung des syrischen Präsidenten, der über seine Verbindungen zur Hamas und zur Hizbullah eine Schlüsselrolle für den Frieden im Nahen Osten innehat, stellt den bedeutendsten diplomatischen Coup Sarkozys bei diesem Gipfeltreffen dar.

Eine diskrete, aber außerordentlich einflussreiche Stellung kommt bei diesem neuen Pas-de-deux zwischen dem Mann aus Damaskus und dem Präsidenten in Paris dem Emir von Katar zu. Der hatte schon im vergangenen Jahr an der Seite Sarkozys dem Militärdefilé am Nationalfeiertag beigewohnt, an dem sein an der französischen Militärakademie Saint-Cyr ausgebildeter Sohn teilnahm. Der Emir hatte freundlich vermittelt, als sich Sarkozy in den Kopf gesetzt hatte, bei Gaddafi die Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern zu erwirken. Auch trug der Emir von Katar maßgeblich dazu bei, im Libanon die Krise zu beenden und mit Michel Suleiman endlich einen Präsidenten zu vereidigen.

Quarantäne gebrochen

Für die Zukunft des Libanons schließlich hat Sarkozy erhebliches vollbracht, in dem er Assad das Versprechen abrang, eine diplomatische Vertretung in Beirut zu eröffnen und damit den Libanon de facto als souveränen Staat anzuerkennen. Sarkozy wird den diplomatischen Druck nicht verringern, hat er sich doch „vor Mitte September“ als Staatsbesucher in Damaskus angekündigt.

Vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ließ Sarkozy sich zudem genau über den Stand der indirekten Verhandlungen zwischen Syrien und Israel unterrichten. Sarkozy hat damit endgültig die Quarantäne gebrochen, die Chirac nach der Ermordung des früheren palästinensischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri über Syrien verhängt hatte.

Das ermöglichte die syrisch-libanesische Übereinkunft im Elysee-Palast - Sarkozy sprach von einem „historischen Fortschritt“. Daß Frankreich nicht nur „zurück in Europa“, sondern auch „zurück im Mittelmeerraum“ ist, soll auch das Familienphoto der 43 Staats- und Regierungschefs vor der Kulisse des traditionellen Militärdefilés zum französischen Nationalfeiertag symbolisieren. Sarkozy unterdessen beginnt wie sein Vorgänger Chirac vom Friedensnobelpreis zu träumen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: afp, dpa

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