27. Juli 2006 Karl-Heinz Grasser ist kein Freund von Traurigkeit. Derzeit macht dem österreichischen Finanzminister aber ein Vorjahresausflug zu schaffen. Und zwar so sehr, daß es Grasser für geboten hielt, seinen Urlaub an südlichen Gestaden zu unterbrechen, von Sardinien nach Wien zu jetten und vor Mikrophonen wortreich geradezurücken, was ihm eine aus Oppositionspolitikern und Journalisten bestehende Jagdgesellschaft vorhält, nämlich Amtspflichtverletzung. Und brüskiert die rot-grüne Bundesratsmehrheit, indem er deren Vorladung vor die Länderkammer des (formell bereits aufgelösten) Parlaments mit der Begründung in den Wind schlägt, er habe ein Recht auf Urlaub; weshalb ihn sein Staatssekretär Finz dort vertreten muß.
Reine Privatangelegenheit
Im August 2005 war Grasser Gast des Privatbankiers Julius Meinl V. auf einer vor der kroatischen Küste kreuzenden Yacht. Mit an Bord waren nicht nur Grassers damalige Freundin Fiona Swarovski - mittlerweile seine Ehefrau - und Meinls Gattin, sondern auch Wolfgang Flöttl. Der Sohn des vormaligen Generaldirektors der Gewerkschaftsbank Bawag, Walter Flöttl, hatte in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Karibik-Geschäften Gelder der Bawag in Milliardenhöhe verspielt. Damit brachten er und seine Mitwisser das Geldinstitut an den Rand des Ruins und stürzten in der Folge den Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) in die Existenzkrise. Und der mit dem ÖGB auf das engste verflochtenen Sozialdemokratischen Partei (SPÖ) hängt diese Malaise angesichts der am 1. Oktober stattfindenden Nationalratswahl wie ein Mühlstein um den Hals.
In dieser Bedrängnis kam der SPÖ Grassers Yacht-Partie um so gelegener, als sie an Pikanterie ihresgleichen sucht. Denn aus der Begegnung ausgerechnet mit Flöttl läßt sich schon deshalb publizistisch und wahlkämpferisch Kapital schlagen, als die Österreichische Nationalbank schon zu Beginn von Grassers Amtszeit einen kritischen Prüfbericht über das Gebaren der Bawag erstellte, den der Finanzminister nicht gesehen haben will. Mit derselben Leidenschaft wie darüber, ob Grasser frühzeitig von der Bawag-Affäre hätte wissen, folglich den Verkauf der staatseigenen Postsparkasse (PSK) an die Gewerkschaftsbank verhindern müssen, wird derzeit auch darüber gestritten, ob er überhaupt der Einladung des Bankdirektors Meinl auf die Yacht hätte folgen dürfen. Ist doch der Finanzminister zugleich Chef der Finanzmarktaufsicht, jenes Gremiums also, dem die Kontrolle der Banken obliegt.
Für Grasser war das eine reine Privatangelegenheit: Er könne Berufliches von Privatem trennen und lasse sich von niemandem den Umgang mit seinen Freunden oder jenen seiner Frau vorschreiben, ließ er wissen. Diese beeilte sich denn auch, ihren Karl-Heinz zu entlasten; wenig Zeit hätten sie gehabt, mit Flöttl zu plaudern: Denn wir waren damals so schwer verliebt, daß wir die meiste Zeit allein sein wollten, so sagte es Fiona Swarovski gegenüber der Zeitschrift News; und sie fügte hinzu: Es war zwar sehr unhöflich, aber so war es nun mal.
Stimmenpolster von über fünf Prozent
Doch für die SPÖ bot derlei Optik just vor Beginn des eigentlichen Wahlkampfs die willkommene Gelegenheit für den schon einmal unternommenen Versuch, den Finanzminister als Mitwisser ins Spiel zu bringen und damit von den eigenen Kalamitäten in der Angelegenheit abzulenken. Dabei müßte sie wissen, daß das ebensowenig bringen dürfte wie alle bisherigen Anstrengungen, Grasser in ein schiefes Licht zu rücken. Jedwede Vorwürfe, zu denen das Verhalten des Finanzministers jeweils mehr als alles andere Vorwände lieferte, perl(t)en an ihm ab wie Wasser an Sonnenschutzcreme. Was nicht nur daher kommt, daß er sich vom Kanzler beschirmt weiß, zu dessen Zugpferden der parteifreie Grasser gehört, und daß Schüssels Volkspartei (ÖVP) ihren Schutzmantel über ihm ausbreitet, weil es sich demoskopisch immer wieder erweist, daß ihr der Finanzminister ad personam ein Stimmenpolster von bis zu fünf Prozent sichert. Schließlich steht die Neue Kronen Zeitung, mit drei Millionen Lesern unter acht Millionen Österreichern als reichweitenstärkstes Medium des Landes unübertroffen, in Treue fest zu ihrem Günstling Grasser. Auffälligerweise blieb er von allen Attacken auf die Regierung Schüssel verschont, mit denen sich das Blatt seit deren Zustandekommen vor sechs Jahren hervortat.
Trotz allem, was ihm seit Jahren nachgesagt wird, ist der smarte Kärntner Grasser in keinem Politiker-Ranking aus der Spitzengruppe wegzudenken. Wie dem Vertrauensindex zu entnehmen ist, welchen das Meinungsforschungsinstitut OGM im Zusammenwirken mit der Nachrichtenagentur APA erstellt, sind seine Kehrtwende in Sachen Eurofighter-Anschaffung, auch der Erwerb eines kostspieligen Dienstautos oder sein Verhalten gegenüber seiner vormaligen Verlobten, ja selbst die tiefste Vertrauenskrise, in die er sich mittels der Affäre um seinen kostspieligen, von der Industriellenvereinigung finanzierten Internetauftritt gebracht sah, längst von der Society-Hochzeit mit Fiona Swarovski wettgemacht. Offenbar haben die Österreicher ihrem Liebling Grasser auch das einstige Erreichen eines Null-Defizits im Staatshaushalt nicht vergessen, und daß er sich im Reigen der EU-Finanzminister Gehör verschafft, sich dabei bisweilen am deutschen reibt, mögen sie besonders. Gut scheinen immer wieder auch Ablichtungen anzukommen, die den feschen Ressortchef in der Welt der Reichen und Mächtigen zeig(t)en.
Auftritt bei Wetten daß...?
Jedenfalls ließ derlei medialer Glanz rasch Fehlverhalten vergessen, etwa als der Minister seinerzeit während des Tsunami seinen Trip auf die Malediven nicht abbrach und hinterher auch noch ruchbar wurde, daß er dafür von der österreichischen Fluggesellschaft AUA ein kostenloses Upgrade für sich und seine damalige Verlobte erhalten hatte. Die Trennung von Natalia Corrales-Diez - nach einem von österreichischen Schülern abgelichteten Tete-a-tete mit Fiona Swarovski in Paris - schadete ihm nur kurze Zeit. Seine Popularitätswerte schnellten nämlich wieder in die Höhe, als es mit letzterer Ernst wurde, der Minister die Kristall-Erbin ins Standesamt führte, er mit der Angetrauten in Wetten, daß ...? auftrat und beide medienrechtlich erfolgreich Paparazzi-Fotos bekämpften.
Nur Bundespräsident Fischer (SPÖ) verfügt über höhere Beliebtheitswerte in der Bevölkerung als Karl-Heinz Grasser. Daß die Österreicher ausgerechnet ihren obersten Steuereintreiber so sehr schätzen, daß sie ihm bisher nachsahen, worüber sonstwo Amtsträger nicht allein seines Ranges stolper(te)n, gehört zu den Denk- und Merkwürdigkeiten eines Landes, das in den letzten Jahren merklich an Selbstbewußtsein gewonnen hat. Grassers Haushalts- und Finanzpolitik kommt ein gut Teil Verdienst daran zu. Alles in allem dürfte daher von der Yacht-Partie mit Investmentbanker Flöttl und Bankchef Meinl wenig an ihm haftenbleiben.
Text: F.A.Z., 26.07.2006, Nr. 171 / Seite 8
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