Fluthilfeprogramm der UN

„Eine enorme Operation“

Von Friederike Bauer

Jan Egeland koordiniert die UN-Hilfen

Jan Egeland koordiniert die UN-Hilfen

30. Dezember 2004 Die Flutkatastrophe in Asien hat sehr große Hilfsbereitschaft hervorgerufen. Eine „enorme Nothilfeoperation ist unterwegs“, beschreibt der stellvertretende UN-Generalsekretär Jan Egeland die Aktivitäten der internationalen Gemeinschaft. Innerhalb von nur drei Tagen sind mehr als 220 Millionen Dollar für Soforthilfe bei den Vereinten Nationen eingegangen.

Helfer aus aller Welt sind in die Krisengebiete geeilt, Flugzeuge mit Wasser, Lebensmittel und Zelten landen auf den wenigen noch intakten Flughäfenim Minutentakt, alle internationalen Organisationen - vom UN-Kinderhilfswerk bis zum UN-Flüchtlingshilfswerk, vom Roten Kreuz bis zu Ärzte ohne Grenzen - haben Tausende von Mitarbeitern entsandt. „Jetzt geht es nicht mehr darum, Hilfe herbeizurufen“ sagt Egeland, „sondern sie zu koordinieren.“

Für Notfallhilfe gut gerüstet

Theoretisch sind die Vereinten Nationen für Notfälle dieser Art inzwischen gut gerüstet. Seit 1998 verfügen sie über ein Büro zu Koordinierung internationaler Hilfseinsätze (OCHA) und einen obersten Katastrophenschützer, derzeit der Norweger Egeland. In dem Bewußtsein, daß gut gemeint nicht immer gut gemacht bedeutet, wurden damals Strukturen geschaffen, auf die in der Eile zurückgegriffen werden kann.

So organisiert Egeland im „Inter-Agency Standing Committee“ regelmäßige Treffen mit allen maßgeblichen Hilfs- und Partnerorganisationen der Vereinten Nationen. Gegenstand der Beratungen sind dann nicht nur aktuelle Einsätze, sondern auch Fragen der Spezialisierung und effektiven Absprache. Seine Mitglieder traten seit Beginn der Flutkatastrophe schon mehrfach in Genf zusammen, um die verschiedenen Hilfsaktionen möglichst aufeinander abzustimmen.

„Katastrophen-Inspekteure“

Außerdem verfügen die UN über sogenannte Nothilfe-Bewertungsteams, die von betroffenen Staaten innerhalb weniger Stunden angefordert werden können. Diese „Katastrophen-Inspekteure“ stehen jederzeit zum Abruf bereit, um das gesamte Ausmaß eines Unglücks abzuschätzen und den erforderlichen Hilfsumfang zu bestimmen.

Sie stellen fest, was gebraucht wird und wie es am besten an Ort und Stelle gelangt. Am Montag sind die ersten Teams ins Krisengebiet aufgebrochen. Von ihren Angaben hängt ab, wie nun im einzelnen weiter verfahren wird. Mit ihrer Rückkehr rechnet man bei den Vereinten Nationen für diesen Freitag, erst dann werden die UN mit ihrer Detailplanung für die kommenden zwei, drei Wochen beginnen.

Arbeitsgruppe der Geberländer

Schließlich tagt in New York regelmäßig die „Humanitarian Liaison Working Group“, in der neben Egeland die 24 größten und bedeutendsten Geberländer vertreten sind. Von Januar an führt Deutschland, in Person von Botschafter Wolfgang Trautwein, den Vorsitz dieser Gruppe.

Hier geht es meist darum, wie die zur Bewältigung einer Krise notwendigen Finanzmittel am schnellsten zu beschaffen sind und wie die Einzelstaaten ihre zum Teil isolierten Aktionen besser aufeinander abstimmen könnten. Auch dieses Gremium ist bereits zusammengekommen.

Breites humanitäres Netz

OCHA selbst befindet sich ebenfalls in einer Phase der Umstrukturierung, die mit Jahresbeginn greifen soll. Bisher waren seine Zuständigkeiten auf mehrere Orte im UN-System verteilt. Durch eine interne Reform werden sie nun auf Genf, wo technische Fragen für den konkreten Fall abgewickelt werden, und auf New York konzentriert, wo politisch-strategische Belange im Vordergrund stehen.

Alles zusammen genommen, glaubt Egeland damit eine beeindruckende Nothilfe-„ Landschaft“ geschaffen zu haben. Technisch und logistisch sei das humanitäre Netz auf der Höhe der Zeit, sagte er kürzlich.

Formal gut strukturiert, real kompliziert

Die organisatorischen Fäden der internationalen Hilfsaktion laufen formal tatsächlich bei ihm zusammen. Trotzdem dürfte die Hilfsoperation in Asien wahrscheinlich nicht so reibungslos verlaufen, wie die schönen Strukturen vermuten lassen.

Denn erstens hatten die Vereinten Nationen in ihrer fast sechzigjährigen Geschichte noch nie mit einer Naturkatastrophe dieses Umfangs zu kämpfen: Neun Länder getroffen, mehrere hunderttausend Verletzte, eine Million Obdachlose, viele Millionen ohne Lebensmittel und Trinkwasser, Gefahr von Seuchen und Krankheiten.

Zweitens hat die Infrastruktur, die man braucht, um zu den Opfern zu gelangen, besonders gelitten. Flugplätze sind, wie die UN berichten, zum Teil überflutet oder zerstört, Straßen nicht mehr befahrbar. Und drittens lassen sich die beteiligten Hilfsorganisationen ungern das Heft aus der Hand nehmen. Egeland hat keine Befehlsgewalt oder Ähnliches über sie. Zwingen kann er sie zu gar nichts.

„Daß da auch mal etwas schiefgeht, bleibt nicht aus“

Wenn eine Organisation Trinkwasser in ein Gebiet bringen möchte, obwohl örtliche Anbieter billiger und besser liefern könnten, dazu noch der Flughafen unnötig blockiert wird, dann bleibt Egeland dem obersten Katastrophenschützer nur ein mahnendes Wort und ein mißbilligendes Kopfschütteln. Verbieten kann er solche sinnlose Aktionen, wie sie im Moment dutzendfach vorkommen, jedenfalls nicht.

Dennoch hofft man in New York, daß die verschiedenen Abstimmungskonferenzen, die derzeit in New York und Genf stattfinden, schon bald Ordnung in das Hilfschaos bringen. Im Moment finden noch viele unbürokratischen Spontanaktionen statt, die dann, so Wolfgang Trautwein, möglichst rasch in eine koordinierte Nothilfe übergehen sollten, um schließlich gezielte Wiederaufbauprojekte zu ermöglichen.

„Daß da auch mal etwas schiefgeht, bleibt nicht aus“, sagt er, „aber die UN sind viel besser gerüstet für derartige Notfälle als früher.“ Die nächsten Wochen werden zeigen, was das multilaterale Hilfssystem tatsächlich zu leisten vermag.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Dezember 2004
Bildmaterial: AP

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