09. Februar 2007 Im Streit über Bauarbeiten Israels am Fuße des Tempelbergs in Jerusalem sind bei Zusammenstößen am Freitag mehrere Menschen verletzt worden. Die Polizei habe das Gelände der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg gestürmt, berichteten Augenzeugen.
Während muslimische Gläubige Steine warfen, setzte die Polizei demnach Tränengas und Blendgranaten ein. Ein Teil der Demonstranten verbarrikadierte sich in der Moschee, wie Augenzeugen berichteten. Laut Polizei wurden 17 Demonstranten und 15 Beamte verletzt sowie 17 Menschen festgenommen.
Lage voll unter Kontrolle
Der palästinensische Politiker Mustafa Barguti warf den Israelis vor, sie seien noch vor dem Ende der Freitagsgebete gewaltsam auf das Gelände der Al-Aqsa-Moschee vorgestoßen. Ein israelischer Polizeisprecher sagte, Aufgabe der Einheiten sei es, für Ruhe zu sorgen. Die Polizei habe die Lage voll unter Kontrolle.
In den engen Gassen der an den Tempelberg angrenzenden Altstadt von Jerusalem bewarfen Palästinenser Polizisten mit Steinen und Flaschen. Auch an einem Hauptkontrollpunkt und Übergang vom Westjordanland nach Jerusalem kam es zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert hatte am Donnerstag eine Bitte von Verteidigungsminister Amir Peretz zurückgewiesen, die archäologische Grabung zu stoppen.
Israelische Behörden betreiben derzeit Arbeiten an einem im Jahr 2004 teilweise eingestürzten Fußweg. Er führt vom Platz der Klagemauer auf den Tempelberg, auf dem die Al-Aqsa-Moschee steht. Ein Abschnitt des Weges soll durch eine neue Konstruktion ersetzt werden. Aufgebrachte Muslime und arabische Regierungen protestieren seit Dienstag gegen die Bauarbeiten, die ihrer Meinung nach die Moschee gefährden. Sie gilt als eines der wichtigsten Heiligtümer der Muslime.
Beiden Seiten heilig: Der Tempelberg
Archäologische oder bauliche Tätigkeiten am Jerusalemer Tempelberg haben schon öfters hitzige Unruhe, bisweilen auch gewaltsame Demonstrationen nach sich gezogen, die bald in politische Proteste mündeten. Zuletzt hatte der Besuch des israelischen Politikers Ariel Scharon im Herbst des Jahres 2000 auf dem Haram al scharif (der edlen geschützten Stätte), wie das Gelände von den Muslimen genannt wird, sogar die zweite Intifada mitentfacht, die deshalb auch Al-Aqsa-Intifada genannt wird. Sie führte zu einer Jahre währenden Gewaltspirale zwischen Israelis und Palästinensern.
Bei früheren Anlässen kamen Proteste von jüdisch-orthodoxer, dann wieder von muslimischer Seite. Den Juden gilt der Tempelberg mit dem Felsen Moriah als Ort des Tempels Salomons, des ersten jüdischen Tempels. Er wurde vom babylonischen König Nebukadnezar bei der Eroberung Jerusalems im Jahre 587 vor Christus zerstört. Den Muslimen gilt der Tempelberg zudem als Schauplatz jener Nachtreise (isra) des Propheten Mohammed, einer Vision, die im Koran, Sure 17, erwähnt wird und die dieser Sure auch ihren Namen gab.
Auf dem Tempelberg stehen mit der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom (Qubbat al sahra) die heutzutage vor allem aus politischen Gründen wichtigsten islamischen Heiligtümer nach Mekka und Medina. Die gegenwärtigen Bautätigkeiten sollen offenbar nur ein Provisorium am Mugrabi-Tor in der Nähe der jüdischen Klagemauer beseitigen, erregen jedoch politischen Aufruhr bis in die arabischen Nachbarstaaten Israels, ja bis nach Teheran. Dessen Revolutionsführer Ajatollah Chamenei rief die Muslime zu Protesten auf.
In einer Region, in welcher der Religion mindestens ebenso große politische wie spirituelle Bedeutung zukommt, werden die jeweiligen Heiligtümer, ja alle kulturellen Reste aus früheren Zeiten auch politisch instrumentalisiert. Dies gilt für beide Seiten des Konflikts. (wgl.)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z.
