Palästinenser

Die rote Linie überschritten

Von Michael Borgstede, Tel Aviv

Hamas-Kämpfer patrouillieren in den Straßen von Gaza

Hamas-Kämpfer patrouillieren in den Straßen von Gaza

18. Mai 2007 Am Donnerstagmittag wagten viele Bewohner des Gazastreifens sich zum ersten Mal seit vier Tagen wieder auf die Straße. Vorsichtig machten sie sich auf in die Geschäfte, um ihre Lebensmittelvorräte aufzustocken. „Es war ein ruhiger Tag heute, auf den Straßen wird viel weniger geschossen“, berichtete ein palästinensischer Journalist telefonisch und fügte ebenso hoffnungsvoll wie ungläubig hinzu: „Vielleicht haben die Fraktionen ja doch Angst vor einer weiteren Eskalation bekommen und wollen sich an den Waffenstillstand halten.“

Nicht viele schienen diesen Optimismus zu teilen. Wasser, Mehl und andere Nahrungsmittel waren vielerorts nach Hamsterkäufen bald ausverkauft. Und bei der Beerdigung eines Hamas-Kämpfers schossen Unbekannte auf die Menge, töteten ein Hamas-Mitglied und verletzten 14 weitere. Außerdem hätten Fatah-Männer einen Hamas-Kämpfer entführt und hingerichtet, gab die Hamas bekannt.

Auch am Freitag ging die Gewalt zwischen Hamas und der rivalisierenden Fatah weiter: Bei Kämpfen zwischen den Gruppen wurden vier Männer getötet - zwei in Gaza-Stadt und zwei in der südlichen Stadt Rafah. In Gaza sind sich die Menschen einig: Der Bürgerkrieg ist längst ausgebrochen.

Waffenruhe ohne Bedeutung

Bewohner berichten von der Willkür, die auf den Straßen herrscht. Männer mit langen Bärten würden von Fatah-Leuten festgehalten, weil sie der islamistischen Hamas angehören könnten. Wer aber einen besonders säkularen Eindruck macht, müsse wiederum damit rechnen, mit der Hamas Schwierigkeiten zu bekommen.

Den täglich neu vereinbarten Waffenruhen scheinen beide Lager keine große Bedeutung mehr beizumessen. Seit Beginn der Kämpfe am Sonntag sind mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen, allein am Mittwoch gab es 22 Tote.

Erschreckend ist die Brutalität der Angriffe. Noch vor einem Jahr wurde bei ähnlichen Machtkämpfen eine rote Linie nicht überschritten: Hamas- wie Fatah-Führer beschworen damals ihre Leute, kein Blut zu vergießen. Heute locken Hamas-Kämpfer ihre Feinde von der Fatah in einen Hinterhalt, um sie dann aus geringer Entfernung zu erschießen.

Kampf um die Sicherheitsdienste

Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzung ist wieder einmal der Kampf um die Kontrolle der Sicherheitsdienste. Im Rahmen eines neuen Sicherheitsplanes zogen vor einer Woche Angehörige eines Fatah-Sicherheitsdienstes in Gaza ein. Die Hamas reagierte ungehalten, da der Plan nicht mit ihr abgestimmt war und sie fürchtete, der palästinensische Ministerpräsident Abbas wolle ihre Machtposition im Gazastreifen schwächen. Daraufhin kam es zu ersten Straßenschlachten.

Auch der in den Koalitionsverhandlungen erreichte Kompromiss, einen unabhängigen und für beide Seiten akzeptablen Innenminister zu ernennen, erwies sich als unpraktikabel, da weder Abbas noch die Hamas Innenminister Hani Qawasmi das für die Reform notwendige Vertrauen entgegenbrachten. Entnervt trat der Minister Anfang der Woche zurück.

Am endgültigen Scheitern der angeschlagenen Regierungskoalition kann aber weder der Fatah noch der Hamas etwas liegen. Deshalb wollte sich Abbas eigentlich am Donnerstag mit Hanija in Gaza treffen, sah schließlich aber von einer Reise ab. Seit den Ereignissen der letzten Tage kann kaum ein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Hamas in Gaza längst die Oberhand hat.

Angriffe wie militärische Operationen

Die meisten Angriffe gingen von der Hamas aus, die Fatah-Sicherheitsleute befanden sich zumeist in der Defensive oder nutzten vereinzelte Möglichkeiten, sich an Hamas-Leuten zu rächen. Die Angriffe der Hamas-Milizen ähneln dagegen gut geplanten militärischen Operationen. So griffen am Mittwoch im Morgengrauen 200 Hamas-Kämpfer das Haus des Fatah-Sicherheitschefs Raschid Abu Schabak mit Granaten und Raketen an, stürmten das Gebäude und erschossen sechs Leibwächter des Fatah-Funktionärs. Abu Schabak war zum Zeitpunkt des Angriffs nicht zu Hause.

Ein Grund für die Schwäche der Fatah mag darin liegen, dass Mohammed Dahlan, der starke Mann der Fatah in Gaza, sich in einem Krankenhaus in Kairo von einer Rückenoperation erholt. Außerdem sind vor zwei Tagen zwar rund 450 Kämpfer der Fatah aus Ägypten über die Grenze gekommen, doch scheinen sie in die Kämpfe nicht eingegriffen zu haben.

Derweil hat die Hamas trotz einer Waffenruhe mit Israel die Raketenangriffe auf die israelische Stadt Sderot wiederaufgenommen. Mehr als ein Dutzend Raketen feuerte die Organisation am Donnerstag Richtung Israel ab. „Fliegende Mülltonnen“ hat ein israelischer General die einfachen Kassem-Raketen einmal abschätzig genannt. Die Zielsicherheit der in Heimarbeit produzierten Raketen ist tatsächlich sehr schlecht - darin liegt aber auch ihre Stärke. Sie sind nicht mehr als eine Terrorwaffe, die indes durchaus in der Lage ist, eine Kleinstadt und die umliegenden Siedlungen in Angst und Schrecken zu versetzen.

Bewohner flüchten aus Sderot

Am Donnerstag blieben die Schulen in Sderot bereits den dritten Tag geschlossen, die Luftschutzbunker wurden Mittwoch geöffnet. Wer es sich leisten kann, hat die Stadt bereits verlassen. Der Staat will einigen hundert Bewohnern zu einem „Kurzurlaub“ von den Angriffen verhelfen; schon hat der Milliardär Arcadi Gaydamak auf eigene Kosten 600 Bewohner in einem Hotel in Beerscheba untergebracht.

Wahrscheinlich hofft die Hamas, mit ihren Angriffen einen umfangreichen israelischen Vergeltungsschlag provozieren zu können, der die Aufmerksamkeit von den internen Streitigkeiten ablenken und die palästinensische Einigkeit wiederherstellten würde. Obwohl Olmert und Peretz das Spiel durchschaut haben, bleibt der Regierung in Jerusalem angesichts des Volkszornes kaum eine Wahl.

Olmert kündigt „harte Reaktionen“ an

Am Mittwochabend hatte Olmert „harte Reaktionen“ angekündigt und der Armee gezielte Luftangriffe auf Raketenabschussrampen und andere Hamas-Ziele genehmigt. Bei israelischen Luftangriffen auf ein Gebäude der Hamas am Freitag wurden insgesamt fünf Menschen getötet. Militante Palästinenser hatten in der Nacht zuvor wieder mindestens zehn Raketen auf israelisches Gebiet gefeuert.

Eine Wiederbesetzung des Gazastreifens würde diesen Raketenbeschuss zwar weitgehend unterbinden, gleichzeitig aber zu starken Verlusten auf beiden Seiten führen und bald internationale Proteste hervorrufen. „Wir werden uns nicht in den Gazastreifen hineinziehen lassen, so wie die Hamas sich das vorstellt“, sagte Olmerts Sprecherin.

Die jetzt beschlossenen gezielten Luftangriffe sind aber auch nicht ohne Risiko: Mehrmals haben solche Angriffe im dicht besiedelten Gazastreifen schon unschuldige Zivilisten das Leben gekostet. Genau darauf aber scheint die Hamas zu hoffen. Nach dem israelischen Angriff auf das Hauptquartier einer Hamas-Kampfeinheit drohte die Organisation bereits damit, die Selbstmordattentate wiederaufzunehmen, und mahnte „die Einheit des palästinensischen Volkes“ an.

Text: F.A.Z., 18.05.2007, Nr. 114 / Seite 7
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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