Von Petra Kolonko, Peking
18. März 2008 Während es in Lhasa und im übrigen Tibet ruhig geworden ist, wurden auch am Montag Proteste von Tibetern aus anderen Provinzen Chinas gemeldet. Mönche aus dem Kloster Labrang in Gansu demonstrierten am Wochenende. Am Montag soll es nach unbestätigten Berichten zu einer Protestaktion in tibetischen Schulen in der Präfektur Aba gekommen sein. In Maqu in der Provinz Gansu sind nach Angaben der Campaign for Tibet“ 300 Menschen mit einem Bild des Dalai Lamas durch die Straßen gezogen und haben chinesische Geschäfte angezündet. 100 tibetische Studenten hätten ein Sit-in in Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu abgehalten.
Soweit bekannt, sind dies keine Massenproteste oder gar ein Aufstand der Tibeter. Doch die Aktionen erinnern daran, dass Tibet einmal größer war, als es heute ist, und dass viele Tibeter nicht auf dem Territorium der Autonomen Region Tibet“ leben, die erst im Jahr 1965 von den chinesischen Kommunisten gegründet wurde.
Streitpunkt ist die geographische Definition
Die geographische Definition von Tibet ist einer der großen Streitpunkte zwischen dem Dalai Lama und der chinesischen Regierung. Während die chinesische Regierung als Tibet nur die heutige Autonome Region Tibet“ bezeichnet, spricht der Dalai Lama von einem Groß-Tibet“ in seiner historischen Ausdehnung. Tatsächlich leben mehr Tibeter in anderen chinesischen Provinzen als im heutigen Tibet.
Die chinesische Regierung hat, als sie Tibet besetzte, eine Reihe von Gebieten, die vorher zu Tibet gehörten, anderen Provinzen zugeschlagen. Dazu gehören die heutigen tibetischen Präfekturen Khanlo in der Provinz Gansu, Ngapa (Aba) und Kanzi in der Provinz Sichuan und die Präfektur Dechen in der Provinz Yunnan. Nach dem Zensus des Jahres 2000 lebten allein in der Provinz Qinghai eine Million Tibeter, nach offiziellen, ungenauen Angaben gibt es dort mehrere hundert Klöster.
In Sichuan lebten 1,1 Millionen Tibeter, in Yunnan 117.000 Tibeter und in Gansu 400.000. Insgesamt gab es demnach im Jahr 2000 5,4 Millionen Tibeter in China. Bedeutende tibetische Klöster wie der Labrang-Tempel von Xiahe in Gansu und das Ta’er-Kloster (Kumbum) in Qinghai liegen außerhalb des heutigen Tibet. Die Autonome Region Tibet“ hatte nach offiziellen Angaben im Jahr 2007 2,8 Millionen Einwohner, dazu gehören aber auch Han-Chinesen und andere Minderheiten. Der Dalai Lama spricht von insgesamt sechs Millionen Tibetern.
Nur theoretisch unter Selbstverwaltung
Nach chinesischer Gepflogenheit nennen sich die Gebiete, in denen andere ethnische Gruppen als die Han-Chinesen die Mehrheit bilden, Autonome Gebiete“. Sie stehen jedoch nur theoretisch unter Selbstverwaltung, meistens ist der Präfekt oder Bürgermeister ein Einheimischer, der wichtige örtliche Parteichef aber ein Han-Chinese. Schon früher war es in diesen Regionen vereinzelt zu Protestaktionen gekommen. Es war bekannt, dass auch hier das Verhältnis zwischen Tibetern und Chinesen gespannt ist.
Wenn der Dalai Lama weitgehende Autonomie und die Bewahrung der tibetischen Kultur fordert, dann schließt er damit die tibetischen Regionen in den anderen Provinzen ein. Die Gesandten des Dalai Lamas haben bei ihren Besuchen in China in den vergangenen Jahren auch die tibetischen Gebiete anderer Provinzen besucht. Wenn es um politische Autonomie gehe, könne er sich auf das heutige Tibet beschränken, hat der Dalai Lama verkündet. Doch in die kulturelle Autonomie müssten auch die Tibeter der anderen Provinzen eingeschlossen werden. Die chinesische Regierung lehnt es strikt ab, Tibet einerseits geographisch, andererseits aber historisch und kulturell zu definieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS
