Von Rainer Hermann
03. März 2006 Der Kinofilm Tal der Wölfe - Irak hat Entsetzen hervorgerufen, weil er Einblicke in die türkische Seele gewährt. Die Botschaft des türkischen Rambos zum Ende des dritten Jahrs der Besetzung des Irak ist klar: Auch die Türkei befindet sich weiter in dem anti-imperialistischen Befreiungskrieg, mit dem Atatürk 1923 die Republik gegründet hatte, und der Islam taugt nicht im geringsten für derartige Vorhaben.
Wie immer ist die Türkei zerrissen. Je näher ein Teil der EU kommt, desto höher steigt im anderen die nationalistische Welle. Für die nationalistische Türkei spricht die von Atatürk gegründete Tageszeitung Cumhuriyet. Ihr Chefredakteur Ilhan Selcuk ist die Glaskugel der Kemalisten. In Anatolien nehme der Nationalismus zu, und sie, die unbestimmt bleiben, fürchten sich davor, schreibt er.
Denn gäbe es bei den Arabern statt des Klerikalismus einen Nationalismus: umgehend wäre der Widerstand gegen die Besatzer doppelt so groß. An den Arabern sei die Aufklärung aber vorbeigegangen, wohingegen sie in der Türkei Wurzeln geschlagen habe, schreibt der Vordenker der großen Koalition sämtlicher türkischer Nationalisten. Denn Atatürk habe sich vom Mittelalter gelöst und eine laizistische Republik gegründet.
Negativer Nationalismus
Klar ist die Botschaft des Films, einfach sein Rezept. Man nehme einen Film über den Zweiten Weltkrieg, tausche die SS-Offiziere gegen amerikanische Soldaten aus und die geschundenen Juden gegen Araber und Turkmenen. Und schon hat man das ,Tal der Wölfe', schreibt Ismet Berkan, der Chefredakteur der liberalen Zeitung Radikal. Damit könnte er noch leben, nicht aber damit, daß der Film die Botschaft eines kruden negativen Nationalismus enthalte, der sich lediglich - wie beim serbischen Nationalismus - aus der Feindschaft gegen andere nähre.
In der gleichen Zeitung beklagt der liberale Intellektuelle Haluk Sahin, daß der Film die Welt in schwarz und weiß einteile. Der Film zeichnet die amerikanischen Soldaten als Untermenschen, die nur durch die Feuerkraft ihrer Waffen zu kriminellen Herrenmenschen werden - und zu gewissenlosen Barbaren, die auf Hochzeitsgesellschaften schießen und die nicht allein im Gefängnis von Abu Ghraib die Menschen entwürdigen. Das Tal der Wölfe ist gewiß kein Dokumentarfilm, doch er vermischt wirkliche Ereignisse mit der phantastischen Welt der Fiktion.
Politischer Machtfaktor
Seit vielen Jahren gibt es in der Türkei nationalistische Zuckungen, was auch mit dem Gezerre um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union zusammenhängt. Seit dem Wahlerfolg der AKP im November 2002 und aufgrund ihrer beharrlichen Reformpolitik mit Blick auf Brüssel, haben sich diese Regungen zu einem politischen Machtfaktor verdichtet. Von ganz rechts bis ganz links kamen die türkischen Nationalisten zusammen, von den Grauen Wölfen bis zur maoistischen Arbeiterpartei. Deren Vorsitzender Dogu Perincek koordiniert in Deutschland die Kampagnen gegen eine bloße Erwähnung des Genozids an den Armeniern.
Der Kreis der strammen Nationalisten reicht indessen weit über diese Gruppen hinaus. Die einen sind Verlierer des Reformprozesses, die anderen sagen der EU voraus, daß sie im Kampf gegen andere Blöcke scheitern werde. Daher wollen sie mit Europa nichts zu tun haben. Zu ihnen gehören der Verein zur Pflege des Denken Atatürks und die Kemalisten, die in der Tradition Atatürks stehen wollen und einst treue Mitglieder der Sozialistischen Internationalen gewesen waren, ebenso wie Beamte ohne Uniform und viele Offiziere.
Sie hält zusammen, daß sie den Kampf gegen die globalisierte Welt aufgenommen haben, daß sie die nationale Unabhängigkeit der Türkei als höchstes Gut ansehen - selbst wenn die Türkei dann ein Drittweltland bliebe - und daß sie sich als Anti-Imperialisten gefallen.
Schlüsselszene im Film
Da setzt der Film an. In einer Schlüsselszene fordert der Held Alemdar den amerikanischen Direktor eines Luxushotels im Irak auf, den Chef des amerikanischen Kapitalismus herbeizurufen - also den ranghöchsten Offizier der Region. Der heißt Sam und sagt höhnisch grinsend: Fünfzig Jahre haben wir euch Geld in den Rachen gestopft, sogar den Gummizug für die Unterhosen haben wir euch geschickt, und nun seid ihr beleidigt, weil wir euch nicht mehr brauchen. Kalt und stolz erwidert Alemdar: Ich bin nicht Politiker und nicht Diplomat. Ich bin Türke. Als solcher begehrt er gegen die Tyrannei auf. Kein Wort fällt in dem Film so häufig wie Tyrannei (zulm).
Den Nationalisten gefällt diese unbeugsame Haltung, der türkische Befreiungskrieg prägt noch immer ihr Weltbild. Atatürk hatte seiner Widerstandsbewegung gegen die ausländischen Besatzer Anatoliens den Namen Cemiyeti Müdafaa-i Hukuk gegeben, das heißt Vereinigung zur Verteidigung der Nationalrechte. Sie besteht weiter und erfreut sich regen Zulaufs. Ehemalige Generäle und bekannte Intellektuelle bekennen sich zu ihr. Sie organisiert Veranstaltungen über den angeblichen Genozid der Armenier an den Türken und verbreitet ihr nationalistisch-rassistisches Gedankengut im Internet.
Die Koalition dieser Nationalisten ist heterogen, wild und bunt. Sie tritt auch unter dem Namen Kizilelma (roter Apfel) auf. So hatte Ziya Gökalp, der Begründer des türkischen Nationalismus, das Idealland der Türken genannt. Von Anatolien bis Zentralasien soll es reichen.
Populärer Befreiungskrieg
Die Wirkung des Films reicht über die Welt der Intellektuellen hinaus. Bereits im vergangenen Jahr hatte ein populärer Roman über den Befreiungskrieg sämtliche Rekorde gebrochen. Su Cilgin Türkler (Diese verrückten Türken) schildert - wie der Autor Turgut Özakman selbst sagt - den legitimsten und heiligsten aller Befreiungskriege. In nur einem Jahr wurde es zweihundertfünfzigmal aufgelegt und eine halbe Million Mal verkauft.
Auch beim einfachen Volk hat der Nationalismus Fuß gefaßt. Denn noch immer sind die Auswirkungen des Bürgerkriegs gegen die kurdischen Separatisten der PKK mit Händen zu greifen. Zehntausende junger Soldaten fielen in einem Krieg, von dem viele Türken noch heute glauben, daß er nur deshalb so lange dauern konnte, weil Europa und Amerika die PKK mit dem Ziel unterstützt hätten, die Türkei zu schwächen. Ein zweiter Grund: Die türkische Wirtschaft läuft zwar so gut wie nie. Die gute Konjunktur baut die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen aber nicht ab, und die Probleme in den ländlichen Regionen nehmen zu.
Die jungen Macher des Films Tal der Wölfe, Serdar Akar und Bahadir Özdener, haben eine Sicht vom Westen übernommen, wie sie im Orient verbreitet ist. Das Christentum wird zur Religion der Gewalt. So diniert Sam unter einem kitschigen Bild des Letzten Abendmahls, als in ihm die Lust am Morden aufkommt. Er läßt eine Moschee in Schutt und Asche legen und benutzt Kinder als Schutzschilde.
Der Islam hingegen wird als Religion des Friedens und der inneren Ruhe gezeichnet, die aber keinen Beitrag zur Befreiung von den Besatzern leistet. Er wird gezeichnet als Religion mystischer Sufis, die Ekstase im Tanz finden, aber nicht im Kampf gegen die Besatzer. Die islamischen Führer verhindern Selbstmordattentate und legen den Entführerbanden das Handwerk. Über sie urteilt Alemdar: Mit eurer Geduld werdet ihr nur alt.
Text: F.A.Z., 04.03.2006
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