Suha Arafat

„Ihr wollt ihn lebendig begraben“

Suha Arafat: Wiedersehen mit dem todkranken Ehemann Ende Oktober in Ramallah

Suha Arafat: Wiedersehen mit dem todkranken Ehemann Ende Oktober in Ramallah

08. November 2004 Die Palästinenserführung ist am Montag aus Ramallah abgereist, um sich in Paris über den Zustand ihres im Sterben liegenden Präsidenten Jassir Arafat Gewißheit zu verschaffen.

Nach palästinensischen Angaben fuhren Ministerpräsident Qurei, der amtierende PLO-Chef Mahmud Abbas, Außenminister Nabil Schaath und Parlamentspräsident Rauchi Fatuch gemeinsam in Richtung Amman. Von dort aus wollten sie in der Nacht zum Dienstag oder am Morgen ein Flugzeug nach Paris besteigen.

Kurzfristig hatten die palästinensischen Politiker eien Absage der Reise erwogen. Sie reagierten damit nach Angaben aus Ramallah auf Vorwürfe von Arafats Ehefrau Suha, die Ahmad Qurei, den ehemaligen Regierungschef Mahmud Abbas und Außenminister Nabil Schaath einer Verschwörung gegen den palästinensischen Präsidenten beschuldigt hatte.

Die Palästinenser, die Israelis, aber auch unabhängige Beobachter machen vor allem Suha Arafat dafür verantwortlich, daß so wenig über den Gesundheitszustand Arafats bekannt wird. Seit Arafat vor zehn Tagen in die Militärklinik bei Paris eingeliefert wurde, kontrolliert sie alle Informationen, die nach außen gelangen.

Im goldenen Käfig

Plötzlich ist in diesen Tagen also wieder von Suha Arafat die Rede. Seit Beginn der zweiten Intifada Ende 2000 war sie nicht mehr in den besetzten Gebieten gewesen, sondern lebte in Paris, zunächst in der Wohnung ihrer Eltern, später in der zweiten Etage einer Arafat-Wohnung, in der sie sich über den kargen Zimmern der Sicherheitsleute ein frauliches Appartement einrichtete, mit ein bißchen Marmor und bunten Farben. Letzthin interessierte sich die Pariser Staatsanwaltschaft für ihren Geldbeutel. Aber sonst hörte man wenig von der 41 Jahre alten Suha.

Vorbei sind die Jahre, in denen sie an Heiligabend in der Weihnachtskirche von Bethlehem ihren 34 Jahre älteren Mann vertrat. Sicherheitsleute schoben sie da in die erste Reihe, wo sie meistens kniend und mit Tochter Zahwa - benannt nach Arafats Mutter - auf dem Arm der Liturgie folgte, nicht ohne neugierig in die Menge zu schauen. Nach dem Gottesdienst noch einige Gespräche mit den Leuten in den ersten Reihen, privat und ganz normal - schon war sie wieder weg zum nächsten Termin.

„Ich heiratete einen Mythos“

Suha Arafat wollte nicht nur „Dekoration“ ihres Mannes sein. Man weiß noch nicht einmal, ob sie diesen Mann wirklich heiraten wollte. Es soll ihre Mutter Raymonda Tawil, eine emanzipierte Journalistin aus bestem Haus, gewesen sein, die sie in Arafats Nähe brachte und nach Tunis in dessen Büro gehen hieß. Dort forderte sie dann den PLO-Chef, der eigentlich „nur mit der palästinensischen Nation verheiratet“ sein wollte, telefonisch auf, ihre Tochter nicht nur anzuschauen, sondern auch zu heiraten. So will es das Gerücht.

Die Katholikin Suha wurde dafür Muslimin. „Ich heiratete einen Mythos“, sagte sie später. „Unsere Heirat aber half ihm, von seiner Höhe herabzusteigen und ein Mensch zu werden.“ Allabendlich soll der Vater die Tochter in Paris angerufen haben, um den Kontakt nicht zu verlieren. Doch die Eheleute gingen verschiedene Wege.

„Ich hasse die Israelis“

Er hat zwar reichlich Geld; sie aber verbraucht es auch. Um hohe Summen soll es gehen, wenn sie jetzt die Autonomiebehörde auffordert, ihre Apanage als Präsidentenwitwe weiterzuzahlen und einen Anteil an Arafats Erbe zu erhalten. Arafat konnte ein Mann der Mäßigung sein. Suha aber machte zum Beispiel aus ihrem Israel-Haß nie ein Hehl: „Ich hasse die Israelis“, sagte sie einmal in einem Gespräch mit der BBC. „Ich bin gegen eine Normalisierung.“ 1999 warf sie Israel im Gespräch mit Hillary Clinton vor, es „vergifte das palästinensische Wasser und die Luft“. Selbstmordanschläge hieß sie gut.

In schrillem Ton warf sie nun den PLO-Führern vor, sie wollten nicht nur nach Paris an Arafats Krankenbett kommen, sondern ihn „lebendig begraben“. Dabei gehe es dem PLO-Chef „gut“. So lebt Suha wohl knapp neben der Wahrheit in einem goldenen Käfig.

In Ramallah und Nablus im Haus eines Bankkaufmanns und einer Journalistin aufgewachsen, konnte sie noch an der Sorbonne „internationale Beziehungen“ studieren, bis sie, gerade einmal zwanzig Jahre alt, zum Opfer der palästinensischen Geschichte wurde. Die palästinensische „Straße“ akzeptierte die blonde Frau im blauen BMW, die da eigenhändig durch die Gassen von Gaza raste, um behinderten Kindern ein wenig zu helfen, nie. Neben ihrem als Einzelkind aufwachsenden Töchterchen hat sie nun bald nichts mehr außer dem Mythos, an der Seite eines Mythos die schönsten Jahre ihres Lebens allein gewesen zu sein.

Text: jöb., AFP/ AP
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Suha Arafat

Die Witwe streitet um ihre Apanage

Suha Arafat mit ihrem Mann im Frühjahr 1993 in ihrem Haus in Tunis

Eine blonde Frau im blauen BMW: So fuhr Arafats 34 Jahre jüngere Ehefrau durch Gaza. Von den Palästinensern wurde sie nie akzeptiert. Die letzten vier Jahre, in denen Arafat in Ramallah quasi gefangen war, führte sie in seiner Pariser Wohnung ein gutes Leben.

Naher Osten

Qurei und Abbas sollen Arafat nachfolgen

Die Meldungen über die Gesundheit des palästinensischen Präsidenten Arafat sind weiter unklar. Er schwebt offenbar noch immer zwischen Leben und Tod.

Naher Osten

Streit über Arafats Begräbnisplatz

Ein Idol der Palästinenser

Während Arafat nur noch von Maschinen am Leben gehalten wird, streiten Israelis und Palästinenser über seine Grabstätte. Am Freitag hat sich nach Krankenhausangaben sein Zustand nicht weiter verschlechtert.

Naher Osten

"Wenn Arafat stirbt, beginnen wir bei Null"

Was wird ohne Arafat?

Jassir Arafats Zustand ist ernst. Einen Nachfolger hat der Palästinenserführer nicht herangezogen. Wird die junge Garde gegenüber den alten Funktionären stillhalten?

Naher Osten

Die Hamas lauert bereits

Abbas ist manchen Palästinensern zu weich gegenüber Israel

Was wird aus der PLO? Interne Machtkämpfe und externe Konkurrenz in der palästinensischen Nationalbewegung. Die Hamas sieht sich im Vorteil, denn die Konkurrenz wird ihr Zugpferd Arafat verlieren.

Naher Osten

Chance für Nahost-Frieden durch Ende Arafats

Der amerikanische Botschafter in Berlin sieht Chancen im Nahost-Konflikt

Der amerikanische Botschafter in Berlin, Dan Coats, hält eine Lösung des Nahost-Konflikts für möglich. Es gebe moderatere palästinensische Politiker als Arafat, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Naher Osten

Zwei alte Bekannte an der Stelle Arafats

Scharon will Siedler und Soldaten aus dem Gaza-Streifen abziehen

Eine Chance für den Nahen Osten. Nach der Ära Arafat ist der Weg frei für einen Frieden. Scharon muß seine Siedlungspolitik fortführen. Bush und die EU stehen jetzt in der Verantwortung.

Naher Osten

Ein Leben in Sackgassen

Eine weitere Generation voller Haß

Jassir Arafat traute sich nicht, Staatsmann zu werden. Der passive Diktator hinterläßt den Palästinensern ein Erbe aus Haß und Zerstörung.

Naher Osten

Begrabt ihn in Jerusalem

Arafats Anhänger fordern eine Ruhestätte in Jerusalem

Der Publizist Rafael Seligmann plädiert dafür, Arafat in Jerusalem zu bestatten; das sei „Voraussetzung einer Versöhnung“ zwischen Israelis und Palästinensern.

Naher Osten

Palästinenser regeln Arafats Nachfolge

Vorübergehender Vertreter: Ministerpräsident Qurei

Für die Palästinenser gibt es keine Hoffnung mehr, daß Arafat an die Macht zurückkehren wird. Die Führer in PLO und Autonomieverwaltung bereiten sich auf die Übernahme vor.

Arafat erkrankt

„Wir sind jetzt allein“

Auf dem Weg nach Paris: der schwer kranke Arafat

Der schwer erkrankte Arafat wird in einer Klinik bei Paris ärztlich behandelt. In seiner Heimat wird schon über die Nachfolge des 75 Jahre alten Palästinenserpräsidenten und den Ort seines Grabes spekuliert.