"Wir sind alle Armenier"

20. Januar 2007 Her. Istanbul. Die türkische Polizei hat Bilder des mutmaßlichen Mörders von Hrant Dink veröffentlicht. Der prominente türkisch-armenische Intellektuelle war am Freitag in Istanbul vor seinem Büro ermordet worden. Die Bilder zeigen einen knapp 20 Jahre alten Mann, der eine Schusswaffe trägt, mit einer weißen Wintermütze, Jeans und Jeansjacke. Aufgenommen wurden sie von einer Überwachungskamera eines Geschäfts neben der Redaktion von Dinks türkisch-armenischer Wochenzeitung "Agos". Entschieden verurteilten die türkischen Medien den Mord. "Hrant Dink ist die Türkei", titelte das Massenblatt "Milliyet". "Der Täter ist ein Verräter", überschrieb "Hürriyet". Am Freitagabend hatten mehrere tausend aufgebrachte Demonstranten am Tatort in Sprechchören "Wir alle sind Hrant Dink, wir alle sind Armenier" skandiert. Ministerpräsident Erdogan verurteilte den Mord als "Angriff auf unsere Freiheit, die Meinungsfreiheit und unsere demokratische Lebensweise". Nicola Duckworth von Amnesty International warf türkischen Regierungsmitarbeitern und Beamten vor, sie und die Gesetze, die die Unterdrückung der Meinungsfreiheit fördern, hätten eine Atmosphäre geschaffen, in der es zu Gewalt kommen könne. Der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, kritisierte die türkische Staatsanwaltschaft und Justiz.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 1

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