Frankreich

Einmischen und mitmischen

Von Michaela Wiegel, Paris

„Das Schlimmste, Monsieur, das ist der Krieg”

„Das Schlimmste, Monsieur, das ist der Krieg”

19. September 2007 Als Kriegstreiber will Bernard Kouchner nicht dastehen. Das hat er im Flugzeug zwischen Paris und Moskau gesagt, nachdem ihn sein Presseattaché über den internationalen Aufruhr nach seinen Interviewäußerungen über „das Schlimmste, auf das man sich vorbereiten muss“, unterrichtet hatte. Aufmerksamkeit hat der französische Außenminister mit seinem Fernsehauftritt vor der „Grand Jury“ der renommierten Journalisten in Frankreich durchaus gesucht, aber nicht diese Art von Aufregung.

Aus dem Schatten des allgegenwärtigen Staatspräsidenten Sarkozy herauszutreten ist für die meisten französischen Minister ein politisches Überlebensziel geworden. Für Bernard Kouchner, den Meister der Medieninszenierungen, gilt das in besonderem Maß. Deshalb hat er sich nicht gescheut, ein bisschen markig zu sprechen und dem unterkühlten Chefredakteur des „Figaro“ Nicolas Beytout zu sagen: „Das Schlimmste, Monsieur, das ist der Krieg.“

Die Dramatisierung der Iran-Krise gewagt

Kouchner mit Präsident Talabani im Irak

Kouchner mit Präsident Talabani im Irak

Gewagt hat Kouchner die Dramatisierung der Iran-Krise, weil sie vom Präsidenten gewünscht wird. Sarkozy teilt die Einschätzung der amerikanischen Staatsführung, dass das Regime in Teheran konziliante Abwarteangebote als Schwäche wertet und dass Iran die gewonnene Zeit nutzt, um sein Atomprogramm voranzutreiben. Sarkozy stuft den Einfluss Irans auf den Nahen Osten, insbesondere auf Syrien und den Libanon, als verheerend ein und will um jeden Preis verhindern, dass Atombomben das Mullah-Regime unantastbar machen. Er ist nicht bereit, sich mit einer Atommacht Iran abzufinden.

Kouchner teilt Sarkozys „realpolitischen“ Ansatz, dass jetzt der diplomatische und wirtschaftliche Druck auf Iran so stark werden müsse, dass das Regime auf Kooperationsangebote eingehe und die Urananreicherung einstelle. Er, der Mann der internationalen Organisationen, der für die Vereinten Nationen das Kosovo verwaltete, wirbt für verschärfte europäische Sanktionen außerhalb der UN. Er begründet diese Bereitschaft mit der Dringlichkeit, der Alternative „die Bombardierung Irans oder die iranische Bombe“ zu entgehen.

Einsatz als „French doctor“

Nach seinem jahrzehntelangen Einsatz als „French doctor“ der von ihm mitbegründeten Hilfsorganisation „Médecins sans frontières“, später als Staatssekretär für humanitäre Angelegenheiten Mitterrands in den Krisen- und Hungergebieten der Welt hat sich Kouchner ein Menschenrechtsverständnis zu eigen gemacht, das mit den Thesen der amerikanischen Neokonservativen kompatibel ist - jedenfalls in deren reiner Lehre. Das sozialistische Parteibuch Kouchners hat lange vergessen lassen, dass schon sein Konzept eines „Rechts auf Einmischung“ („droit d'ingérence“) vom konservativen Denker Jean-François Revel inspiriert war.

Die Linke oder, genauer, Präsident Mitterrand bot Kouchner das Betätigungsfeld, das er gesucht hatte. Zwar hatte der 1939 als Arztsohn jüdisch-russischer Herkunft in Avignon geborene Kouchner als Medizinstudent kurz der „Union der kommunistischen Studenten“ angehört. Aber der „rote Dandy“ wurde wegen seiner ideologischen Unkonventionalität schon bald ausgeschlossen. Als Antriebsfeder steht bei Kouchner stets die „gute Sache“ im Vordergrund - und der Wunsch, für sein Wirken anerkannt zu werden. Über seine Frau Christine Ockrent, eine bekannte Fernsehjournalistin, ist er mit der Medienwelt eng verbunden.

„Weder Krieg noch Saddam“

Es hat ihn nie gestört, sein Wirken nicht mit einer Partei- oder Regierungslinie in Einklang bringen zu können. Gegen Widerstände Mitterrands plädierte er für europäische Einmischung auf dem Balkan. Er eckte an, als er zum Ende des ersten Golfkriegs das Festhalten der westlichen Alliierten am Diktator Saddam Hussein beklagte. Kouchner stand in seiner Partei isoliert da, als er im Februar 2003 einen Appell veröffentlichte, der den Titel „Weder Krieg noch Saddam“ trug. Er sprach sich für den Sturz des Diktators aus und warnte davor, dass das diplomatische Kräftemessen zwischen Amerika und dem „deutsch-französischen Paar“ Bush zu einer schnellen militärischen Intervention antreiben werde, „um das Gesicht zu wahren“.

Kouchner empörte sich damals über die Haltung der Linken, die vorgebe, auf die Frage „Wollt ihr den Krieg?“ könne man nicht anders als mit Nein antworten. „Nach dem Abkommen von München hat die öffentliche Meinung auch nein zum Krieg gesagt“, schrieb Kouchner. Seine Enttäuschung über die amerikanischen Fehler im „Demokratisierungsprozess“ im Irak hinderte ihn nicht daran, das Vorwort zu dem französischen „Schwarzbuch Saddam Husseins“ zu verfassen, in dem die Verbrechen des irakischen Diktators dokumentiert werden.

Er punktete mit undiplomatischem Auftreten

Das undiplomatische, ungebundene Auftreten Kouchners hat Sarkozy dazu gereizt, ausgerechnet ihm die Aufgabe des obersten Diplomaten Frankreichs zu übertragen. Wie Nicolas Sarkozy als Präsidentschaftskandidat über die französischen Diplomaten dachte, hat die Autorin Yasmina Reza in ihrem Roman dokumentiert: „Ich verachte diese Typen, sie sind Feiglinge. Wenn man feige ist, denkt man nicht. Ein Typ von der Hizbullah setzt Israel mit den Nazis gleich, er besteht darauf, und der (französische) Botschafter hat nichts gehört?“

Auch wenn die harschen Worte der schriftstellerischen Freiheit geschuldet sein mögen, hat Sarkozy doch begonnen, das diplomatische Korps durcheinanderzuwirbeln. Den Arzt, Nothelfer und Schriftsteller Jean-Christophe Rufin hat er auf den Botschafterposten in Senegal berufen, weitere „unkonventionelle“ Nominierungen sollen folgen. Bernard Kouchner gefällt das, steigert es doch auch das Medieninteresse an seinem Amt.

Text: F.A.Z., 19.09.2007, Nr. 218 / Seite 3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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