Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
12. August 2007 Kurz nach Mitternacht - in den ersten Minuten des 9. August - begann die Erde zu zittern. Schwimmbäder schwappten über, Gläser klirrten im Schrank, Wände zeigten Risse. Panisch stürmten die Menschen aus ihren Apartments und versammelten sich in Schlafanzügen und Nachthemden auf den Straßen. Fast eine Minute lang schwankten die Hochhäuser, und mindestens so lange schien eine Katastrophe nah. Dann klang das Beben wieder ab. Jakarta blieb verschont.
Im abergläubischen Indonesien bekam der Mitternachtsschrecken schnell Symbolgehalt. Denn nur wenige Stunden vor dem Erdbeben hatten die Wahllokale geschlossen, und die ersten Auszählungen deuteten auf eine andere, politische Erschütterung hin. Dann fiel der Kandidat der Islamisten aber doch noch zurück, und der Repräsentant der gemäßigten Parteien setzte sich mit 58 Prozent der Stimmen durch. Jakarta, die Hauptstadt des Landes, wird weiterhin von einem liberalen Gouverneur regiert werden.
Neues Katastrophenmanagement ist nicht perfekt
Mit dem Sieg des Technokraten Fauzi Bowo über den Islamisten Adang Daradjatun setzt Indonesien seinen beachtlichen Weg aus der Krise fort. Seit dem Zusammenbruch der Suharto-Diktatur, der vor zehn Jahren mit der Asien-Krise begann, hat das Land mit so ungefähr allen Herausforderungen zu kämpfen, die im Lehrbuch der Dritten Welt zu finden sind: mit Naturkatastrophen, mit Rezession und institutioneller Instabilität, mit Seperatismus und Terrorismus sowie mit einer fortschreitenden Islamisierung. Ohne viel Aufhebens scheint es der jungen Demokratie aber zu gelingen, mit den unvermeidbaren Prüfungen fertig zu werden und die Bedrohungen zu entschärfen.
Gefährdet war das geologisch prekär gelegene Inselreich immer, aber die Erdbeben und Überflutungen, die den Archipel im vergangenen Jahrzehnt heimsuchten, überstiegen in Anzahl und Wucht das Vergangene bei weitem. Allein durch den Tsunami vom Dezember 2004 kamen mehr als 130.000 Indonesier ums Leben. Das neu entstandene staatliche Katastrophenmanagement ist nicht perfekt, aber nach Meinung westlicher Fachleute nicht unbedingt schlechter als die Bürokratie der internationalen Hilfsorganisationen; zumindest in der Hauptkrisenregion Aceh entstehen die größten Schwierigkeiten durch rivalisierende Hilfsorganisationen aus dem Ausland.
Eine der freiesten Presselandschaften Asiens
Die Asien-Krise bedeutete für die Indonesier eine ungeheure Wohlstandsvernichtung. Unzählige Unternehmen und Haushalte versanken im Bankrott, die beiden nächstgrößeren Länder der Region - China und Indien - zogen in den verlorenen Jahren an Indonesien vorbei. Heute wittern die Geschäftsleute in Jakarta wieder Morgenluft. Die Wachstumsrate liegt bei sechs Prozent und soll weiter steigen; die Investoren fassen neues Vertrauen. Noch immer ist die Armut beträchtlich, aber zum ersten Mal seit langem bescheinigen internationale Studien dem Land wieder solide Rahmendaten und gute Investitionsbedingungen.
Erstaunlicher noch als die wirtschaftliche Gesundung ist der andauernde Umbau des autoritären Staatswesens in eine Demokratie. Der Publizist Bambang Harymurti macht darauf aufmerksam, dass es wohl wenige Militärdiktaturen gibt, in denen die Soldaten freiwillig auf ihre Rechte verzichteten. Das Land wird heute zwar wieder von einem früheren General regiert, aber der bekam sein Mandat direkt vom Volk und wacht nun darüber, dass das Militär nicht mehr in seine Sonderrolle in Parlament und Gesellschaft zurückkehrt. Die Abgeordneten gewinnen langsam an Selbstbewusstsein, und Indonesien rühmt sich heute einer der freiesten Presselandschaften Asiens.
Hausgemachten Terrorismus nun besser im Griff
Obwohl seit dem Ende der Suharto-Ära vier sehr unterschiedliche Präsidenten das Land regierten, zeigten sie Kontinuität im Umgang mit den Separatisten. Die Unabhängigkeitsbewegungen, die zwischenzeitlich fast die Einheit Indonesiens zu gefährden schienen, sind heute weniger aktiv oder haben, wie in Aceh, die Waffen ganz niedergelegt und sich in den politischen Prozess eingegliedert. Geholfen hat - nicht nur in Aceh, sondern auch in Sulawesi - eine neue Dialogbereitschaft. Wirkung zeigt aber auch die Dezentralisierungspolitik. In nur zehn Jahren formte Jakarta aus einem straff organisierten Zentralstaat ein fast föderales Gebilde, in dem Provinzen und Distrikte ganz neue politische und wirtschaftliche Rechte besitzen.
Besser als andere islamische Länder scheint Indonesien auch den hausgemachten Terrorismus in den Griff zu bekommen. Schauplatz einiger der blutigsten Anschläge seit dem 11. September 2001, hat Jakarta den südostasiatischen Ableger von Al Qaida spürbar zurückgedrängt. Die alte Führung der Jemaah Islamiyah (JI) ist fast vollständig ausgeschaltet; die Gruppe sei heute zweifellos viel schwächer, sagt die Terrorexpertin Sidney Jones in Jakarta. Dass die JI seit zwei fast Jahren keinen Anschlag mehr verübt hat, dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die indonesische Polizei (mit westlicher Hilfe) in den vergangenen Jahren an die 300 mutmaßliche Terroristen festgenommen, getötet oder vor Gericht gebracht hat - einige von ihnen wurden zum Tode verurteilt.
Wahlkampfplakate: Unterschiede sind schön!
Überschattet sehen einige die Erfolge der jungen Demokratie nur von den zunehmenden Islamisierungstendenzen. Die Zahl der Moscheen, Koranschulen und Kopftuchträgerinnen hat unverkennbar zugenommen. Die Dezentralisierung ermunterte überdies eine Reihe von Gouverneuren, Landräten und Bürgermeistern dazu, mit Scharia-Elementen zu experimentieren. Der Jesuitenpater Franz von Magnis-Suseno, der sich seit vier Jahrzehnten mit dem indonesischen Islam beschäftigt, erkennt gleichwohl einen wachsenden Widerwillen der moderaten muslimischen Mehrheit, sich von fundamentalistischen, wahhabitischen Strömungen vereinnahmen zu lassen. Die Islamisierung hat zugenommen, sagt er, aber sie stabilisert sich auf einem Niveau, das Demokratie und Religionsfreiheit weiterhin zulässt.
Dass die Indonesier bestimmte Grenzen offenbar nicht überschritten sehen wollen, bestätigte der Gouverneurswahlkampf in Jakarta. Als sich abzeichnete, dass die islamistische PKS einen eigenen Mann ins Rennen schicken würde, einigten sich die großen - traditionell verfeindeten - Parteien rasch auf einen gemeinsamen Kandidaten. Im Laufe des Wahlkampfs wurde der PKS-Kandidat dann von der Stimmung der Bürger immer stärker in die Mitte gedrängt. Nachdem islamistische Themen nicht verfingen, begann Adang städtische Mängel und die Korruption anzuprangern, um sich am Ende des Wahlkampfs geradezu als die liberalere und pluralistischere Alternative zu präsentieren: Perbedaan itu indah!, stand auf seinen letzten Wahlplakaten: Unterschiede sind schön!
Text: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite 6
Bildmaterial: AP
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