Afrika

Es fehlt an allem in Zimbabwe - nur nicht an Unzufriedenheit

Von Thomas Scheen, Johannesburg

19. Februar 2007 Aus ihrer Sicht hatte die zimbabwische Polizei gute Gründe, die Demonstration der Oppositionsbewegung „Movement for Democratic Change“ (MDC) am Wochenende mit Tränengas und Wasserwerfern aufzulösen. Man sei zu spät über die Demonstration unterrichtet worden, hieß es offiziell, obwohl die Veranstaltung vom Obersten Gericht zuvor genehmigt worden war.

Der wahre Grund für das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte war ein anderer: Angesichts der katastrophalen Versorgungslage im Land befürchtet die Regierung, dass eine Oppositionsveranstaltung jenen Funken zünden könnte, der Zimbabwe zur Explosion bringt.

Konsumgüter siebzehn Mal teurer als im Vorjahr

Es gärt im Reich von Präsident Robert Mugabe. In den Schulen streiken die Lehrer für eine Erhöhung ihrer Gehälter um 400 Prozent, die Ärzte und Krankenschwestern verweigern ebenfalls die Arbeit, in der Verwaltung denkt man laut über einen unbefristeten Streik nach und die Oberste Richterin des Landes sah sich genötigt, mehr Geld für die Justiz zu fordern, um der grassierenden Korruption innerhalb ihres Dienstes Einhalt zu gebieten.

80 Prozent der Zimbabwer sind mittlerweile arbeitslos, und die Inflation hat 1600 Prozent erreicht. Nach Angaben des statistischen Amtes in Harare sind normale Konsumgüter in diesem Jahr siebzehn Mal teurer als im Vorjahr. Im Schnitt benötigte eine Familie bisher rund 100.000 Zimbabwe-Dollar (rund 320 Euro), um die monatlichen Fixkosten für Lebensmittel, Strom und Miete zu decken. Im Dezember vergangenen Jahres aber mussten für den gleichen Warenkorb schon 145.000 Zim-Dollar (460 Euro) aufgebracht werden.

Kaum noch Lehrer in den Schulen

In den Schulen wiederum sind häufig kaum noch Lehrer anzutreffen, weil es sich nicht lohnt, für einen Hungerlohn von derzeit 84.000 Zim-Dollar (270 Euro) arbeiten zu gehen. Die Forderung nach einer Erhöhung der Gehälter auf 540.000 Zim-Dollar (1730 Euro) wurde von der Regierung ignoriert. Angeblich haben in den vergangenen Monaten mehr als 5000 Lehrer den Dienst quittiert. Viele von ihnen verdingen sich im benachbarten Südafrika als einfache Landarbeiter.

Und auch die Schüler können sich den Schulbesuch nicht mehr leisten, nachdem die Gebühren dafür im Vergleich zum Vorjahr auf ein Mehrfaches gestiegen sind. Bislang mussten Eltern durchschnittlich etwa 7000 Zim-Dollar (20 Euro) pro Trimester bezahlen, jetzt sind es 30.000 Zim-Dollar (knapp 100 Euro). Der Preis für die obligatorische Schuluniform liegt mittlerweile bei 400.000 Zim-Dollar (knapp 1300 Euro), wobei das durchschnittliche Einkommen - sofern man Arbeit hat - bei 64.000 Zim-Dollar (205 Euro) liegt.

In Zimbabwe dürften auch bald die Lichter ausgehen

Es fehlt an allem in Zimbabwe: an Treibstoff, an Fleisch und an Brot. Zudem könnte nunmehr auch die Stromversorgung zusammenbrechen, weil der staatliche Energiekonzern Zesa vor dem Bankrott steht. Auf mehr als 330 Millionen Euro belaufen sich dessen Schulden mittlerweile, weil Zimbabwe Strom gegen harte Devisen kaufen muss und die Energie gegen den wertlosen Zim-Dollar billig weiterverkauft.

Weil der Kollaps des Staatsbetriebes voraussehbar ist und gleichzeitig der Eigenbedarf drastisch gestiegen ist, haben die Lieferländer Südafrika, Kongo-Kinshasa, Moçambique und Sambia statt der geforderten 600 Megawattstunden lediglich die Lieferung von 150 Megawattstunden zugesagt. Zu allem anderen Übel dürften in Zimbabwe auch bald die Lichter ausgehen.

„Hausgemachten Probleme“

Präsident Mugabe macht das Ausland, und da vor allem Großbritannien und Amerika, für die katastrophale Lage der heimischen Wirtschaft verantwortlich. Ein Vorwurf, gegen den sich der amerikanische Botschafter in Harare energisch verwahrte und stattdessen auf die „hausgemachten Probleme“ hinwies - wie etwa die Enteignung von rund 4000 weißen Farmern seit 2000, die ursächlich für den dramatischen Niedergang des Landes ist.

Die Europäische Union verlängerte unterdessen am Montag die Sanktionen gegen Zimbabwe um ein weiteres Jahr. Darunter fallen Reiseverbote für rund 100 Minister, Staatssekretäre und Mitglieder der Regierungspartei Zanu-Pf und der Armee. Zudem bleiben die Auslandsguthaben von Mugabe weiterhin gesperrt.

Kumpanei mit dem halsstarrigen Diktator

Gleichzeitig scheinen auch die treuesten Freunde mittlerweile auf Abstand zu Mugabe zu gehen. In Harare blieb nicht unbemerkt, dass der chinesische Präsident Hu Jintao bei seiner Afrikareise zwar dem Schurkenstaat Sudan seine Aufwartung machte, aber einen großen Bogen um Zimbabwe machte, obwohl China dort Platin fördert und das Regime zudem mit Waffen und Abhörtechnik beliefert. Die letzte Auslandsreise Mugabes führte nach Teheran, und das ist jetzt auch schon eine Weile her.

Zum franko-afrikanischen Gipfel in Cannes war er erst gar nicht eingeladen worden. Und in Südafrika, das die Grenzen zu Zimbabwe schon deshalb nicht allzu genau überprüft, um Flüchtlingen den Grenzübertritt zu erleichtern, und damit den Druck vom Kessel nimmt, ist die Kumpanei mit dem halsstarrigen Diktator offensichtlich Geschichte. Mugabe sei ein „echtes Problem“ geworden, ließ sich der südafrikanische Verteidigungsminister Lekota vernehmen. Woraufhin Mugabe umgehend über „die reaktionären Elemente jenseits der Grenze“ polterte.

Unterdessen rief ein „Komitee für den 21. Februar“ Ende vergangener Woche alle Bürger Zimbabwes dazu auf, die Geburtstagsfeierlichkeiten für Mugabe am kommenden Mittwoch mitzufinanzieren. Rund 300.000 Euro soll der 83. Geburtstag des Despoten kosten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

 
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