Zypern

Begossene Pudel im Süden

Von Werner Adam, Nikosia

Denktasch: Dialektische Verrenkungen

Denktasch: Dialektische Verrenkungen

26. April 2004 „Wie glücklich zu sagen: Ich bin ein Türke!" So steht es in großen Lettern auf dem Torbogen geschrieben, der in Nikosia den Grenzübergang zwischen dem Süden der Zyperngriechen und dem Norden der Zyperntürken markiert. Seit dem Wochenende wirkt dieser Spruch nicht länger wie bloßes Wunschdenken.

Mit ihrem Evet, dem türkischen Ja zum Wiedervereinigungsplan des UN-Generalsekretärs Annan, haben die Inseltürken allen Grund, nach dreißig Jahren eines Schattendaseins endlich Hoffnung zu schöpfen: auf das Ende ihrer politischen und wirtschaftlichen Isolierung, auf internationale Aufbauhilfe und auf eine Sonderbehandlung durch die ihnen weiterhin versperrte Europäische Union.

„Verlierer sind die griechischen Zyprer“

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sagte dazu: "Wir haben uns dieses Ergebnis nicht gewünscht, aber Verlierer sind nun einmal die griechischen Zyprer." Sein Außenminister Gul ging noch weiter und resümierte, nach dem erdrückenden Nein der Inselgriechen zum Annan-Plan sei die Teilung der Insel nunmehr von Dauer. Damit sprach er vor allem dem türkischen Volksgruppenführer Denktasch aus dem Herzen, der wie der zyprische Präsident Papadopoulos eine Wiedervereinigung nach dem Schweizer Kantonsmodell strikt abgelehnt hatte, das Ja seiner ihm untreu gewordenen Landsleute aber gleichwohl als einen Sieg feierte. „Unser Plan hat den Annan-Plan erfolgreich zunichte gemacht", urteilte der achtzig Jahre alte Denktasch und münzte damit das Nein der Gegenseite kurzerhand in seinen persönlichen Triumph um.

Die Forderung Tausender türkisch-zyprischer Demonstranten nach seinem Rücktritt lehnte der bisherige Volksgruppenführer dagegen mit der Begründung ab, einen Anlaß dazu hätte es nur dann gegeben, wenn der Wiedervereinigungsplan von beiden Seiten akzeptiert worden wäre. Mit solchen dialektischen Verrenkungen wird sich Denktasch aber wohl kaum länger auf seinem Posten behaupten können. Eine sofortige Abdankung hat ihm vor allem der türkisch-zyprische Ministerpräsident Talat nahegelegt, der entschieden für ein Ja zum autonomen Nebeneinander mit den Inselgriechen eingetreten war.

Talat will daran nach eigenem Bekunden auch in Zukunft festhalten und die vor genau einem Jahr geöffnete Grenze zwischen Nord und Süd keineswegs wieder schließen. Allerdings wünscht er sich von der Europäischen Union, daß sie „sorgfältig darüber nachdenkt, ob die Zyperngriechen wirklich die gesamte Insel repräsentieren". Während letztere den Plan abgelehnt hätten und dennoch der EU beitreten könnten, bleibe diese den Inseltürken verschlossen, obwohl sie für den Plan votiert hätten. Das, so Talat, sei nicht fair.

Annan lobt das türkisch-zyprische Ja

Dieser Ansicht scheint man in Brüssel ebenso zu sein wie in Washington und in New York am Sitz der Vereinten Nationen. Generalsekretär Annan, der das griechisch-zyprische Nein zu seinem neuntausend Seiten umfassenden Wiedervereinigungsplan unmißverständlich beklagt und seinen Zypern-Emissär de Soto in Nikosia angewiesen hat, umgehend seine Koffer zu packen, lobte ebenso ausdrücklich das türkisch-zyprische Ja. Dieses sei ungeachtet "bedeutsamer Opfer" zustande gekommen, die der Plan auch von ihnen verlange.

Um so mehr sei nun auch der Europäischen Union daran gelegen, die wirtschaftliche Entwicklung in Nordzypern zu fördern, wurde den Inseltürken von der Brüsseler Kommission versichert. Und ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums fügte hinzu: "Wir loben all jene, die für den Plan gestimmt haben, und denken dabei besonders an die große Mehrheit der türkischen Zyprer, für ihren Mut und ihr Votum für Frieden und Versöhnung."

Oxi, das griechische Nein, dürfte dem künftigen Zypern der Europäischen Union umgekehrt noch manche Unbill bereiten. Nach den reichlich trotzig wirkenden und, wie gewohnt, mehr von griechischen als von zyprischen Fahnen dekorierten Straßenfeiern zur Ablehnung des Annan-Plans am Samstag lag die Vermutung nahe, daß am Sonntag nicht wenige Politiker unter den Inselgriechen in dem Gefühl aufgewacht sein dürften, aus internationaler Sicht wie die begossenen Pudel dazustehen.

Vom „möglichen Ja" auf ein "ruhiges Nein"

Präsident Papadopoulos, der seinen Landsleuten ein Nein geradezu abverlangt hatte, beeilte sich denn auch, den Inseltürken zu versichern, die griechische Seite sei und bleibe um eine Vereinbarung bemüht, „die es uns erlaubt, gemeinsam in Frieden und Sicherheit zu leben". Dabei werde seine Regierung die türkisch-zyprischen Interessen im Auge haben, „aber nicht die der Türkei", fuhr Papadopoulos im Einklang mit seiner vorausgegangenen Nein-Kampagne fort, in der er die angeblich fortdauernde Bedrohung Zyperns durch die Türkei hervorgehoben hatte. Versuche des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, solche Bedenken durch eine Bekräftigung und Ausweitung der Sicherheitsgarantien für Zypern zu zerstreuen, waren an einem russischen Veto gescheitert, das ein Regierungssprecher in Nikosia allerdings ausdrücklich begrüßt hatte.

Nach diesem Veto war Zyperns größte Partei, die linksgerichtete Akel, von einem "möglichen Ja" auf ein "ruhiges Nein" zum Annan-Plan umgeschwenkt und hatte damit die Ablehnungsfront weiter verstärkt. Parteigeneralsekretär Christofias machte sich nach dem Ausgang der Volksabstimmung die verquere Dialektik des türkischen Volksgruppenführers zu eigen und sagte, das Nein der Akel sei in Wahrheit gar kein Nein gewesen, weil es Ziel seiner Partei sei und bleibe, ein neues Referendum zu veranstalten und "so bald wie möglich ein gewaltiges Ja seitens der griechisch-zyprischen Gemeinschaft zu zementieren". Auch Papadopoulos beteuerte, das Ende des Weges sei keineswegs erreicht, sondern es würden sich "neue Möglichkeiten" ergeben. Damit könne man tatsächlich rechnen, hieß es in einem Kommentar der zyprischen "Sunday Mail": Es sei nämlich keineswegs auszuschließen, daß sich das "kategorische Nein" als ein endgültiges Ja zur Besiegelung der Teilung Zyperns erweisen werde.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2004, Nr. 97 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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