Bundeswehr in Afghanistan

Und sollte es noch Jahre dauern

Von Christoph Ehrhardt, Kundus

Ein Bundeswehrsoldat der Isaf schützt sich während des Einsatzes vor Staub

Ein Bundeswehrsoldat der Isaf schützt sich während des Einsatzes vor Staub

20. Mai 2008 Die Sinnfrage kommt wie Kopfschmerzen. Er setzt sich dann hin und schreibt. Schreiben hat geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Es ist nicht so, dass er unter schlaflosen Nächten leidet. Er hat sich mit der Situation arrangiert, er beschwert sich auch nicht groß, schließlich ist er Soldat. Aber manchmal hat er Zweifel, wenn sie wieder mal zwei Tage draußen waren, mit Dorfbewohnern gesprochen haben, Präsenz gezeigt haben und es dann am nächsten Tag wieder einen Anschlag gibt. Wenn er den Ort eines Selbstmordanschlags sichern muss, wenn es mal wieder gekracht hat auf der „Little Pluto“, einer Schotterpiste nahe Kundus, auf der täglich Fahrzeuge der Bundeswehr patrouillieren. Dann fragt er sich manchmal, warum er hier ist und ob er wirklich etwas bewegen kann. Zwei Monate ist er in Afghanistan, zwei Anschläge hat er schon miterlebt.

Die Soldaten des Provinzwiederaufbauteams (PRT) in Kundus sind zur Gedenkfeier auf dem Appellplatz vor dem Ehrenhain angetreten. Es ist ein schlichtes Monument aus ockerfarbenem Stein. Vor einem Jahr tötete ein Selbstmordattentäter in der nordafghanischen Stadt drei Bundeswehrsoldaten und fünf afghanische Polizisten. Der deutsche Botschafter in Kabul, Hans Ulrich Seidt, hält eine bewegende Rede. „Was sagen wir den Angehörigen in Deutschland, womit begründen wir unseren Dienst?“ Der Botschafter nennt drei Gründe: Freundschaft, die Sicherheit und die Zukunft des eigenen Landes, Mitmenschlichkeit. „Nur wenn dieses Land in eine sichere Zukunft geht, werden wir in Deutschland und Europa auch sicher sein“, sagt er.

Ein Kampfeinsatz - mit allen Konsequenzen

Der verletzte Rücken eines Kindes in Kundus

Der verletzte Rücken eines Kindes in Kundus

Die Bundeswehrsoldaten stehen aufgereiht in der sengenden Morgenhitze, während der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, sagt: „Lasst die Tapferkeit der Opfer Ewigkeit werden und die Sonne des Friedens in meinem und in ihrem Land strahlen.“ Wahrscheinlich trieb nicht alle von ihnen der in den Reden gewürdigte Idealismus in den Auslandseinsatz. Aber was viele der Soldaten umtreibt, ist der Unmut darüber, dass in Deutschland ihre Arbeit nicht anerkannt, dass in der Öffentlichkeit nicht ausreichend vermittelt werde, dass der Einsatz sinnvoll sei, dass er der Sicherheit Deutschlands diene - und das es eben ein Kampfeinsatz sei. Mit allen Konsequenzen.

In Kundus war der Anschlag vom 19. Mai 2007 eine Zäsur. „Er markierte das Ende einer Phase relativer Stabilität, in der die Bundeswehr noch in einem mehr oder weniger friedlichen Umfeld arbeiten konnte“, sagt der Kommandeur der Soldaten im PRT, Oberst Buske. Vom vergangenen September an wurde das Lager regelmäßig mit Raketen beschossen. Mitte Februar traf eine Kompanie Fallschirmjäger aus dem Saarland ein, die Präsenz im Feld wurde vergrößert. Die Soldaten patrouillieren im Umkreis von zunächst acht bis zehn Kilometern um das Lager - das ist in etwa die Reichweite der Raketen. Seitdem sei Ruhe, sagt Oberst Buske.

„Hausbesuche“ gemeinsam mit Afghanen

Die Fallschirmjäger zum Beispiel sind jeden Tag draußen. Sie durchstreifen nachts Getreidefelder, vorbei an kläffenden Hunden, die einsame Gehöfte bewachen. Ihre Gegner, islamistische Extremisten, Rauschgiftschmuggler und Kriminelle, die sich durch die Anwesenheit der Deutschen Isaf-Soldaten behindert sehen, verfolgen eine typische Guerrillataktik: Anschläge, Sprengfallen, Hinterhalte. Wenn die Soldaten von ihrem Alltagsgeschäft berichten, drängt sich schnell der Eindruck auf, dass der Einsatz der Bundeswehr in Kundus mit einer Stabilisierungsmission eigentlich nichts mehr zu tun hat. Es klingt nach klassischer Bekämpfung von Aufständischen. Es gehe nur voran, wenn der Wiederaufbau trotz aller Schwierigkeiten Früchte trage, sagen die Verantwortlichen. Wenn Arbeitsplätze für die Afghanen entstünden und der Rückhalt der Aufständischen in der Bevölkerung schwinde.

Die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte müsse konsequent fortgesetzt werden. In der militärischen Führung des PRT ist aber auch von einer „aggressiven militärischen Strategie“ die Rede. Dazu gehören die „Hausbesuche“, wie die Soldaten die Zugriffe nennen, die die Bundeswehr zusammen mit den Afghanen in der Umgebung vornimmt. Die Drahtzieher des Anschlags vom 19. Mai sind den Militärs namentlich bekannt, aber die Festnahmen der Spitzenmänner gestalten sich schwierig. Unauffällig können die fremden Soldaten aus dem Westen nie gegen den sehr mobilen Gegner operieren, und bisweilen führen dem Vernehmen nach auch Stammesloyalitäten dazu, dass die Gesuchten rechtzeitig einen Hinweis aus den afghanischen Sicherheitskräften erhalten. Einmal soll es eine Frage von Minuten gewesen sein, dass ein Verdächtiger doch noch habe fliehen können.

Ein „afghanisches Gesicht“

Zwei Nächte vor dem Gedenktag sind wichtige Hintermänner von Anschlägen auf afghanische Sicherheitskräfte festgesetzt worden; es sind drei Brüder. Die Afghanen griffen zu, die Deutschen stellten den „äußeren Ring“, wie es im Militärjargon heißt. So läuft es immer - die Operationen sollen ein „afghanisches Gesicht haben“. Wenn die Verdächtigen fliehen, dürfen die Deutschen nicht auf sie schießen, das verbieten die Einsatzregeln. Ob es ihnen passt oder nicht.

Bundeswehrsoldaten befragen Bewohner einer Ortschaft in Kundus

Bundeswehrsoldaten befragen Bewohner einer Ortschaft in Kundus

In diesen Tagen achten die deutschen Patrouillen besonders auf Motorradfahrer mit spitzen Turbanen, wie sie etwa in Pakistan getragen werden. Diese Männer sollen eine Sprengfalle im Bezirk Chahar Darreh gelegt haben. Eine Nylonschnur war über den Weg gespannt, der Sprengsatz war vor einer Kurve in den weichen Boden eingegraben. Eine Kuhherde löste die Zündung aus, ein Kind wurde getötet, eines schwer verletzt, eines hat Glück gehabt. Der Junge zeigt den Soldaten seinen von vielen kleinen dunklen Schorfflecken übersäten Rücken. Sein Großvater erzählt wieder und wieder von den schweren Verletzungen seiner Enkelkinder. Ob er zuvor etwas Verdächtiges bemerkt habe? Gesehen haben will vorher niemand etwas; als hätten Geister diesen Anschlag geplant und verübt. Aber dennoch wird in der Führung des PRT zufrieden registriert, dass die Hinweise aus der Bevölkerung zunehmen. „Gesprächsaufklärung“ ist eine der wichtigsten Informationsquellen.

Der Fortschritt kommt langsam und mühsam

Die abfahrenden Geländewagen hüllen den schmalen Weg durch den Ort in eine dichte klebrige Staubwolke. Sie rauschen an geduckten Lehmhütten, Getreidefeldern, Reisfeldern, an Bewässerungsgräben und Bauern mit verwitterten Gesichtszügen vorbei. Am Straßenrand montieren ein Dutzend afghanische Bauarbeiter einen Strommast. Der Fortschritt kommt langsam und mühsam.

Auf dem Weg zurück ins Lager, auf der „Little Pluto“, stoppt der Konvoi an zwei Stellen, und die Soldaten prüfen verdächtige Schotterhaufen. Die Fahrzeuge sind zuvor über einen Krater gerollt, der noch dem Anschlag auf einen „Dingo“ zeugt. Er war einmal hüfttief. Ende März traf es dort das schwere gepanzerte Geländefahrzeug. Ein Soldat wurde mit offenen Knochenbrüchen ins Rettungszentrum gebracht, einer wurde schwer verletzt, einer kam mit blauen Flecken davon. Andere Einsatzfahrzeuge sind weniger gut gepanzert. „Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn da ein nur am Rumpf gepanzerter ,Wolf' darüber gefahren wäre“, sagt ein Soldat. Die Deutschen, die in dieser Gegend unterwegs sind, sind das einzige Ziel.

In der Hauptstadt Kabul sind die Deutschen ein Gelegenheitsziel. „Ein Selbstmordattentäter vor, sucht nicht nach Deutschen, aber es kommt der Punkt, an dem er den Anschlag hinter sich bringen will, und dann wird vielleicht auch ein deutscher Isaf-Konvoi angegriffen“, sagt Oberstleutnant Harrer. Er kommandiert den deutschen Einsatzunterstützungsverband in Kabul. „Das hier ist ein militärischer Einsatz. Wir sorgen vor allem für Sicherheit. Brunnen bohren kann das THW besser als wir“, sagt Harrer. Täglich gehen unzählige Warnungen vor Sprengfallen oder Selbstmordattentäter in den Kabuler Isaf-Lagern ein.

Mancher Fund ist zu einfach. Wenn der Sprengstoff achtlos in Plastiksäcke verpackt am Straßenrand gefunden wird, könnte es ein Köder sein, um auszuspähen, wie die Soldaten bei der Sicherung des Fundorts vorgehen. Oder die Attentäter könnten in der Nähe auch einen weiteren Sprengsatz versteckt haben. Vor allem auf der Straße nach Dschalalabad, an der der Isaf-Stützpunkt „Camp Warehouse“ liegt, oder am Kabuler Militärflughafen „Camp KAIA“ werden die Isaf-Truppen attackiert. Selbstmordattentäter greifen in den Morgenstunden an. Sie sprechen ihr Morgengebet und machen sich auf den Weg. In Kabul kursiert die Theorie, dass die Attentäter in der Nacht unter Rauschmittel gesetzt werden und zuschlagen, bevor die Wirkung nachlässt.

Nicht hinter jedem Baum einen Taliban vermuten

Zwei Bundeswehr-„Dingos“ schieben sich mühsam den Hang hinauf. Soldaten einer in Kabul stationierten Kompanie Panzergrenadiere sind in der Umgebung der Stadt auf Patrouille. In einem Dorf ist es zu Grundstücksstreitigkeiten gekommen, die schon einmal mit Waffengewalt ausgetragen wurden, sagt der Patrouillenführer. Das Dorf durchqueren die Soldaten zu Fuß. Die „Dingos“ rücken langsam nach. Jedes Fahrzeug, das sich nähert, wird gemeldet. An einer Kreuzung verjagt ein Dorfbewohner Vögel mit einem Luftgewehr. „Nicht erschrecken.“ Die Meldung wird von Mann zu Mann weitergegeben. Er vermute nicht hinter jedem Baum einen Taliban, sagt ein Hauptfeldwebel. Wenn die Straßen leerer sind als gewohnt, dann sind die Soldaten alarmiert, denn Meldungen über Anschläge verbreiten sich unter den Afghanen zügig. „Sie sollen ihr Bauchgefühl zulassen. Ich sage ihnen immer, wenn ihr während einer Patrouille ein schlechtes Gefühl habt, links abzubiegen und rechts ist auch möglich, dann biegt eben rechts ab“, sagt Kommandeur Harrer.

Der Einsatz mache ernsthafter, sagt ein Soldat aus der Patrouille. Es sei sehr schwer für ihn, Außenstehenden zu vermitteln, was er hier tue. „Dann kommt man nach Hause, und jemand fragt: Und, wie war es? Dann fängt man an zu erzählen und oft ist es so, dass der andere schon bald gar nicht mehr richtig zuhört“, sagt er. Der Patrouillenführer nennt es „wohlwollendes Desinteresse“. Die anderen nicken wissend und lachen leise. Auch das Wechselspiel von ermutigtem Staunen und Kopfschütteln, das den Wiederaufbau in Afghanistan begleitet, haben sie alle persönlich erfahren. Auf die Frage nach Zweifeln geben sie soldatische Antworten. Es gehe voran, jeder müsse seine Arbeit machen, man müsse standhaft bleiben. Sollte es noch Jahre dauern. Auf die Sinnfrage gibt es viele Antworten.

Sein Onkel hat ihm gesagt, er blicke über den Tellerrand - bis in ein anderes Zimmer, sagt der Soldat in Kundus. Das hat ihm viel bedeutet. Er hat geschrieben: „Ich bin hier, um Frieden zu schaffen!“ Und: „Ich kann das schaffen!“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar

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