Von Bernhard Heimrich, London
12. August 2006 Tony Blair ist rechtzeitig vor dem Ausbruch des Durcheinanders auf den Flughäfen in die Villa des Schlagersängers Cliff Richards auf Barbados enteilt, wo die Familie wieder ihre Ferien verbringt. Schon die Angewohnheit, wie eine Person von königlichem Stand Urlaube nur noch als Gast anderer Leute zu erleben, bringt dem Premierminister jedes Jahr die üble Nachrede der Saison ein.
Dieses Jahr ist auch noch der Termin anstößig geworden. Der Nahe Osten brennt, sagen die Wisperer, und dennoch fliegt der Regierungschef zu seinem reichen Schnulzensänger. Die Razzien in London und der Provinz, die einen terroristischen Großangriff vereiteln sollten, scheinen dem Vorwurf noch mehr Gewicht zu geben. Denn für die Öffentlichkeit war der Großeinsatz vor Morgengrauen zwar eine Überraschung, aber die zuständigen Dienste, der Innenminister und der Premierminister hatten schon seit Monaten von der Entwicklung gewußt und mußten gefaßt sein, daß sie von einer Stunde zur anderen akut werden könne.
Sein Bundesgenosse, sein Gönner, sein Problem
Dieser Ärger wird wahrscheinlich so schnell vorbeigehen wie der Urlaub. Innenminister Reid scheint sich an der Heimatfront trefflich zu bewähren. Und selbst aus 6000 Kilometer Entfernung gibt Blair die Regie nicht aus der Hand. Man könnte ergänzen, dort sei er dem amerikanischen Präsidenten Bush sogar noch näher als in London - seinem Bundesgenossen, seinem Gönner, seinem Problem.
Denn nicht die Urlaubsmodalitäten sind einem sachte wachsenden Teil der Labour-Fraktion ein Ärgernis; auch nicht die jüngste Aufwallung einer längst chronisch gewordenen Bedrohung durch islamischen Terrorismus; sondern die britisch-amerikanische Konfiguration B. & B., Blair und Bush. Sie hatte den Anlaß gegeben zum parlamentarischen und öffentlichen Widerwillen gegen den Einmarsch in den Irak. Sie ist eigentlich das Thema in der Debatte über den Libanon und den Nahen Osten und den Disput um einen Waffenstillstand.
Gerechte Empörung britischer Muslime?
Allerdings hat sie auch im ersten Schrecken nach den Razzien Stichworte geliefert. Die ordentlichen Parteien halten sich in der Öffentlichkeit zurück, denn es ist eine Stunde der Gefahr. Doch am Rand beginnt die Fassade zu bröckeln. Der frühere Labour-Abgeordnete Galloway, Gründer und Alleininhaber der Partei Respect, hat die Terroristen verdammt, aber zugleich seine muslimischen Wähler in Schutz genommen. Britische Muslime müßten heute nur Fernsehberichte aus dem Libanon und dem Irak betrachten, um gerechte Empörung zu fühlen - und da die Regierung Blair sich weigere, Israel zu verurteilen, lenke sie diese Empörung auch auf sich und das ganze Land.
Blairs Gegenargument ist, daß die terroristische Bedrohung älter sei als der Krieg im Irak und alle Folgen. Beide Syndrome könnten also nichts miteinander zu tun haben. Widersacher wenden ein, er vergesse wohl den ersten Feldzug unter Präsident Bush senior. Doch wahrscheinlich ist der Streit so müßig wie die Frage, ob das Ei zuerst war oder das Huhn.
Doch er will nicht weggehen, und er wird bitterer. Bis zum 8. Oktober hat Blair vermutlich noch einen Vorteil, denn erst dann kommt das Parlament aus den Ferien zurück. Doch haben bis jetzt schon 150 Abgeordnete, darunter rund 50 aus der Labour-Fraktion, einen Antrag gestellt, das Unterhaus aus dem Urlaub zu holen; und solange diese Bühne leer bleibt, machen andere Interventionen um so mehr von sich her.
Aktentaschenträger wollen Blair zur Rede stellen
Damit wird es die Stunde der Aktentaschenträger. So nennt man die Abgeordneten, die als PPS oder Parlamentarischer Privatsekretär eines Ministers auftreten dürfen. PPS ist ein unbezahlter Posten, doch er gilt als die unterste Stufe auf der Leiter, und schon deshalb zeigt ein PPS üblicherweise besondere politische Loyalität.
Doch am Mittwoch hat der Abgeordnete Jim Sheridan, PPS eines Staatsministers im Verteidigungsministerium, seinen Posten aus Protest über Blairs Libanon-Politik abgegeben. Ann Keen, PPS des Schatzkanzlers Gordon Brown, und Paddy Tipping, PPS des Fraktionschefs Straw, haben sich auf die Seite derer geschlagen, die eine Sondersitzung des Unterhauses verlangen, um den Premierminister zur Rede zu stellen. Doch der wichtigste Hinweis ist, daß man wieder einmal nichts von Gordon Brown selbst hört. Wie immer, wenn es für Tony Blair peinlich zu werden droht, hält der Schatzkanzler sich im Hintergrund.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
