Von Peter Sturm
15. Mai 2008 China ist zuverlässig. Wann immer der Dalai Lama irgendwo im Ausland auftritt, wird die Botschaft der Volksrepublik in dem betreffenden Land aktiv. Sie protestiert dagegen, dass dem religiösen Oberhaupt der Tibeter überhaupt die Einreise gestattet wird. Und falls sich ein Politiker erdreistet, den Dalai Lama zu empfangen, gilt dies mindestens als unfreundlicher Akt.
Mit dieser Haltung hatte China in den vergangenen Jahren schon so viel Erfolg, dass die Regierung in Peking nun meint, das müsse immer und überall so sein. Auch deshalb war sie so verärgert, als die Bundeskanzlerin im vergangenen Jahr den Dalai Lama empfing, noch dazu im Kanzleramt.
Bei aller Empörung vergisst China regelmäßig, dass niemand in der großen weiten Welt den Dalai Lama als Staatsoberhaupt ansieht und behandelt. Es wäre in der Tat eine Provokation Chinas, wenn ein Regierungsmitglied den Dalai Lama empfinge und wenn bei dieser Gelegenheit eine militärische Ehrenformation abgeschritten und Tibets Flagge gehisst würde.
Viele sagen, Treffen mit dem Dalai Lama schadeten den Beziehungen mit China. Praktische Erfahrungen sprechen eine andere Sprache. Der hessische Ministerpräsident Koch ist zwar nur auf Länderebene aktiv. Aber auch Regionalfürsten wie er verfolgen eine sehr aktive Außenwirtschaftspolitik. Roland Koch also trifft regelmäßig den Dalai Lama. Er war aber auch in China. Und dort hat man ihn auch gerne empfangen. Er hatte in seiner Delegation Unternehmer dabei. Von diesen ist nicht überliefert, dass ihnen Geschäfte entgangen seien, nur weil sie mit dem Freund eines Staatsfeindes gekommen seien.
Dabei wäre es für China leicht gewesen, an einem kleinen Ministerpräsidenten ein Exempel zu statuieren. Leichter jedenfalls, als wenn man das mit einem großen Außenminister versuchte. Aber wenn dieser Minister Politik so versteht, dass man sich gegenüber großen Mächten so klein wie möglich machen muss, dann wird das nie etwas mit dem, was in Berlin so gerne gesteigerte Verantwortung Deutschlands in der Welt genannt wird.
Niemand sollte China ohne Not provozieren. Aber China muss akzeptieren, dass andere Staaten andere Werte vertreten. Menschen- und Minderheitenrechte gehören dazu. Dafür steht der Dalai Lama. Und deshalb darf und soll ihn die deutsche Politik nicht ignorieren.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z.