24. März 2004 Wie einer, der soeben von seiner geplanten Ermordung erfuhr, wirkt Johannes Rau am Dienstag abend nicht. Seine planmäßig letzte Nacht als Bundespräsident in Afrika soll beginnen - und das ausgemacht fröhlich. Der deutsche Botschafter in Tansania hat einige hundert Gäste geladen geladen. Herren in Uniformen und Damen in schmucken Gewändern zeigen die Karten der Einlaßkontrolle.
Es ist zwölf Jahre her, als erst- und bisher letztmals ein Bundespräsident Tansania besucht hat. Der Lärm steigt schnell an im fensterlosen Festsaal, mit ihm Temperatur und Stimmung. So bemerkt kaum einer der Schwitzenden, daß der Bundespräsident und dessen Frau Christina noch fehlen. Die beiden sitzen ganz oben im Hotel, im siebten Stock, umgeben von ihren engsten Mitarbeitern. Rau telefoniert mit Deutschland. Mit Vertretern der Bundesregierung und deutscher Sicherheitsdienste", wie er zwei Stunden später seiner übrigen Delegation verraten wird. Seit zwei Tagen weiß er da schon, daß angeblich ein Terroranschlag auf ihn verübt werden soll. Die Warnungen seien seriös", erfährt Rau aus dem Hörer. Diesmal sei es wirklich ernst.
Terrorwarnung in Tansania
Am vergangenen Donnerstag, dem letzten Abend seines viertägigen Staatsbesuchs in Nigeria, hatte Rau schon einmal eine Terrorwarnung erreicht. Doch die hatte er nicht ernst nehmen wollen, und sie klang auch recht merkwürdig. Da war es der tansanische Geheimdienst, wie Raus Sprecher mitteilte, der den Bundespräsidenten habe warnen lassen vor der Einreise in Tansania. Denn eine "Person des terroristischen Umfelds" halte sich in Tansania, vielleicht sogar in der Stadt Arusha auf. Dort, am Fuße des Kilimanjaro, war die "Konrad Adenauer" mit den Raus samt Delegation an Bord am Freitag nachmittag trotzdem gelandet. Die Meldung als solche fanden Raus Mitarbeiter offenbar spannend genug und harmlos zugleich, um sie öffentlich zu machen.
Aber sie sagten sofort dazu, es gebe keinerlei Zusammenhang zwischen dem vermeintlich gesichteten Terroristen und dem Bundespräsidenten. Die tansanischen Gastgeber wollten vermutlich nur informiert haben. Vorsicht scheint auch geboten zu sein, zumal in einem islamischen Land wie Tansania, das schon Bombenanschläge auf Politiker wie auch Botschaften erlebt hat. Zu einer Absage des Besuchs allerdings, wie es zwischenzeitlich hieß, hätten sie dem Bundespräsidenten zu keiner Stunde geraten. Das sagte hinterher der tansanische Außenminister, sichtlich verärgert über zweihundert Reiseabsagen amerikanischer Safari-Touristen, welche die wirre Terrormeldung hervorgerufen habe. Rau jedenfalls verbrachte das Wochenende "aus Sicherheitsgründen" in einem Landhaus außerhalb Arushas.
Konkretes persönliches Risiko"
Am Dienstag reagiert der Bundespräsident anders. Denn die Sicherheitsdienste sehen ein erhebliches und konkretes persönliches Risiko" für ihn, wenn er tatsächlich am Mittwoch wie geplant Dschibuti besuche. Im Hafen des winzigen Staates am Horn von Afrika wollte er dem deutschen Marinekontingent, etwa 250 Soldatinnen und Soldaten, an Bord der Fregatte "Augsburg" danken für die "bitter nötige Hilfe", die sie mit ihrem Einsatz leisteten.
Seine Rede lag schon geschrieben im Koffer: Die Soldaten hätten Anteil an einer der größten Aufgaben der Welt: der Bekämpfung des internationalen Terrorismus", wollte Rau sagen. Und daß es richtig sei von Deutschland, auf vielfache Weise mitzuhelfen, den weltweiten Terrorismus zu bekämpfen. Der militärische Beitrag dürfe dabei nicht unterschätzt werden, wollte der Zivilist Rau loben. Denn die Lage sei nicht ruhig" und auch Deutschland bedroht: Wir wissen, daß Urheber und Drahtzieher furchtbarer Anschläge in weit entfernten Teilen der Welt operieren, daß ihre Ziele aber durchaus in unserem Land liegen können."
Im Visier islamistischer Kreise
Gleichzeitig mit dem Staatsakt in Madrid wollte der Bundespräsident gemeinsam mit den Marinesoldaten in einer Schweigeminute der Terroropfer von Madrid gedenken. "Islamistische Kreise" wollten nun offenbar ihn umbringen, den in drei Monaten aus dem Amt Scheidenden, sagen ihm die deutschen Sicherheitsleute unmittelbar vor dem geplatzten Truppenbesuch. Mit dem deutschen Staatsoberhaupt sollte ein führender Repräsentant eines westlichen Staates getroffen werden." So hätten, wie Rau selbst sagt, die Sicherheitsdienste begründet, daß die bedrohliche Wahl ausgerechnet ihn traf.
Doch darüber wird erst spät am Dienstag abend gesprochen. Nachdem Rau seine Entscheidung im kleinsten Kreis getroffen hat, am Mittwoch direkt von Daressalam zurück nach Berlin zu fliegen, geht er feiern. Denn seine Afrika-Reise halten seine Berater, wie auch er selbst, für einen vollen Erfolg. Als einer der politischsten Bundespräsidenten will Rau Geschichte machen und hat deshalb in seinen Reden immer deutlichere Signale gesetzt. Im halbmuslimischen Nigeria hat er das Verbot der Scharia als geltendes islamisches Strafrecht gefordert. In Tansania sorgte er für einen wohlbedachten Eklat mit der Botschafterin Mugabes, als er Afrikas Staaten dazu aufrief, dem Unrechtstaat Simbabwe die Freundschaft zu kündigen. Rau ist rundum zufrieden mit sich am letzten Abend seiner bald 75. Auslandsreise als Bundespräsident.
Recht unfreundlich, auch mir gegenüber"
Entspannt und zugleich aufgekratzt erscheint er unten im Hotel mit seiner Frau. Der deutsche Botschafter kündigt den Gast an, der dann auf der Bühne am Mikrofon erst Weiße und dann Schwarze zum Lachen bringt. In dieser Reihenfolge, weil seine Schnurren ins Englische übersetzt werden müssen. Rau reißt Pastorenwitze wie auf einem Schützenfest in Wuppertal. Er verspricht, als Pensionär noch oft nach Afrika kommen zu wollen und ruft unter dem Jubel der Gäste: "Gott segne Tansania!"
Der Empfang endet um neun Uhr abends, zu früh für den geselligen Bundespräsidenten. Wie an vielen Abenden zuvor hat er auch diesmal sein Team, mit dem er seit Jahren freundschaftlich zusammenarbeitet, zum Gute-Nacht-Trunk in seine Lounge im siebten Stock gebeten. Mitten ins muntere Reden der etwa zwanzig Leute hinein teilt Raus Sprecher Klaus Schrotthofer den Abbruch der Afrika-Reise mit. Er berichtet den starr Blickenden, nun Schweigenden von der Mordwarnung. Rau lockert die Situation mit einem Scherz auf: Ich finde das recht unfreundlich, auch mir gegenüber." Später telefoniert der Bundespräsident über sein Handy mit einem Freund, der offenbar nicht eingeweiht ist, jedenfalls andere Sorgen zu haben scheint: Der Freund berichtet von Straferhöhungen auf Raus Ferieninsel Spiekeroog für jene, die dort ihre Hunde nicht anleinen. Rau erzählt später beim Bier noch heitere Geschichten aus seinem Leben als reisender Politiker, die nicht nur seine Frau längst kennt.
Mitternacht ist vorbei, zwanzig Minuten später der letzte Witz erzählt, dann verabschieden sich beide. "Bis morgen", sagt der Bundespräsident noch. Als sei das völlig selbstverständlich.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2004
Bildmaterial: dpa/dpaweb