10. April 2007 Von sprossenden Blumen und schmelzendem Eis sprechen dieser Tage die Regierungschefs Japans und Chinas, wenn sie die Beziehungen der beiden Staaten beschreiben. Vor dem ersten Besuch eines chinesischen Ministerpräsidenten in Japan nach sieben Jahren haben sich sowohl Tokio als auch Peking ernsthaft bemüht, eine freundliche Atmosphäre zu schaffen und guten Willen zu zeigen. Von strategischer Zusammenarbeit ist die Rede und gemeinsamem Nutzen, die böse Vergangenheit will man ruhen lassen.
Das Programm für Wen Jiabao, der nach einem Kurzbesuch in Südkorea an diesem Mittwoch in Tokio erwartet wird, soll sowohl der japanischen als auch der chinesischen Öffentlichkeit signalisieren, dass die Animositäten vorerst begraben sind und von nun an nachbarliche Zusammenarbeit ins Auge gefasst wird.
Vom Geben und Nehmen der Freundlichkeiten
Der chinesische Ministerpräsident wird vom japanischen Kaiser empfangen, darf vor dem japanischen Parlament eine Rede halten, er wird einen Vortrag in einer Universität halten, Kontakt mit japanischen Jugendlichen suchen und bei einem Besuch in der alten Kaiserstadt Kyoto der japanischen Kultur seine Reverenz erweisen.
China hat für den Besuch ebenfalls eine positive Grundstimmung vorgegeben. Das Fernsehen zeigte zur besten Sendezeit eine Serie eines der beliebtesten Fernsehmoderatoren über Japan, in dem ein positives Bild des in China wegen der Kriegsvergangenheit wenig beliebten Nachbarn präsentiert wurde. Der japanische Ministerpräsident Abe durfte sich im chinesischen Staatsfernsehen äußern. Von Jugendaustausch ist jetzt die Rede und vom Bemühen, einander besser kennenzulernen.
Im Kontrast zu Koizumis Zeiten
Japan hofft auf chinesische Hilfe bei der Lösung der Nordkorea-Frage, bei der für Japan derzeit das Schicksal der nach Nordkorea verschleppten Japaner im Vordergrund steht. Die japanische Regierung hat mit Genugtuung registriert, dass die chinesische Regierung in dieser Frage jetzt ihr Verständnis und ihre Sympathie geäußert hat.
Das alles steht in scharfem Kontrast zu dem Ton, der während der Amtszeit von Ministerpräsident Koizumi in Japan herrschte. Koizumis Besuche im Yasukuni-Schrein, in dem auch japanische Kriegsverbrecher geehrt werden, hatte die chinesische Regierung als Affront gesehen und sieben Jahre lang die Gipfeltreffen ausgesetzt.
Die letzte Schockwelle liegt zwei Jahre zurücko
Die Beziehungen erreichten einen Tiefpunkt, als es im Jahr 2005 zu einer Serie von antijapanischen Demonstrationen in China kam. Die japanische Botschaft wurde mit Steinen beworfen, japanische Kaufhäuser attackiert. Im Internet wurde zu einem Boykott japanischer Waren aufgerufen.
Die chinesische Regierung, die Demonstrationen nicht erlaubt und gewöhnlich schnell zur Stelle ist, wenn sich Proteste auf der Straße äußern, ließ die Demonstranten gewähren. Die Heftigkeit der Demonstrationen und der offensichtliche Segen der chinesischen Regierung sandten damals Schockwellen nicht nur nach Japan. Japanische Investoren fühlten sich in China nicht mehr sicher.
Viele Ausländer sahen mit Besorgnis, wie leicht die chinesische Regierung nationale Gefühle in ihr genehme Richtungen lenken kann und wie schnell sich Unzufriedenheit gegen Ausländer in China richten kann. Die chinesische Regierung musste um ihren Ruf fürchten und war zunehmend besorgt darüber, dass die Demonstrationen aus dem Ruder laufen könnten. Die antijapanische Kampagne wurde schließlich unterbunden.
Zufrieden mit Zweideutigkeiten
Doch es dauerte bis zum Regierungswechsel in Japan im vergangenen Jahr, bis sich die offiziellen Beziehungen verbessern konnten. Der neue Ministerpräsident Abe machte seine erste Auslandsreise im Oktober nach China und wurde freundlich empfangen. Abe hat sich offiziell zu der Frage, ob er künftig den Yasukuni-Schrein besuchen wird, nicht festgelegt. China gab sich mit einer zweideutigen Erklärung zufrieden.
China und Japan haben erkannt, dass eine Fortsetzung der Eiszeit nicht im gegenseitigen Interesse ist, sagt der Pekinger Politikwissenschaftler Shi Yinhong. Eine strategische Zusammenarbeit wird jetzt beschworen. Ein Wirtschafts-Dialog-Forum soll einberufen werden. Die Ministerpräsidenten wollen über Klimaschutz, Umweltprobleme und Handelsfragen sprechen. Ein Streitpunkt sind die Öl- und Gasvorkommen im Ostchinesischen Meer, die sowohl von China als auch von Japan beansprucht werden. Japan schlägt eine gemeinsame Erschließung vor. Es wird aber nicht erwartet, dass eine Einigung in diesem Territorial-Disput beim Besuch von Ministerpräsident Wen Jiabao erreicht wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS