Kongo nach der Wahl

Schüsse in Kinshasa

Von Thomas Scheen, Kinshasa

21. August 2006 Es war gegen 18 Uhr Ortszeit, und ganz Kinshasa saß gespannt vor den Fernsehgeräten, um endlich die Ergebnisse der Präsidentenwahl zu erfahren, als die ersten Schüsse durch den Stadtteil Gombe peitschten. Zunächst war sporadisches Feuer zu hören, plötzlich Dauerfeuer und dazwischen das Knallen von Granaten. Die Präsident Kabila ergebene Präsidentengarde hatte sich mit dem Sicherheitsdienst seines Herausforderers Jean-Pierre Bemba angelegt.

Warum, das weiß man auch am Tag danach nicht so genau. Fest steht nur, daß mindestens fünf Menschen bei der stundenlangen Schießerei im Stadtzentrum getötet wurden, darunter zwei Zivilisten. Mindestens zehn weitere wurden verletzt. Der Präsident der unabhängigen Wahlkommission, Apollinaire Malumalu, mußte zur Verkündung der Ergebnisse mit einem Schützenpanzer der UN vor die Kameras transportiert werden, weil er es sonst wohl lebend nicht dorthin geschafft hätte.

Wahlbeteiligung von 70 Prozent

Malumalu hatte folgendes zu berichten: 45 Prozent der Stimmen entfallen auf den favorisierten Amtsinhaber Kabila, 20 Prozent auf seinen ärgsten Widersacher Jean-Pierre Bemba. An dritter Stelle kommt mit rund 13 Prozent Antoine Gizenga, ein alter Weggefährte des ersten Ministerpräsidenten Kongos, Patrice Lumumba. Gizenga ist somit das Zünglein an der Waage für die kommende Stichwahl, die am 29. Oktober stattfinden soll.

Die Wahlbeteiligung lag landesweit bei respektablen 70 Prozent. Wahlsieger Kabila bedankte sich noch am Abend per Fernsehansprache artig für das Vertrauen, das die Bevölkerung in ihn gesetzt habe. Bemba wollte aus „Sicherheitsgründen“ lieber nichts sagen. Zu dieser Zeit, gegen 23 Uhr am Sonntag abend, hallten immer noch Schüsse durch Gombe.

Ein Polizist soll das Gefecht eröffnet haben

Am Morgen danach waren die Straßen wie leer gefegt. Kaum ein Laden, der geöffnet hatte, kaum ein Sammeltaxi, das fuhr. Immerhin waren die Panzer der kongolesischen Armee und der Vereinten Nationen, die noch in der Nacht Positionen in der Innenstadt bezogen hatten, am Morgen wieder verschwunden. Dafür patrouillierte schwerbewaffnete Bereitschaftspolizei durch sämtliche Viertel und trieb jede Ansammlung von Menschen mit Warnschüssen auseinander. Bis zum Montag nachmittag blieb es in der Stadt relativ ruhig, doch am Abend kam es in der Innenstadt wieder zu heftigen Kämpfen - mutmaßlich zwischen Präsidentengarde und Sicherheitskräften von Bemba.

Warum es am Sonntag zu dem Gefecht zwischen den Truppen der beiden Spitzenkandidaten gekommen war, ist unklar. Angeblich soll ein Polizist das Feuer auf die Bemba-Soldaten eröffnet haben, die vor dem Parteisitz, der gleichzeitig zwei Fernsehsender beherbergt, Wache hielten. Bei Bembas Wahlkampfabschluß in Kinshasa am 27. Juni waren drei unbewaffnete Polizisten von dessen Leibwächtern ermordet worden. Die Präsidentengarde war jedenfalls derart schnell vor Ort, daß sich die Vermutung aufdrängt, sie habe auf diese Gelegenheit nur gewartet.

Mittendrin die europäische Schutztruppe Eufor

Die Kämpfe im Stadtzentrum sind eine deutliche Warnung, wie instabil Kongo in Wahrheit ist. Bereits am Montag nachmittag machten private Radiosender beider Seiten wieder Stimmung gegen das jeweils andere Lager. Ob die Stichwahl zwischen Kabila und Bemba der Glücksfall für die internationale Gemeinschaft ist, für den sie gehalten wurde, muß sich nun noch weisen.

Zwei Monate lang hatten interessierte Kreise in Kinshasa die Behauptung gestreut hatten, die Europäer hätten das Resultat dieser Wahlen längst ausgekungelt und Kabilas Bestätigung sei nur noch eine Formalie. Deshalb war befürchtet worden, bei einem Sieg des jugendlichen Präsidenten in der ersten Runde werde Kinshasa, wo er ausgesprochen unbeliebt ist, in Flammen stehen. Nun sieht es aus, als komme es trotz der Stichwahl dazu - und mittendrin ist die europäische Schutztruppe Eufor, die in der Metropole als Kabilas Steigbügelhalter gilt.

Zwei Monate zum Allianzen schmieden

Zwei Monate bleiben den beiden großen Lagern nun, um Allianzen zu schmieden. Daß der über 80 Jahre alte Gizenga als überraschender Dritter eine Allianz mit Bemba eingehen wird, ist aufgrund von Bembas früherer Nähe zum einstigen Diktator Mobutu nahezu ausgeschlossen. Gizenga ist einer der letzten aufrechten Marxisten Afrikas, Bemba ein Raubkapitalist. Bleibt die große Oppositionspartei UDPS unter Etienne Tshisekedi, die den Urnengang boykottiert hatte, weil er angeblich von vornherein gefälscht war.

In den vergangenen Tagen waren mehr und mehr UDPS-Sprecher im Fernsehen aufgetaucht, die sich für Bemba aussprachen. Der UDPS wird ein landesweites Potential von 15 bis 20 Prozent aller Wähler zugetraut, was Bemba durchaus in die Nähe zu Kabila bringen könnte. Das eigentliche Dilemma der Wahl ist, daß der Osten Kongos, wo Suaheli gesprochen wird, für Kabila gestimmt hat, während der Lingala sprechende Westen mehrheitlich für Bemba votierte. Damit scheint die seit langem befürchtete geographische Zweiteilung Kongos politisch Realität zu werden.



Text: F.A.Z., 22.08.2006, Nr. 194 / Seite 3
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

 
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