Von Thomas Scheen, Johannesburg
20. November 2007 Selbstmordattentate, Autobomben, lichtschrankengezündete Sprengsätze, wärmegelenkte Flugabwehrraketen - spätestens seit dem Einmarsch der äthiopischen Armee zu Weihnachten 2006 ist Somalia zu einem afrikanischen Irak geworden, in dem fanatisierte Muslime zum Heiligen Krieg gegen die vermeintlich christlichen Besatzer aufrufen, bärtige Söldner zu Hunderten ins Land strömen und ein Frieden für das seit 1991 regierungslose Land heute ferner scheint als vor der Invasion.
Das vorläufige Ergebnis sind mit unglaublicher Brutalität geführte Häuserkämpfe, geschändete Leichen äthiopischer Soldaten auf den Straßen und eine Massenflucht aus Mogadischu. Rund 600.000 Personen haben die Stadt seit Beginn des Jahres verlassen müssen.
Der Schuss ging nach hinten los
Begonnen hatte der Al-Qaida-Aufmarsch am Horn mit einer Fehlentscheidung der Amerikaner. Im Mai vergangenen Jahres hatte Washington auf dem Umweg über eine Allianz diverser Kriegsfürsten versucht, die stetig wachsende Macht der Scharia-Gerichtshöfe in Mogadischu zu brechen, die tatsächlich so etwas wie Ordnung in die anarchische Hauptstadt gebracht hatten. Nach Auffassung der Amerikaner aber boten die Gerichtshöfe Al-Qaida-Mitgliedern Unterschlupf und betrieben zudem die Talibanisierung des Landes. Um dem ein Ende zu bereiten, war mit Hilfe der amerikanischen Botschaft in Nairobi eine Koalition mit dem pompösen Namen Alliance for the Restoration of Peace and Counter-Terrorism (ARPCT) gegründet worden, in der acht Kriegsfürsten aus Mogadischu, darunter vier Minister der weitgehend machtlosen, unfähigen und mit äthiopischem Geld zusammengekauften somalischen Übergangsregierung, organisiert waren. Die Allianz war mit Luftaufklärung, Geld und auf dem Umweg über Äthiopien auch mit Waffen versorgt worden.
Doch der Schuss ging nach hinten los. Knapp vier Monate nachdem die Allianz ihre Angriffe auf die Scharia-Milizen aufgenommen hat, kontrollieren die Islamisten Mogadischu, und die Kriegsfürsten mussten sich nach Jowhar absetzen. Gut daran war, dass Mogadischu zum ersten Mal seit Zusammenbruch der Zentralregierung 1991 frei von Kriegsfürsten war. Negativ schlug zu Buche, dass die Amerikaner mit dieser seltsamen Allianz einer vermeintlichen Talibanisierung Somalias nunmehr tatsächlich einen Vorwand geliefert hatten. Aus der Sicht eines gläubigen Muslims nahm sich der Sieg über die Allianz als zweiter Sieg über den Satan Amerika aus, nachdem man die Amerikaner schon bei der gescheiterten Militäraktion Restore Hope zu Beginn der neunziger Jahre aus Mogadischu verjagt hatte.
Handwerk in Afghanistan gelernt
Dabei hatten die Amerikaner ihren Verdacht, hinter den Scharia-Gerichtshöfen tue sich das Ungeheuer von Al Qaida auf, mit einer Person begründet: Sheik Hassan Dahir Aweys. Sein Name steht auf der amerikanischen Liste der Terrorverdächtigen. Aweys gilt als einer der Gründer der somalischen Terrorgruppe Al-Ittihad-Al-Islamia, die zu Beginn der neunziger Jahre mit Bombenanschlägen in Äthiopien von sich reden machte. Der Gruppe ging es dabei indes nicht nur um die Schaffung einer islamischen Republik, sondern um die Rückeroberung des Ogaden, einer Region, die überwiegend von Somalis bewohnt wird und heute zu Äthiopien gehört. Inwieweit Al-Ittihad-Al-Islamia heute noch aktiv ist, ist allerdings unklar, nachdem der äthiopische Geheimdienst der Gruppe jahrelang mit einigem Erfolg nachgestellt hatte.
Der alte Verdacht, Aweys sei der ostafrikanische Filialleiter von Al Qaida, gründete auf seinen beträchtlichen finanziellen Mitteln, deren Herkunft schleierhaft ist. Das heißt nicht unbedingt, dass das Geld aus islamistischen Kreisen kommen muss. Aweys' kompromisslose Haltung in der Ogaden-Frage macht ihn für das eritreische Regime zu einem interessanten Gesprächspartner. Denn alles, was Äthiopien schadet, erfreut Eritrea. Und dass Aweys heute in Eritrea Asyl genießt, ist bestimmt kein Zufall.
Unter dem Vorsitz Aweys' hatten sich innerhalb der Vereinigung der Scharia-Gerichtshöfe zudem Kommandeure wie etwa Adan Hashi Ayro profiliert, der als Falke gilt. Ayro soll nach Erkenntnissen westlicher Dienste sein Handwerk in Afghanistan gelernt haben und gilt als Drahtzieher der Ermordung von fünf Mitarbeitern ausländischer Hilfsorganisationen sowie der britischen Journalistin Kate Peyton im Februar 2005 in Mogadischu.
Bombenanschläge auf amerikanische Botschaften
Durch die Ermordung Frau Peytons, die vor ihrem Hotel erschossen wurde, sollte der weitgehend machtlosen somalischen Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed signalisiert werden, dass sie in Mogadischu nicht willkommen ist. Drei Monate zuvor hatte Aweys in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Mogadischu Präsident Ahmed mit Krieg gedroht, sollte der seine Ankündigung wahr machen, ausländische Soldaten in Mogadischu einzusetzen. Dabei hatte Aweys auch klargemacht, wie das politische System in Somalia auszusehen habe: als Staatsform komme nur eine islamische Republik in Frage.
Doch seit der Vertreibung der Scharia-Richter haben es die Äthiopier, die somalische Übergangsregierung und nicht zuletzt die Amerikaner mit einem vermutlich weitaus gefährlicheren Gegner als dem redseligen Aweys zu tun: Fazul Abdullah Muhammad, ein 35 Jahre alter Komorer, der nach Einschätzung amerikanischer Sicherheitskräfte der wahre Al-Qaida-Repräsentant in Ostafrika ist. Fazul wird verdächtigt, die Bombenanschläge auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania im Jahr 1998, die mehr als 220 Todesopfer forderten, organisiert zu haben. Zudem soll er für den Anschlag auf ein überwiegend von israelischen Touristen besuchtes Hotel in der kenianischen Küstenstadt Mombasa im Jahr 2002 mit 15 Toten verantwortlich sein. Auf Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen, ist eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt.
Ausbildungslager in Mogadischu
Der amerikanische Zerstörer USS Chafee hatte Anfang Juni ein ganzes Küstendorf in der autonomen somalischen Region Puntland unter Feuer genommen, weil die Amerikaner dort eine Gruppe von Kämpfern ausgemacht hatten, unter denen sie Fazul vermuteten. Das war nicht der erste Versuch, den Komorer zu töten. Sechs Monate zuvor hatten amerikanische Kampfbomber von Djibouti aus einen Angriff gegen fliehende Islamisten im Süden Somalias gestartet, der ebenfalls Fazul galt. Nach dem Angriff in Puntland hatten lokale Behörden behauptet, bei den getöteten Islamisten ausländische Pässe gefunden zu haben. Unbestätigten Informationen zufolge soll es sich dabei um schwedische, kanadische und britische Pässe gehandelt haben. Fazul aber war nicht unter den Toten, was Zweifel an der Vermutung aufkommen ließ, dass der Komorer überhaupt in Somalia aktiv sei. Äthiopische und amerikanische Sicherheitsdienste schwören gleichwohl, dass Fazul im Lande sei, und führen seine Frau als Zeugin an. Die war im April an der somalisch-kenianischen Grenze aufgegriffen worden, nachdem sie zuvor versucht hatte, Kontakt zu ihrem Mann herzustellen.
Trotz der Beteuerungen aus Addis Abeba, die Lage in Mogadischu bessere sich zusehends, ist Somalia mittlerweile zu einem Transitland für Handlungsreisende in Sachen Terror geworden. Mittlerweile regelmäßig gehen etwa der nigerianischen Polizei pakistanische Wanderprediger ins Netz, die in den Moscheen Nordnigerias zum Heiligen Krieg aufrufen. In allen Fällen waren die Männer über Somalia eingereist und hatten den Kontinent anschließend zu Fuß durchquert.
Weitaus gefährlicher an der aktuellen Situation in Somalia aber ist der schwelende Konflikt zwischen den verfeindeten Ländern Eritrea und Äthiopien. Eritrea belieferte die Scharia-Milizen mit Waffen und bot ihren Führern nach deren Niederlage gegen die Äthiopier Unterschlupf. Eritrea unterstützt zudem die sich radikalisierenden Befreiungsbewegungen in Ogaden. Die somalische Polizei hatte im Juni in Mogadischu ein Ausbildungslager ausgehoben, in dem nach Worten des Polizeichefs Abdi Hassan Awale 150 Kinder von Eritreern zu Selbstmordattentätern ausgebildet werden sollten. Äthiopien könnte versucht sein, dem Spiel über Bande der Eritreer, nämlich der Nutzung Al Qaidas zur Schwächung Äthiopiens, durch einen Angriff auf Eritrea ein Ende zu bereiten.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.