Afghanistan

Mit den Mudschahedin gegen die Taliban

Von Friederike Böge; Kundus

Ein ehemaliger Taliban-Kämpfer posiert mit seinem Maschinengewehr bei einer feierlichen Waffenübergabe an die afghanische Regierung in der westlich von Kabul gelegenen Stadt Herat.

Ein ehemaliger Taliban-Kämpfer posiert mit seinem Maschinengewehr bei einer feierlichen Waffenübergabe an die afghanische Regierung in der westlich von Kabul gelegenen Stadt Herat.

05. November 2009 KUNDUS, 4. November. Der Kommandeur mimt den Ahnungslosen. Nein, nein, sagt Miralam Khan, mit den Milizen habe er nichts zu tun. Über deren Wiederbewaffnung wisse er schon gar nichts. Schließlich sei er nur ein gewöhnlicher Mitarbeiter des Innenministeriums. Keine fünf Minuten später hat die Eitelkeit obsiegt. "Ich war derjenige, der die entscheidende Offensive geführt hat", prahlt der Milizenführer. "Das waren alles meine Soldaten." Als er dann über die Toten und Verletzten auf Seiten der Taliban spricht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

Miralam Khan ist der neue Held von Kundus. In den Teehäusern und Eisdielen der Stadt wird sein Name ehrfurchtsvoll ausgesprochen. Viele sind davon überzeugt, dass der frühere Mudschahedin-Kommandeur im Alleingang zahlreiche Dörfer der nordafghanischen Provinz von den radikalislamischen Taliban "befreit" hat. Dass er dabei das Gesetz in die eigenen Hände nahm, scheint bislang nur wenige zu stören.

Verbindungen aus Zeiten des Bürgerkriegs

"Die Leute waren wütend, weil die Taliban gemordet und gestohlen haben. Sie haben unsere Schulen geschlossen, Weizensteuer verlangt und unsere Geschäftsleute entführt. Deshalb sind die Menschen zu mir gekommen", sagt Miralam. Dann habe die Regierung ihn damit beauftragt, die Kämpfe zu koordinieren. Es heißt, er habe aus der Zeit des Bürgerkriegs noch mehrere hundert bewaffneter Anhänger - über viel mehr Sicherheitskräfte gebietet der Polizeichef der Provinz auch nicht. Trotzdem wirkt der kleine, ungekämmte Mann so unscheinbar, dass die Besucher ihn zunächst für einen Assistenten halten. Erst nach ein paar Minuten Plauderei auf dem Sofa, einem Meinungsaustausch über Pferde und Melonen, gibt er sich zu erkennen.

Als er die Namen einiger Mullahs aufzählt, lokaler Taliban-Größen, die bei den Kämpfen getötet worden seien, ist der Dschihadistenführer ganz in seinem Element. Er lässt einen Laptop bringen und zeigt Filmaufnahmen der beschlagnahmten Waffen, Maschinengewehre und Panzerfäuste. Sie seien von der Regierung registriert worden, betont Miralam und zieht einen Zettel mit handgeschriebenen Seriennummern aus der Tasche. Alles sei ganz legal. "Das bin ich", sagt er lächelnd, als ein Mann mit Turban ins Bild kommt, der von Lokaljournalisten umringt ist. In einem anderen Video sind sieben Männer mit verbundenen Augen zu sehen, die an einer Wand aufgereiht sind, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Gefangene.

Kooperation mit amerikanischen Eliteeinheiten

"Wir haben sie an amerikanische Spezialeinheiten übergeben", sagt der Kommandeur. Offenbar hält Miralam enge Verbindungen zu den Elitesoldaten, deren Aktivitäten so geheim sind, dass die für den Norden zuständige Bundeswehr ihre Aufklärungsmaßnahmen in jenen Gebieten unterbricht, in denen sie operieren.

Die Amerikaner hätten ihm "praktische Unterstützung" gegeben, sagt Miralam. Sie hätten ein Gebiet aus der Luft bombardiert, und anschließend seien er und seine Männer eingerückt. Nach der Offensive hätten sie ihn angerufen: "Sie fragten: ,Habt ihr welche?'", berichtet der Milizenführer und zieht ein Lederetui mit Visitenkarten amerikanischer Militärs heraus. Eine davon legt er auf den Tisch. Das sei der Kommandeur der Einheit. Doch kaum sind Name, Rang und Telefonnummer notiert, bekommt Miralam kalte Füße. "Die werden wütend auf mich sein", sagt er, lacht verlegen und verlangt, dass der Zettel aus dem Notizblock herausgerissen wird. "Nicht böse sein."

Mudschahedin-Führer als Retter in der Not

Als Ende 2001 die Taliban gestürzt wurden, schien auch das Ende der Mudschahedin-Milizen gekommen. Die einstigen Helden des antisowjetischen Widerstands hatten sich diskreditiert, als sie das Land in den neunziger Jahren in einen blutigen Bürgerkrieg stürzten. Dass Leute wie Miralam nun wieder populär sind, ist vor allem ein Zeichen dafür, wie schwach die Polizei in Kundus ist, die viel zu wenige Kräfte hat.

Seit Monaten haben die Menschen gesehen, wie die Sicherheitslage immer schlechter wurde und der Staat machtlos war. Die alten Mudschahedin-Führer boten sich als Retter in der Not an, obwohl sie offiziell längst entwaffnet sind. Doch nun haben sie ihre geheimen Lager geöffnet. Zudem deuten Preissprünge auf dem lokalen Waffenmarkt auf eine Wiederbewaffnung hin. Eine gebrauchte Kalaschnikow kostet rund 800 amerikanische Dollar - dreimal so viel wie vor einem Jahr.

Angst als Kapital

Schon mehren sich die Stimmen in Kundus, die Miralam selbst als Polizeichef sehen wollen. Ausgeschlossen ist das nicht, denn er war stellvertretender Wahlkampfchef von Präsident Karzai in Kundus. Vor ein paar Jahren hatte er diesen Posten schon einmal inne. Doch im Zuge der Polizeireform, die den Einfluss lokaler Machthaber schwächen sollte, wurde er versetzt. Nun, so scheint es, sind die Milizenführer wieder salonfähig geworden. Angst ist ihr wichtigstes Kapital.

In einem Nachbarhaus präsentiert Miralam seine Verletzten. Ein Mann mit einer Metallschiene liegt auf einer Wolldecke. "Meine fünf Brüder und ich gehören seit 20 Jahren zu Miralam", sagt er. "Und unsere Enkelkinder werden die Verbindung fortführen." Ein anderer wird gerufen, den eine Kugel am Unterkiefer getroffen hat, die am Hinterkopf wieder austrat. Miralam zeigt auf die Schusswunden und lacht: "Er ist jetzt unser Koch." Es ist offensichtlich, dass er seine neue Rolle genießt. Wie in den guten alten, schlechten Zeiten.

Von Dorfmilizen zu Bürgerwehren?

Derweil gibt es erste Berichte von Scharmützeln zwischen verschiedenen Dorfmilizen, die alte Rechnungen aus dem Bürgerkrieg begleichen wollen. Und von einzelnen marodierenden Kämpfern, die ihre neue Macht für ethnische Feindseligkeiten missbrauchen. "Sie halten vor allem Paschtunen an, durchsuchen sie und nehmen ihnen ihre Mobiltelefone ab", berichtet ein Bewohner aus dem Distrikt Imam Sahib. "Und sie verlangen Essen von Restaurantbesitzern mit der Begründung, sie würden für Sicherheit sorgen." Ein anderer Mann widerspricht: "Wenn die Milizen nicht gewesen wären, wäre Kundus vielleicht schon in der Hand der Taliban."

Fachleute aus dem Westen sehen die Entwicklung mit Sorge. Viele befürchten, dass die Kämpfer jederzeit die Seiten wechseln könnten, wenn sie von Regierungsgegnern Geld bekämen. Deshalb gibt es Pläne, die Dorfmilizen in formale Bürgerwehren zu integrieren - unterstützt vom amerikanischen Militär nach dem Vorbild der Erweckungsräte im Irak. Das Wiederaufbauteam der Bundeswehr in Kundus hat nach eigenen Angaben keinen Kontakt zu den neuen Kräften. "Wir sind von der Regierung informiert worden, aber in keinster Weise involviert", sagt Oberstleutnant Carsten Spiering.

Bundeswehr nicht involviert

Polizeichef Abdul Razak Yakubi zeigt sich unbeeindruckt. Das seien keine Milizen, sondern die Bevölkerung selbst, die sich gegen die Taliban wehre. "Es ist doch gut, dass sie die Taliban in Gebieten bekämpfen, in die ich selbst nicht mehr fahren kann." Später sei es ein Leichtes, sie wieder zu entwaffnen, sagt der Polizeichef müde.

Gerade hat er per Telefon erfahren, dass einige seiner Männer in einen Hinterhalt geraten sind. Mit drei Handys koordiniert er eine Offensive in Gurtepa, einem berüchtigten Zentrum der Aufständischen. Schon morgens um drei Uhr waren amerikanische Kampfflugzeuge im Tiefflug über Kundus gedonnert. Seither ist das Rauschen der Flugzeuge in der Ferne nicht mehr verstummt. Die Bundeswehr hat nach eigenen Angaben keine eigenen Kräfte im Operationsraum. Doch Miralams Männer, so heißt es in Kundus, seien beteiligt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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