China

„Es muss Wasser fließen – das ist ein Befehl“

Von Petra Kolonko, Xidayang

Sieben Jahre Dürre haben Hebei ausgetrocknet

Sieben Jahre Dürre haben Hebei ausgetrocknet

07. März 2008 Manchmal fahren die Bauern aus Xibaoshui mit dem Fahrrad auf die Staumauer. Von dort oben haben sie eine gute Aussicht auf ihren Stausee, der so groß ist, dass man ihn „Westliches Meer“ genannt hat. Doch das Meer ist fast leer, der Wasserspiegel liegt tief, mehr als zehn Meter hoch ragen die Uferbefestigungen aus dem Stausee. „Es gibt nicht mehr genug Wasser hier“, sagt Frau Xu, die auf ihr Rad gelehnt den See betrachtet. Jeder bedient sich aus diesem Stausee: Die Stadt Baoding, die Stadt Dingzhou, und jetzt soll sogar noch Peking beliefert werden. Die Hauptstadt braucht Wasser für die Olympischen Spiele.

Sieben Jahre Dürre haben die nordchinesische Provinz Hebei ausgetrocknet. Die Felder sind staubig, Bewässerungskanäle und Flüsse fast leer. An manchen Orten müssen die Bauern bis zu fünfzig Meter tiefe Brunnen graben, um an Grundwasser zu kommen. „Gerade ein einziges Mal hat es diesen Winter geschneit“, sagt Frau Xu und zeigt mit zwei Fingern drei Zentimeter an. Und trotzdem muss Hebei Wasser nach Peking liefern, damit die Hauptstadt für ihre Spiele im August genug Wasser hat.

Demokratischer Zentralismus

Der Kanal, der aus dem Xidayang-Stausee durch das Dorf Xibaoshui fließt, ist ein kleines Rinnsal voller Plastiktüten. „Bisher haben wir das Wasser des Stausees hier zur Bewässerung unserer Maisfelder benutzt“, sagt Bauer Hong, der mit zwei Kindern am Rand des Kanals einen Karren repariert. „Doch im vorigen Jahr hat man uns verboten, Mais zu pflanzen, damit wir kein Wasser verbrauchen. Aber wie sollen wir Bauern denn überleben, wenn wir unsere Felder nicht bestellen dürfen?“

Die Wasserableitung aus dem Xidayang-Stausee in das 200 Kilometer entfernte Peking ist Teil einer gigantischen „Wasserumleitung“, die die Hauptstadt für ihre großen Spiele mit zusätzlichem Trinkwasser versorgen soll – und es den Bauern in der Provinz nimmt. Aus vier Stauseen in der Provinz Hebei südlich von Peking soll Wasser nach Norden gepumpt werden in einen Kanal, der von der Stadt Provinzhauptstadt Shijiazhuang bis nach Peking 300 Kilometer lang die Provinz durchzieht und an dessen letzten Abschnitten und Pumpstationen jetzt noch fieberhaft gebaut wird.

„Wasser-Notprojekt Peking–Shijiazhuang“ heißt die gigantische Baumaßnahme, für die die chinesische Regierung umgerechnet 1,7 Milliarden Euro ausgeben will. Sie nennt es Notlösung, denn eigentlich soll der Kanal das letzte Stück des „Süd-Nord-Wasserumleitungsprojektes“ sein, das Wasser aus dem Fluss Jangtse in den Norden bringen soll. Doch als klar war, dass die Verbindung zum Jangtse nicht rechtzeitig für die Olympischen Spiele fertig wird, befahl die Parteiführung, nun erst einmal das Wasser aus vier Stauseen in Hebei nach Peking zu leiten. Und obwohl Hebei unter einer schlimmen Dürre leidet, muss die Provinz sich fügen, das sozialistische System nennt das „demokratischen Zentralismus“, die Provinzen haben der Zentralregierung und der Parteiführung in Peking bedingungslos zu gehorchen.

Alles für die Hauptstadt und ihre Spiele

„Vor Olympia muss hier Wasser fließen“, versichert Vorarbeiter Wang an der Kanalbaustelle bei Tangxian. „Das ist ein Befehl, also werden wir es schon schaffen.“ In Tangxian sind die Arbeiter dabei, den Kanalgrund und die Seiten zu betonieren. Mehrere Brücken werden gebaut. An den Ufern soll noch eine Straße angelegt werden, dann werde alles begrünt, sagt der Vorarbeiter. Niemand dürfe sich dann an diesem Wasser bedienen, das sei nur für die Hauptstadt.

Alles für die Hauptstadt und ihre Spiele. Denn in Peking wird das Wasser knapp. Die Hauptstadt wächst und wächst, nach neuesten Zahlen leben dort jetzt schon 16,3 Millionen Menschen. Immer mehr Trabantenstädte mit Hochhaussiedlungen entstehen rund um die Stadt. Wohnbezirke und Industrieparks am Stadtrand brauchen Wasser. Die Aussicht auf die Olympischen Spiele hat den Bauboom noch beflügelt. Der Pegel des Miyun-Stausees im Norden der Stadt, der noch in den neunziger Jahren drei Viertel des Wasserbedarfs der Hauptstadt deckte, ist auf einem Tiefstand. Derzeit hält der Staussee nur ein Zehntel seiner Wasserkapazität. Schon jetzt muss auch hier die Provinz Hebei aushelfen und jeden Herbst Wasser in den Miyun-Stausee leiten, damit die Stadt Peking genug Wasser hat.

Wasser bedeutet Reichtum

Zwei Drittel des Pekinger Wassers werden aus dem Grundwasser bezogen. Der Grundwasserspiegel ist in den letzten Jahren um durchschnittlich 15 Meter gefallen, sagt Eva Sternfeld vom Pekinger Institut für Umweltforschung und nachhaltige Entwicklung. An manchen Stellen sind in der Erde durch das Abpumpen von Grundwasser schon Hohlräume entstanden, die zu Einbrüchen führen und Häuser gefährden.

Trotz der Wasserknappheit wird Wasser in Peking noch immer rücksichtslos verschwendet. Der niedrige Wasserpreis motiviert nicht zum Sparen. Die alten Leitungen sind undicht, so dass viel Wasser versickert. Jedes Neubauprojekt und jede neue Siedlung muss einen kleinen See oder einen Springbrunnen haben, das hebt den Wert der Immobilie, denn Wasser bedeutet in China Reichtum. Auch Prestigeobjekte wie das neue Nationaltheater im Zentrum der Stadt sind von einem See umgeben. Grünflächen und Bäume in Peking müssen mangels Niederschlag mit kostbarem Wasser grün gehalten werden. Auch das dient dem guten Eindruck, hat doch Peking „Grüne Spiele“ versprochen.

Der Wasserverbrauch wird um 30 Prozent steigen

Und während der Olympischen Spiele darf es natürlich nicht an Wasser mangeln. Für die Spiele werden 2,5 Millionen Besucher erwartet. Es wird geschätzt, dass dann der Wasserverbrauch um 30 Prozent steigen wird. Die Qualität soll gut sein, wenn die Sportler und die Gäste aus dem Ausland kommen. „Das Leitungswasser im Olympischen Dorf und den Olympischen Sportstätten kann man trinken“, versprach der Leiter des Pekinger Wasseramtes Jiao Zhizhong bei einer Konferenz. Das ist nicht selbstverständlich in Peking. Die meisten Pekinger Bürger trinken kein Leitungswasser, sondern sie kaufen Trinkwasser in Flaschen. In der ganzen Umgebung der Stadien wurden deshalb die Wasserleitungen erneuert. 700 Arbeiter würden während der Spiele täglich die Wasserqualität und die Leitungen überprüfen.

Auch die Sportstätten brauchen Wasser. Der neu angelegte „Wasserpark“ für die Ruder- und Kanuwettbewerbe in Shunyi nördlich von Peking liegt an dem Chaobai-Fluss, der schon seit Jahren ausgetrocknet ist. Nach dem Olympia-Bericht der Umweltorganisation der Vereinten Nationen Unep muss deshalb der Wasserpark aus dem Miyun-Reservoir mit kostbarem Trinkwasser beliefert werden. 1,7 Millionen Kubikmeter Wasser braucht der Rudersee. Der Jahresbedarf der Stadt Peking ist mehr als 200 Millionen Kubikmeter. Für das Nachfüllen des Shunyi-Rudersees wird so viel Wasser gebraucht, wie ganz Peking an einem Tag nutzt.

Warum soll das Wasser nur der Hauptstadt zugutekommen?

Chinas wirtschaftliche Entwicklung bevorzugt die Städte, geht auf Kosten der natürlichen Ressourcen und der armen ländlichen Bevölkerung. Auch für die Olympischen Spiele wird wieder einmal den Bauern das größte Opfer abverlangt. In Hebei haben 500.000 Menschen nicht genügend Trinkwasser. Zigtausende Brunnen sind ausgetrocknet. Den Bauern am Xidayang-Stausee wurde schon vor vier Jahren verboten, mit dem Stauseewasser noch Fischteiche anzulegen. Damit entging ihnen ein großer Teil des Einkommens. Nun haben sie nicht genug Wasser für ihre Felder. „Wir sind hier schon sehr arm, wir haben keinen zusätzlichen Verdienst, wir bauen nur das an, was wir selbst verbrauchen, und das reicht manchmal nicht, um satt zu werden“, sagt Frau Xu.

Pekinger Umweltschützer befürchten, dass das Wasserumleitungsprojekt, das jetzt als Notleitung bezeichnet wird, für die nächsten Jahre, bis das Wasser vom Jangtse kommt, doch zu einer Dauereinrichtung werden könnte. Dann werde die Lage kritisch, weil Hebei kein Wasser mehr habe. Grundsätzliche Kritik am Wasserprojekt darf nicht veröffentlicht werden. Nur im Internet kann man gelegentlich Beschwerden wie diese lesen: „Ist nicht Wasser eine Ressource für alle, warum soll es nur der Hauptstadt zugutekommen?“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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