Von Christian Schubert
06. Dezember 2005 Samstag nachmittag bei Ikea in einem Pariser Vorort. Abgekämpft warten die Kunden in langen Schlangen an den Kassen. An einer Zahlstelle jedoch wird eine besondere Käufergruppe schneller bedient: Schwangere Frauen dürfen sich hier vordrängeln, wie ein beleuchtetes Schild anzeigt. Ein pfiffiger Einfall aus Schweden? Falsch. Die Bevorzugung von Schwangeren ist französischer Alltag. In Supermärkten, ja selbst an Taxiständen ist diese Praxis verbreitet. Der Weltkonzern Ikea läßt Schwangere denn auch nur in Frankreich kürzer warten.
Wie eine Gesellschaft mit ihren Familien umgeht, wird im täglichen Leben ebenso sichtbar wie in abstrakten Statistiken. Frankreich schneidet in beiden Fällen gut ab. Industrie und Dienstleister stellen sich mit ihren Angeboten auf den Kindersegen ein. Ein schlauer Unternehmer wie der Sohn des prominenten Sozialisten Laurent Fabius etwa hat als Manager von Betriebskindergärten Karriere gemacht. Renault bietet inzwischen selbst in seinem Kleinwagen Clio einen dritten Kindersitz auf der Hinterbank an. Ferienangebote für Großfamilien dominieren die Urlaubskataloge, und die Tage vor dem Schulanfang im September gehören für die französischen Einzelhändler zur umsatzstärksten Jahreszeit.
Kinderkriegen mit Erfolg fördern
Seit Jahrzehnten fördert Frankreich das Kinderkriegen mit einem breiten Instrumentarium - und erntet Erfolg. Dieser spiegelt sich in der höchsten Geburtenrate der Europäischen Union hinter Irland wider: 1,9 Kinder bekommt eine Französin im Durchschnitt, gegenüber 1,3 für deutsche Frauen. Die Zahl der kinderreichen Familien ist ebenfalls höher als bei den meisten Nachbarn. 37 Prozent aller Kinder wachsen in Familien mit drei oder mehr Kindern auf, fast doppelt so viele wie in Deutschland. 6,3 Prozent aller französischen Haushalte haben drei oder mehr Kinder. In Deutschland sind es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur 2,7 Prozent.
Die Förderung beginnt mit dem Steuersystem und hört beim Kindergeld noch lange nicht auf. Bei der Einkommensteuer gibt es großzügige Abschläge für jedes zusätzliche Familienmitglied. Ein drittes Kind etwa senkt das zu versteuernde Einkommen gegenüber einer Zweikindfamilie um rund ein Viertel. Beamte mit kinderreichen Familien dürfen früher in Rente gehen. Der vollbezahlte Mutterschutz vervielfacht sich vom dritten Kind an auf 26 Wochen. Nicht unerheblich auch die 1921 eingeführte "Carte Famille nombreuse", ein Ausweis für Familien ab drei Kindern, der erhebliche Preisreduzierungen bei Bahnfahrten garantiert, immer häufiger aber auch bei kommunalen Dienstleistungen und Kulturveranstaltungen akzeptiert wird.
Unbestrittener Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit und Kinderwunsch
Das einkommensneutrale Kindergeld gibt es noch nicht für das erste Kind, danach aber steigt es steil an. Für das zweite Kind erhalten die Eltern 115 Euro im Monat, für das dritte 262 Euro und für das vierte 410 Euro. Premierminister Dominique de Villepin kündigte im September zudem ein zusätzliches Kindergeld von 750 Euro im Monat für das dritte Kind an, das einem Elternteil ermöglichen soll, ein Jahr lang zu Hause zu bleiben. Länger nicht, denn nach dem Willen der Regierung sollen die Frauen, die auch in Frankreich die Haupterziehungspersonen sind, wieder schnell auf den Arbeitsmarkt zurückkehren.
Den Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit und Kinderwunsch bestreiten Familienexperten in Frankreich nicht mehr. "Länder mit hoher Frauenerwerbsquote haben ein höheres Bevölkerungswachstum. Dies bekräftigt die Annahme, daß Frauen finanzielle Sicherheit und Autonomie brauchen, bevor sie ein Kind wollen. Den Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen ist die beste Garantie für beides", sagt Professor Michel Godet, Bevölkerungsexperte am Pariser Conservatoire National des Arts et Metiers.
Deutlich höhere Staatsausgaben für Kinder in Frankreich
Die französische Frauenerwerbsquote liegt bei 57 Prozent und ist dabei nicht mehr weit entfernt vom 60-Prozent-Ziel der Europäischen Union im Rahmen ihrer Lissabon-Strategie. Die Franzosen profitieren dabei von Ganztagsschulen und vielen Betreuungseinrichtungen, die Kleine schon vom frühen Alter an aufnehmen. Fast jedes dritte Kind im Alter unter drei Jahren ist in Frankreich im Kindergarten oder wird von einer Person außerhalb der Familie betreut. In Deutschland sind es nur 9 Prozent. Die staatlichen Gesamtausgaben für Kinder liegen dementsprechend weit auseinander, berichtet die OECD. 2001 waren es 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Franzosen und 1,9 Prozent für die Deutschen.
Familienparadies Frankreich? Henri Joyeux winkt ab. "Der französische Staat hat begriffen, daß man Familien helfen muß. Aber es ist nicht genug. Jede zweite Französin hätte gern ein Kind mehr. Doch sie bekommt es nicht, weil die finanzielle Belastung zu hoch ist." Joyeux ist Präsident des Verbandes "Familles en France", einer wichtigen Lobbygruppe. Als Vater von sechs Kindern und zwei zusätzlichen Adoptivkindern spricht der Mann, der selbst aus einer zehnköpfigen Familie kommt, auch aus eigener Erfahrung. Im Hauptberuf ist Joyeux Chirurg in Montpellier, verfügt daher über ein gutes Einkommen. Ein zweites Auto kann er sich dennoch nicht leisten. "Ich sage immer, ich habe sechs Rolls-Royce zu Hause - meine Kinder.
Auch in Frankreich tobt die familienpolitische Diskussion
Lebensglück ist für mich Familienglück." Wenn Joyeux nicht gerade operiert, reist er durch das Land und spricht in Turnhallen und Gemeindesälen über Ernährung, Sexualität und "ebenjene Familienfragen, die den Menschen naheliegen". 100.000 Mitglieder habe sein Verband; das mache im Durchschnitt 400.000 heutige und künftige Wählerstimmen. "Wenn ich das Chirac erzähle, dann hört er hin." Doch offenbar noch nicht genug. "Mein Ziel ist, eine Million Stimmen für die Familien Frankreichs zu bekommen", sagt Joyeux.
In der Tat tobt die familienpolitische Diskussion auch in Frankreich, denn die beachtliche Geburtenrate von 1,9 reicht nicht, um den Bevölkerungsstand zu halten. Dafür wäre über einen längeren Zeitraum mindestens eine Quote von 2,1 nötig, sagt Professor Godet. Die Zahl der mindestens Achtzigjährigen von derzeit 2,7 Millionen werde sich bis 2030 mehr als verdoppeln, warnt er. Das wäre kein Problem, solange genügend Menschen geboren würden. Godet plädiert deswegen dafür, die Solidaritätsabgabe Contribution Sociale Generalisee (CSG), eine zum Einkommen proportionale - also nicht progressive - Sozialabgabe, familienfreundlich zu gestalten. Die CSG bringt dem Staat heute schon ein Fünftel mehr Einnahmen als die Einkommensteuer. "Alleinerziehende Eltern und Familien mit mehr als zwei Kindern belastet die CSG doppelt so stark wie die Einkommensteuer", stellt Godet fest und fordert eine Entlastung.
Dem pflichtet erwartungsgemäß Familienlobbyist Joyeux bei. Ihm ist freilich auch die französische Staatsverschuldung von fast 19.000 Euro je Kopf bewußt. Daher hat er vorgeschlagen, daß die Franzosen für den Abbau der Staatsschulden einen Tag im Jahr mehr arbeiten. "Das wären 2 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt zusätzlich." Im Land der 35-Stunden-Woche hat diese Idee derzeit freilich kaum Chancen auf Umsetzung - selbst wenn es um den geschätzten Nachwuchs geht.
Text: F.A.Z., 06.12.2005, Nr. 284 / Seite 13
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