Irans Präsident

Mit der Welt auf Kriegsfuß

Von Ahmad Taheri

Alles andere als friedliche Signale

Alles andere als friedliche Signale

28. Oktober 2005 „Der Weg nach Quds geht über Kerbela“, lautete der Schlachtruf von Ajatollah Chomeini während des achtjährigen Kriegs zwischen dem Irak und Iran. Also sollte „die Befreiung“ von Quds, wie die Muslime Jerusalem nennen, das Endziel des Ajatollahs sein.

Auf Geheiß des Imam wurde jährlich der „Quds-Tag“ am letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan mit Demonstrationen und Kundgebungen gefeiert. Für den betagten Ajatollah war Israel der Brückenkopf des Westens in der islamischen Welt und mußte daher vernichtet werden.

Es blieb nicht bei verbalen Angriffen

Nach dem Tod Chomeinis im Sommer 1989 gehörten die antiisraelischen Haßtiraden weiterhin zum festen Bestandteil der Freitagsgebete. Es blieb nicht bei den verbalen Angriffen auf Israel. Mit Billigung der islamischen Führung unterhielten die palästinensischen Gruppen, wie Islamischer Dschihad und Hamas, Büros in Teheran. Sie wurden ideologisch, materiell und bisweilen militärisch unterstützt. Die Hetze gegen das „zionistische Regime“ diente aber hauptsächlich den Richtungskämpfen im Inneren des Landes.

Doch Angriffe auf Israel hielten sich bei offiziellen Würdenträgern der Republik in Schranken. Weder der Staatspräsident Rafsandschani noch sein Nachfolger Chatami sprachen jemals von der „Vernichtung“ Israels. Daß jetzt ein Staatspräsident dazu aufruft, Israel müsse „von der Landkarte der Welt verschwinden“, ist allerdings neu. Es bedeutet die Vermischung zweier Bereiche, die Rafsandschani und Chatami mit viel Mühe auseinandergehalten hatten.

Was will Ahmadineschad?

Rafsandschani hatte den Wiederaufbau des vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Landes auf seine Fahnen geschrieben. „Feldherr des Aufbaus“ ließ er sich nennen. Chatami zeigte ein lächelndes Gesicht des Islams, seine Schlagworte lauteten „islamische Toleranz, Menschenwürde und Dialog der Kulturen“. Unter ihm wurde das gespannte Verhältnis zu vielen muslimischen Ländern, aber auch zu den westlichen Staaten normalisiert.

Was will Ahmadineschad? Will er das Rad der Geschichte zurückdrehen und die Islamische Republik in die Jahre des Sturm und Drangs der Revolution zurückversetzen? Fühlt er sich als Vollstrecker der Träume des Imam Chomeini? Oder ist die Macht dem Sohn eines Schmieds aus der tiefen Provinz Garmsar zu Kopfe gestiegen, so daß er jeglichen Sinn für die politische Realität verloren hat?

Mit der Welt auf Kriegsfuß

Während der Präsidentenwahl hat sich Ahmadineschad außenpolitisch zurückgehalten. Als Vertreter der „Mustazafin“, der „Ärmsten der Armen“, hat er die politische Bühne betreten. Mit reichen Einnahmen aus den Ölquellen wollte er den leeren Tisch der Armen „bunt decken“. Welchen politischen Weg er einschlagen würde, war ein Rätsel. Erst bei seinem Auftritt vor den Vereinten Nationen in New York ahnte die Welt, wes Geistes Kind der 47 Jahre alte iranische Staatspräsident ist. Da sprach kein Mann, der Versöhnung wollte, sondern einer, der mit der Welt auf dem Kriegsfuß stand.

Nun hat seine Rede auf der Veranstaltung „Welt ohne Zionismus“ deutlich gezeigt, daß ein von allen guten Geistern verlassener Mann an die Stelle von Khatami getreten ist, der zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 1997 die demokratische Tradition Amerikas emphatisch lobte.

Denkbar heikle Lage

Israel sei „ein Brückenkopf des Westens in der islamischen Welt“, um sich von hier der muslimischen Länder zu bemächtigen, sagte Ahmadineschad. „Es gibt keinen Zweifel daran, daß die neue Welle, die in Palästina im Gange ist, den Rocksaum des Islams bald von diesem Schandfleck reinigen wird.“

Seine Rede ist umso erstaunlicher, weil sie in einer denkbar heiklen Lage für die Islamische Republik gehalten wurde. Iran steht zurzeit wegen seines Atomprogramms unter internationalem Druck. Der Fall könnte vor dem Sicherheitsrat landen und Iran Sanktionen drohen. Die Drohung, Israel von der Weltkarte zu entfernen, bestärkt im Westen den Verdacht, daß das iranische Atomprogramm nicht nur friedliche Zwecke verfolgt.

„Feuer des Zorns“

Was Ahmadineschad vor den Studenten sagte, beschränkte sich nicht auf Angriffe gegen Israel und die westliche Welt, sondern er griff auch jene muslimischen Nachbarländer an, welche die Normalisierung mit Israel erwägen. „Die Führer dieser Länder werden im Feuer des Zornes der islamischen Nation verbrennen und einen ewigen Schandfleck auf der Stirn tragen.“ Beobachter in der Region meinen, daß Ahmadineschads „Feuer des Zorns“ vor allem das Nachbarland Pakistan heimsuchen soll. Im September hatten sich der israelische und der pakistanische Außenminister zum ersten Mal getroffen.

Die Drohung gegen die islamischen Länder, falls es nicht nur ein bloßer Ausrutscher war, weist darauf hin, daß Teheran die Politik der Entspannung, die unter Chatami erfolgreich vonstatten ging, aufgeben will. Eine derartige politische Kehrtwende dürfte angesichts des Drucks aus dem Westen die Versöhnung einer Reihe arabischer Länder mit Israel nur beschleunigen.

Die Hintermänner verlangen ihren Tribut

Die „Barfüßigen“ wiederum, durch deren Stimmen Ahmadineschad die Wahlen gewann, erwarten von ihm nicht die „Vernichtung des zionistischen Regimes“, sie wünschen sich von dem neuen Präsidenten Brot und Arbeit. Viele von ihnen wissen nicht einmal, wo „Quds“ liegt. Doch seine Hintermänner, die Ahmadineschad zum Sieg verholfen haben, verlangen nun von ihm ihren Tribut. Das sind die extrem fundamentalistischen Mullahs, wie etwa Ajatollah Mesba Yazdi. „Mullah Omar von Qom“, wie der Geistliche von Spöttern mit Anspielung auf den Taliban-Führer von Kandahar genannt wird, hat zum Sieg Ahmadineschads beträchtlich beigetragen. Der „verborgene Imam“ habe persönlich den „Bruder Ahmadineschad“ ausgewählt, behauptete er allen Ernstes.

Nach den einhelligen entrüsteten Reaktionen des Westens auf die Rede Ahmadineschads versuchen die führenden Männer in Teheran nun, die Wogen zu glätten. Der frühere Staatspräsident Rafsandschani, der Vorsitzender des Rates zur Feststellung der Staatsräson ist und damit die Hauptlinie der Politik des Staates mitbestimmt, hat gestern beim Freitagsgebet versucht, die Weltgemeinschaft zu beschwichtigen. „Wir haben kein Problem mit Juden und dem hochgeschätzten Judentum als Buchreligion“, sagte der „Feuerwehrmann der Islamischen Republik“, wie er früher genannt wurde. Iran sei in Palästina nicht selbst präsent und unterstütze die Palästinenser nur „spirituell, politisch und medizinisch“.

Ahmadineschad, der am Quds-Tag neben Hunderttausenden anderen Menschen marschierte, blieb unerbittlich. Die Aufregung der Welt zeige nur die Wahrheit seiner Rede. Als der Präsident nach der Quds-Demonstration die Teheraner Universität zum Freitagsgebet betrat, skandierte die Masse „Tod Amerika, Tod Israel, danke, Herr Präsident.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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