Demonstrationen in Kiew

Ein langer Atem in der Stadt der Zelte

Von Konrad Schuller

27. November 2004 Zwei Orte stehen für die orangene Revolution von Kiew: zuerst der "Maidan", der Unabhängigkeitsplatz im Herzen der Stadt, wo Tag für Tag Zehntausende zusammenströmen, um eine korrekte Zählung ihrer Wahlstimmen zu fordern.

Ebenso wichtig aber ist die Zeltstadt auf dem Prachtboulevard Chreschtschatik gleich nebenan. Mehrere tausend Menschen stehen hier seit Sonntag in Schnee und Matsch, halten bis in den Morgen in langen Spalieren Wache, damit keine Provokateure einsickern können, und hauchen sich in die Hände.

Sie sind entschlossen, nicht eher das Feld zu räumen, als bis der angebliche Sieger der gefälschten Präsidentenwahl vom 21. November, Janukowitsch, seine Niederlage eingesteht und der Oppositionskandidat Juschtschenko seine faire Chance erhält. Wenn der Maidan mit seiner Volksfestatmosphäre für den Optimismus dieser Revolte steht, dann steht die Stadt der Zelte für ihren langen Atem. Sechs ihrer Bürger haben Konrad Schuller ihre Geschichte erzählt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2004, Nr. 278 / Seite 8
Bildmaterial: AP

 

Ukraine

Olga Scholominska, 22 Jahre

Sie ist Lehrerin für die ukrainische Sprache, und vor drei Tagen zusammen mit ein paar Freunden aus Lemberg in Kiew angekommen. Olga Scholominska will in einem demokratischen Land leben.

Ukraine

Maxim Bannikow, 30 Jahre

Er ist der Chef des Lagerstabes und berichtet, daß die Organisation in den Camps viel zu chaotisch ist. „Wenn die Macht das Lager angreift“, meint er, „wird keiner von uns weglaufen“.

Ukraine

Larissa Rudenko, 31 Jahre

Die Anwältin arbeitet im Büro eines Parlamentsabgeordneten der Opposition. Sie will, daß die Regierung sich in ihrem Land an die Verfassung hält. Diese werde von Janukowitsch und seiner Gruppe mit den Füßen getreten.

Ukraine

Julia Pantschak, 50 Jahre

Sie will „diesen Kampf gewinnen“. In diesem Land soll die Mehrheit entscheiden und „nicht irgendeine Mafia“. Deswegen tritt sie für Juschtschenko ein. Julia Pantschak ist seit 26 Jahren Biologielehrerin.

Ukraine

Iwan Ukrainez, 35 Jahre

Er ist bei der ukrainischen Staatsbahn beschäftigt und unterstützt Juschtschenko. Damit riskiert Ukrainez seinen Job. Die Eisenbahner müssen der Regierung die Treue halten und sind dem Präsidenten verpflichtet.