14. November 2004 Der palästinensische Vater ist unter der Erde, seine Kinder nehmen die Beileidsbekundungen entgegen. Dabei sitzen sie auf den weißen Plastikstühlen in der Moscheehalle des halbzerstörten Hauptquartiers in Ramallah und nippen an Wasser oder Kaffee.
Die Diplomaten, die am Freitag durch das wilde Schießen verschüchtert und von den Massen bedrängt wurden, machen ihre wohlerzogene Verbeugung. Aber auch heute mischen sie sich unter das Volk, unter Bauern und Arbeiter. Sie alle kondolieren dem neuen PLO-Vorsitzenden Abbas, wechseln ein paar Worte mit Ministerpräsident Qurei und wundern sich über die ältere Dame, die da auch in der ersten Reihe sitzt.
Stimmung von gedämpfter Geschäftigkeit
Das ist Um Dschihad, die Witwe eines Kampfgefährten Arafats, den die Israelis einst ermordeten und die nun seit einem Jahrzehnt als palästinensische Sozialministerin kaum Aufsehen erregt. Sie gehört quasi zu Arafats Familie, so wie Arafats Neffe Nasser al Kidwah. Ein anderer Neffe in der Region, Polizeichef Moussa Arafat in Gaza, von dem man nicht weiß, ob man ihn in Zukunft als Gegner der Abbas-Herrschaft zu fürchten hat, scheint zu fehlen. Er hatte sich in den letzten Wochen mit dem Abbas-Getreuen Dahlan erbittert bekämpft. Dieser Polizeiobrist aber ist der einzige jüngere Mann in der jetzigen Führungsriege mit Charisma und einer kämpfenden Anhängerschaft. Abbas braucht ihn.
Eine Stimmung von gedämpfter Geschäftigkeit liegt heute über dieser Halle, die am Freitag im Chaos zerbarst. Die Holztür scheint repariert, die die Massen aufbrachen, als die Sicherheitsleute vergeblich versuchten, den Sarg Arafats in der Halle aufzubahren. Ein Arzt erklärt dem Reporter, daß Arafat gewiß vergiftet wurde. Vielleicht habe er sich sogar mit seiner sonderbar einseitigen Diät langsam selbst vergiftet. Er habe Abu Amar schon vor zehn Jahren davor gewarnt, immer bestimmte Körner zu essen.
Wo sind die Millionen?
Jetzt erweisen Geistliche aus Jerusalem der Führungsriege ihre Aufwartung. Nicht davon stören lassen sich Finanzminister Fajad und Arafats langjähriger Finanzberater Raschid. Arafats getreuer Kurde hat tränenfeuchte Augen und gewiß viel mit Fajad zu besprechen. Wo ist Arafats Erbe geblieben? Mindestens 900 Millionen Dollar kamen nie auf Fajads gewissenhaft geführten Konten an. Fajad gehörte einst zur Weltbank und war ausgeschickt, diese Gelder der Geberstaaten zu finden, die offenbar auch über israelische Arafat-Konten verschwanden.
Das erste Wochenende nach Arafats Beerdigung bleibt ruhig. Es gibt keine Schießereien in den besetzten Gebieten. Israel hatte den Polizisten der Autonomiebehörde wieder das Tragen von Waffen erlaubt. Diese Genehmigung wurde am Sonntag verlängert. Eine erste Geste in Richtung Normalität? Vor Monaten konnte sich Verteidigungsminister Mofaz damit noch nicht durchsetzen.
Wehrhaftigkeit gegen die korrupte neue Führung
Vor allem die israelische Rechte versteht nicht, daß die palästinensische Polizei Waffen braucht, um gegen Gewalt vorzugehen. Für Israel war bisher jeder palästinensische Polizist ein Terrorist. Und viele sind es tatsächlich: Fünf vermummte Kämpfer der Al-Aqsa-Brigaden, die sich seit Freitag Jassir-Arafat-Brigaden nennen und zu Arafats weitgefächerten Fatah-Bewegung gehören, geloben vor den Kameras der Welt und mit Waffen in der Hand ihre Wehrhaftigkeit gegen die korrupte neue Führung: Die sind nichts ist ohne Arafat und nichts ohne unsere Unterstützung, die sie sich erst erwerben müssen.
Beim Kontrollpunkt Hawara vor Nablus stellt sich ein 19 Jahre alter Jugendlicher dem israelischen Militär. Die Soldaten hatten nach ihm gesucht: Er sei zu einem Selbstmordanschlag ausgeschickt worden. Israel will jetzt jede größere Militäroperation in palästinensischen Städten verhindern. Man will der Abbas-Führung Ruhe gewähren, um die Macht zu festigen.
Die Zeit nach Arafat hat begonnen
Zu den Trauerfeierlichkeiten für Arafat in den israelisch-arabischen Städten kommt kaum jemand. Das Leid über Arafats Tod hält sich offenbar in Grenzen. Die Leute seien an diesen Feiertagen nach Ramadan nicht zum Trauern bereit, heißt es. In Ramallahs Hauptquartier empfängt die neue Führung als einen ersten ausländischen Politiker, den EU-Außenbeauftragten Solana. Er verspricht Hilfe für die Wahl, die wohl in der zweiten Januarwoche stattfinden soll. Die Zeit nach Arafat hat längst begonnen.
Der amerikanische Außenminister Powell wird in den nächsten Tagen, wohl in Kairo, mit der palästinensischen Führung sprechen. Am Ausgang der Trauerhalle in Arafats Hauptquartier bekommt der Gast eine Dattel. Die süße Frucht soll mit dem Tod versöhnen, sagen sanft die einen. Andere meinen, das sei die Beigabe für den Märtyrer Arafat, der im Ramadan starb und im Kampf für sein Volk. Milde Wintersonne liegt über der Grabstelle mit ihren Blumen und Kränzen. In regelmäßigem Abstand wechseln sich uniformierte Polizisten in der Grabwache ab. Die frisch gesetzten Olivensetzlinge brauchen Wasser.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2004, Nr. 267 / Seite 3
Bildmaterial: REUTERS