Von Anne Schneppen
23. Juni 2003 Er kommt direkt von der Arbeit, ein bißchen zu spät, ein wenig abgehetzt, aber guter Dinge. Den Treffpunkt im gediegenen "Koreana"-Hotel hatte er vorgeschlagen. Seine Visitenkarte überreicht er wie ein versierter Geschäftsmann. Er bestellt sich eine kalte Nudelsuppe gegen die Hitze, und während er mit herzhaftem Appetit zu essen beginnt, erzählt er von seinem Job, seinen Reisen und Plänen. Er schreibt für die einflußreiche Tageszeitung "Chosun Ilbo", er hat eine eigene Wohnung und Freunde, mit denen er abends durch Seouls Kneipen streift. Nur die Frau fürs Leben hat er bislang nicht gefunden. Er greift zum Bierglas und zeigt fast kokett auf den flachen Waschbrettbauch: Zwölf Kilo habe er schon zugenommen. Elf Jahre in Südkorea haben ihn zu einem anderen Mann gemacht. Äußerlich.
Schnell kommt Kang Chol-hwan auf eine andere, eine schreckliche Zeit zu sprechen. Seine Kindheit in Yodok - in Nordkorea auch bekannt als "Lager 15". Im August 1977, Kang war neun Jahre alt, wurde seine Familie abgeholt. Zehn Jahre verbrachte er in der Hölle des nordkoreanischen "GULag". Zehn Jahre in Zwangsarbeit und Hunger, in denen er Zeuge drakonischer Bestrafungen und öffentlicher Exekutionen wurde. Einige Jahre nach seiner Freilassung glückte ihm die Flucht aus Nordkorea über China nach Südkorea.
"Die Aquarien von Pjöngjang"
Zusammen mit dem französischen Journalisten und Historiker Pierre Rigoulot hat er ein Buch über diese Zeit geschrieben: "Die Aquarien von Pjöngjang" erschien im Jahr 2001, auf dem Höhepunkt der Entspannungspolitik, als solche öffentlichen Zeugnisse noch Seltenheitswert hatten. Zwei Jahre bevor die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen das Regime in Pjöngjang erstmals wegen systematischer und schwerwiegender Verletzungen der Menschenrechte anprangerte, ausdrücklich die große Zahl der Gefangenenlager und die weit verbreitete Zwangsarbeit verurteilte.
Es gibt Schätzungen, die sich naturgemäß nicht belegen lassen, wonach 150.000 bis 200.000 Nordkoreaner in Lagern festgehalten werden, die, so Kang, zwei Zielen dienen: kritische oder unerwünschte Personen zum Schweigen zu bringen und sie zugleich für die wirtschaftliche Produktion zu nutzen. "Yodok gibt es auch heute noch, und es ist bei weitem nicht eines der schlimmsten Lager", sagt Kang Chol-hwan, der als einer der wenigen von seinem Martyrium berichten kann. "In meiner Kindheit war Kim Il-sung für mich ein Gott. Ein paar Jahre im Lager haben mich von diesem Glauben geheilt."
Wie die Geschichte begann
Kangs Geschichte beginnt bei den Großeltern, die in den dreißiger Jahren von Korea nach Japan übersiedelten, um der wirtschaftlichen Misere in ihrem Land zu entkommen. Die Großmutter, eine überzeugte Kommunistin, arbeitete sich in der pro-nordkoreanischen Organisation Chosen Soren nach oben, die bis heute das System in Pjöngjang aus der Ferne stützt. Der Großvater, politisch wenig interessiert, brachte es derweil mit Spielhallen zu beachtlichem Wohlstand. Dennoch ließ er sich von seiner patriotischen Frau zur Heimkehr ins Arbeiterparadies überreden.
Zunächst lebte die Familie mit ihren drei Söhnen noch relativ privilegiert in Pjöngjang, doch das Mißtrauen gegen die Außenseiter aus Japan legte sich nicht. Als Enkel Chol-hwan 1967 geboren wurde, waren die Hoffnungen, die man mit der Übersiedlung verbunden hatte, längst geschwunden. An einem Tag im Juli 1977 kam der Großvater nicht von der Arbeit zurück. Seine Frau bedrängte wochenlang die Behörden, suchte nach ihm, bis eines Tages die Familie abgeholt und nach Yodok geschickt wurde - sie waren "Feinde der Revolution". Der neunjährige Chol-hwan nahm sein Liebstes, sein Aquarium, mit ins Lager, hielt die Fische mühevoll am Leben, bis sie doch eingingen. Daher rührt der Titel seines Buches: das nordkoreanische Volk "kontrolliert, überwacht und gefangen" wie die hilflosen Fische in seinem Aquarium.
Von Bergen und Stacheldraht umschlossen
Das Lager Yodok, von Bergen und Stacheldraht umschlossen und von militärischen Patrouillen bewacht, bestand zu dieser Zeit aus zehn verschiedenen "Dörfern", die untereinander keinen Kontakt hatten. Familie Kang wurde einem Dorf mit anderen repatriierten Koreanern aus Japan zugeteilt. Die Gefangenen wurden zur Zwangsarbeit eingeteilt, schufteten bis zur totalen Erschöpfung in Maisfeldern, in der Schnapsbrennerei, in Goldminen. Die Kinder, die ebenfalls zur Arbeit herangezogen wurden, durften zumindest noch eine "Umerziehungsschule" besuchen. Die Insassen des Lagers waren chronisch unterernährt. Es gab fast nichts außer Mais. Viele litten an schweren Mangelkrankheiten. In der Not jagte man Ratten, die man briet. Sexuelle Beziehungen zwischen Gefangenen waren verboten. Wenn eine Frau schwanger wurde, zwang man sie zur Abtreibung. Und wenn es doch einer Frau gelang, heimlich ihr Kind auszutragen, wurde es von den Aufsehern nach der Geburt getötet.
"Arbeitslager ist ein zynischer Begriff", sagt Kang. "Für viele führte die Arbeit direkt in den Tod." In dem Sektor, in dem Kang untergebracht war, gab es jedes Jahr etwa zehn öffentliche Hinrichtungen. In den zehn Jahren in Yodok habe er selbst 15 Exekutionen mit angesehen, 14 davon wegen versuchen Ausbruchs, eine wegen Diebstahls. "Jeder Ausbruchsversuch wurde mit dem Tod bestraft."
Erst ausgehungert, dann erschossen
"Die Verurteilten wurden erst ausgehungert, und wenn ihr Tag gekommen war, waren sie so schwach, daß sie kaum mehr laufen konnten. Den politischen Gefangenen wurden Steine in den Mund gestopft, damit sie nichts mehr sagen konnten. Gewöhnlich wurden drei Salven geschossen, ins Gesicht, in den Oberkörper und zuletzt in die Beine. Aber es gab auch Exekutionen durch den Strang", berichtet Kang. Den Mitgefangenen wurde befohlen, die Hingerichteten mit Steinen zu bewerfen, im Chor riefen sie: "Nieder mit den Verrätern des Volkes."
Manchmal wurden Häftlinge nach Yodok verlegt, die von anderen Lagern berichteten, die noch viel schlimmer seien. "Für sie war Yodok ein Paradies." Keiner der Gefangenen in Yodok wußte, wann der Tag der Freilassung kommen würde, ob in einem, fünf oder zehn Jahren. Die einzigen, die Sicherheit hatten, waren die sogenannten Unbekehrbaren, die politischen Gefangenen, die zu einem lebenslangen Lagerleben verurteilt waren - mitsamt ihren Kindern. Für Kangs Familie kam die Erlösung im Februar 1987, nach zehn langen Jahren, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten. Sie mußten ein Schriftstück unterzeichnen, in dem sie versicherten, nichts von dem, was sie in Yodok gehört oder gesehen hatten, nach außen zu tragen. "Ein einziges Wort konnte die Rückkehr nach Yodok oder an einen noch schlimmeren Ort bedeuten."
"Das ganze Land ist wie ein Spinnennetz"
Die Familie wurde in ein abgelegenes Dorf fern der Hauptstadt geschickt. Von dort zog Chol-hwan nach Pyungsung, wo er einige Jahre als Ausfahrer arbeitete, für kurze Zeit studierte er an der Universität von Hamhung. Bis er herausfand, daß ihm abermals die Verhaftung drohte: Er hatte den südkoreanischen Rundfunk abgehört. Gemeinsam mit einem Freund gelang ihm die Flucht an die chinesische Grenze, wo sie einen Führer bezahlten, der sie über den Yalu-Fluß brachte. Von dort ging es nach Yonji, schließlich nach Dalian. Ein südkoreanischer Kapitän half ihnen, China auf seinem unter der Flagge Honduras fahrenden Frachter zu verlassen. Auf hoher See übergab er sie einem südkoreanischen Schiff.
"Das Schlimmste war der Anblick der sterbenden Menschen", sagt Kang Chol-hwan, der heute in Seoul lebt. "Man kann nicht davon ausgehen, daß sich die Zustände in Yodok und anderen Lagern verbessert haben." Deshalb hält er Vorträge, engagiert sich in Bürgerorganisationen, die Flüchtlingen helfen, schreibt, als Reporter der "Chosun Ilbo", über Nordkorea. "Das ganze Land ist wie ein Spinnennetz. Man weiß nicht, wer einen kontrolliert oder denunziert. Die Leute verbergen ihre Gefühle und Gedanken, weil sie keinen Widerstand leisten können, sie zeigen sich loyal zu Kim Jong-il und treu in ihrer Vaterlandsliebe, weil sie keine Wahl haben. Doch sie sind nicht unwissend. Mit der Zeit sehen die Nordkoreaner die Außenwelt", glaubt Kang, der seit der Publikation seines Buches in Südkorea ein bekannter Mann ist.
Unverstanden von den Jüngeren
Gehör findet er vor allem bei älteren Südkoreanern, die dem Regime im Norden von jeher mißtrauen. Die Krise um das mutmaßliche nordkoreanische Atomwaffenprogramm, die kritischere Haltung gegenüber Pjöngjang erleichtert es Nordkorea-Flüchtlingen wie Kang, von ihren Erlebnissen zu sprechen. Unverstanden fühlt er sich dagegen von den Jüngeren, die seine Geschichten aus dem GULag nicht hören wollen oder schlicht für erfunden halten. "In dieser Generation haben viele die Vorstellung, daß Kim Jong-il gar kein so schlechter Kerl ist." Kritisch äußert er sich auch über die südkoreanische Regierung, die das Problem der Menschenrechte in Nordkorea verdränge, weil es ihr politisch nicht in den Kram passe.
Kang beschwört den Kollaps des stalinistischen Systems, vielleicht auch, weil ihm dies als die einzige Möglichkeit erscheint, seine Familie wieder zusammenzuführen. Er hat Kontakt zu seiner Mutter und seiner kleinen Schwester Mi-ho, die in Nordkorea zurückgeblieben sind. Er weiß auch, daß es ihnen, "den Umständen entsprechend", gut geht. Und was ist mit seiner Kinderliebe in Pjöngjang, den Fischen? Da lacht er kurz auf. Die Liebe ist geblieben, aber ein Aquarium, das will er nicht mehr.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2003