Selbstmordanschläge im Irak

Drei Frauen brachten den Pilgern den Tod

Von Hans-Christian Rößler

Die männlichen Polizisten wagen es meist nicht, Frauen nach Sprengstoff zu durchsuchen

Die männlichen Polizisten wagen es meist nicht, Frauen nach Sprengstoff zu durchsuchen

28. Juli 2008 Die irakischen Behörden waren sich der Gefahr bewusst: Am Montag waren in Bagdad eigens 200 Beamtinnen unter den mehr als 100.000 Sicherheitskräften im Einsatz, die mögliche Selbstmordattentäterinnen in der Menge der schiitischen Pilger ausfindig machen sollten. Doch es gelang ihnen nicht, die drei Frauen rechtzeitig ausfindig zu machen, die in der Menschenmenge Sprengstoffgürtel zündeten und mehr als 20 Menschen töteten. (Siehe auch: Drei Selbstmordattentäterinnen töten in Bagdad 20 Pilger)

Unter der einen Million Pilger war das jedoch für die kleine Gruppe von Polizistinnen ohnehin ein fast aussichtloses Unterfangen. Genau das ist für Al Qaida ein Grund, immer häufiger Frauen für Selbstmordattentate einzusetzen: Alleine am Montag waren es drei Frauen in Bagdad und eine in der nordirakischen Ölstadt Kirkuk. Die männlichen Soldaten und Polizisten wagen es in der der traditionell geprägten irakischen Gesellschaft meist nicht, Frauen eingehend nach Bomben und Waffen zu durchsuchen.

Der Wunsch nach Rache

Seit dem amerikanischen Einmarsch vor fünf Jahren haben nun 48 Frauen Selbstmordattentate verübt. Die meisten dieser Anschläge fanden seit dem vergangenen Jahr statt. Das ist wohl kein Zufall – die islamistischen Terroristen scheinen damit darauf zu reagieren, dass es seit der amerikanischen Truppenverstärkung Anfang 2007 und der folgenden Großoffensive gemeinsam mit der irakischen Armee und den Milizen der sunnitischen Erweckungsräte gelungen ist, sie weit zurückzudrängen. Der scheidende amerikanische Oberbefehlshaber im Irak Petraeus sieht Al Qaida schon auf dem Rückzug nach Afghanistan, und der irakische Ministerpräsident Maliki hält den irakischen Al-Qaida-Ableger gar schon für besiegt. Nachdem sich Al Qaida weitgehend aus Bagdad und der westlichen Provinz Anbar in die Provinz Dijala zurückgezogen hatte, gerät das Terrornetz offenbar auch dort stark in Bedrängnis. In Dijala schickte die Terrororganisation alleine in diesem Jahr nach amerikanischer Zählung schon ein Dutzend Selbstmordattentäterinnen aus.

Die Motive, die Frauen dazu bewegen, Selbstmordattentäterinnen zu werden, sind besonders im Irak erst in Ansätzen erforscht. Ein Grund, auf den Ermittler immer wieder stoßen, ist der Wunsch, nahe Angehörige zu rächen. So waren in einigen Fällen Ehemann, Sohn oder Bruder von irakischen oder ausländischen Soldaten getötet oder gefangengenommen worden. In Dijala soll eine Mutter, deren fünf Söhne die irakische Polizei getötet hatte, sich den Terroristen angeschlossen haben: Sie zündete ihre Bombe in einer Gruppe von Polizeirekruten; mehr als 40 Menschen wurden dabei getötet.

Oft spielt aber nach Beobachtung irakischer und amerikanischer Fachleute der Druck der eigenen Familie eine größere Rolle, als das Versprechen, sofort ins Paradies zu kommen. Gezielt rekrutierten Extremisten zudem junge Frauen, die keine Schuldbildung hätten oder behindert seien. In Dijala stammten auffällig viele Attentäterinnen aus armen Verhältnissen und abgelegenen Dörfern, heißt es. Auch sexueller Missbrauch durch ältere Al-Qaida-Führer, mit denen die Attentäterinnen als junge Mädchen verheiratet wurden, wird als Grund dafür genannt, dass einige junge Irakerinnen lieber den Tod suchen.

Ferngezündete Sprengstoffgürtel

Manche versuchen jedoch, noch zu entkommen: Es wird von Frauen berichtet, die sich in die Obhut der Polizei begaben, weil sie keine Selbstmordattentäterinnen werden wollten. Sie werden dann in eine Art Schutzhaft genommen. Nach einigen Berichten zünden die Terroristen die Sprengstoffgürtel der Frauen aus der Ferne, um sicher zu gehen, dass die Attentäterinnen sich nicht in letzter Minute anders entscheiden.

Neben dem Wunsch nach Vergeltung sieht die amerikanische Terrorismusforscherin Mia Bloom von der Universität Georgia auch als Motive den Wunsch „den Familiennamen zu reinigen, einem Leben in beschützter Monotonie zu entfliehen, berühmt zu werden oder eine Art Gleichheit in ihrer patriarchalischen Gesellschaft herzustellen“. Ihr fiel auf, dass unter den mehr als 220 Selbstmordattentäterinnen, die sie für die Zeit zwischen 1985 und 2006 zählte, gleichviele säkularen wie religiösen Organisationen angehörten. Religiöse Gruppen hätten zunächst sogar gezögert, Frauen loszuschicken, sagt Mia Bloom. Der erste Selbstmordanschlag mit einer weiblichen Täterin fand nach ihren Erkenntnissen 1985 im Libanon statt: Damals ließ die säkulare libanesische Sozialistische Syrische Nationalpartei ein Mädchen in eine Gruppe israelischer Soldaten laufen. Die Organisation, die bisher die meisten Selbstmordattentäterinnen ausgesandt hat, sind die tamilischen Befreiungstiger in Sri Lanka. Aber auch in Israel oder Tschetschenien verübten Frauen Selbstmordanschläge.

Im Irak versuchen nun die amerikanischen Soldaten ein im Antiterrorkampf bewährtes Modell auch bei Frauen zu verwenden. In Anlehnung an die oft „Söhne des Iraks“ genannten sunnitischen Milizen, die in Bagdad und den westlichen Provinzen erfolgreich gegen Al Qaida kämpfen, haben sie jetzt eine Organisation der „Töchter“ gegründet. Sie sollen gezielt auf die Suche nach Selbstmordattentäterinnen gehen. Ihre neue Arbeit verschafft den Frauen zugleich ein Einkommen, das die meisten genauso dringend wie eine Perspektive für ihr Leben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche