Von Thomas Scheen, Johannesburg
14. März 2007 Ein Auge war fast vollständig zugeschwollen, der Mund verzogen und auf dem teilweise rasierten Schädel war eine gut zehn Zentimeter lange Platzwunde zu sehen. Oppositionsführer Morgan Tsvangirai ist der lebende Beweis dafür, dass in Zimbabwe die Politik der Repression in den vergangenen vier Tagen noch einmal mit großer Brutalität zugenommen hat.
Angesichts von 1.700 Prozent Inflation, 80 Prozent Arbeitslosigkeit, unerschwinglich teuren Grundnahrungsmitteln und Streiks im öffentlichen Dienst scheint das Regime, das schon lange mit dem Rücken zur Wand steht, zu beginnen, wild um sich zu schlagen. In der Region befürchtet man, dass nur noch ein Funke genügt, damit Hungeraufstände beginnen.
Wir sind im Krieg
Dabei hatte die beiden zerstrittenen Lager der Oppositionspartei Movement for Democratic Change“ (MDC) am Sonntag nur gemeinsam zu einem gemeinsamen Gebet“ in ein Elendsviertel von Harare eingeladen, um gegen Mugabes Absicht anzubeten“, im nächsten Jahr ein weiteres Mal für das Präsidentenamt zu kandieren. Die Finte mit dem Gottessegen war die einzige Möglichkeit, das vor Monatsfrist verhängte Versammlungs- und Demonstrationsrecht zu unterlaufen. Wie nervös das Regime aber mittlerweile ist, zeigten die zahlreichen Hausdurchsuchungen am Samstag und die vorsorgliche Verbringung“ – sprich Festnahmen – bekannter MDC-Anhänger.
Entsprechend brutal ging die Polizei dann am Sonntag gegen die Betenden“ vor. Eine junge Frau wurde mit einem Brustschuss getötet, viele andere mit Eisenstangen niedergeschlagen. Grace Kwinjeh beispielsweise, eine bekannte Frauenrechtlerin des MDC, verlor nach einem solchen Mordversuch die Hälfte ihres rechten Ohrs. Wir sind im Krieg, und deshalb wenden wir Kriegstechniken an“, brüstete sich einer der uniformierten Schläger in Nachhinein.
Dreimal das Bewusstsein verloren
Tsvangirai war bei diesem Gebet“ nicht anwesend; wohl auch deshalb, um der Staatsanwaltschaft keine Möglichkeit zu bieten, ihn später der Teilnahme an einer verbotenen Versammlung zu bezichtigen. Angesichts der aus dem Ruder laufenden Brutalität der Polizei war Tsvangirai aber am Sonntagnachmittag zu einer Polizeistation gefahren, um mäßigend auf die Sicherheitskräfte einzuwirken.
Die Antwort, die der 55 Jahre alte ehemalige Gewerkschaftsführer erhielt, war an Deutlichkeit nicht zu überbieten: Gleich ein Dutzend Polizisten soll sich auf ihn gestürzt haben und ihm immer und immer wieder mit Knüppeln auf den Kopf geschlagen haben. Dreimal, so erzählte Tsvangirais schockierte Frau hinterher, habe ihr Mann dabei das Bewusstsein verloren, und immer hätten die Schläger gewartet, bis er aus der Ohnmacht erwachte, um weiter auf ihn einzuschlagen.
Im Schockzustand vor der Haftrichterin
Einen Anwalt bekam er in den zwei Tagen und zwei Nächten in Polizeigewahrsam ebenso wenig zu sehen wie einen Arzt. Erst als seine Anwälte das Oberste Gericht einschalteten und dieses das sofortige Erscheinen Tsvangirais vor einem Haftrichter anordnete, war die Polizei bereit, den Verletzten herauszugeben.
Selbst dabei demonstrierten sie Sicherheitskräfte noch einmal die Verachtung, die sie dem Mann entgegenbringen: Auf der Ladefläche eines offenen Lastwagens wurde Tsvangirai durch die Stadt gefahren, das Hemd blutbesudelt und zerrissen und angesichts eines offensichtlichen Schockzustandes kaum in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren.
Die Haftrichterin schickte Tsvangirai und die 49 mit ihm erschienenen, nicht weniger mitgenommen aussehenden Mitangeklagten erst einmal zum Arzt. Zwei Bluttransfusionen waren nötig, um den durch hohen Blutverlust geschwächten Tsvangirai wieder auf die Beine zu bekommen.
Keine Freiheit ohne Opfer
Als der Oppositionspolitiker am Mittwochmorgen vor Gericht erschien, war erstaunlicherweise kein Haftrichter zugegen, der über seine Freilassung oder weitere Inhaftierung hätte entscheiden können. Die Richter hatten sich aus dem Staub gemacht.
Die zimbabwische Justiz, die in der Vergangenheit mit mutigen, Mugabe-kritischen Urteilen zwar nicht den Rechtsstaat, aber immerhin die eigene Ehre gerettet hat, droht nun, sich zum Komplizen der jüngsten Eskalation des Regimes zu machen. Postwendend machte sich Tsvangirai wieder auf den Weg in ein Krankenhaus, wo sein Kopf genauer untersucht wurde; Verdacht auf Schädelbruch. Ob das stimmt, bleibt abzuwarten.
Tsvangirai wäre kein guter Oppositionsführer, wenn er aus seinen Verletzungen nicht politisches Kapital zu schlagen versuchte, und so wurde das Krankenzimmer zur Bühne für improvisierte Pressekonferenzen. Neben den Verurteilungen des Staatsterrors“ in Zimbabwe entfuhr Tsvangirai dabei ein Satz, der in jede Richtung interpretiert werden kann: Für den Kampf werden diese Brutalitäten jedermann als Inspiration dienen. Keine Freiheit ohne Kampf, keine Freiheit ohne Opfer.“ War das der so lange sorgsam vermiedene und doch vielen unausweichlich scheinende Aufruf zum bewaffneten Widerstand?
Südafrikanische Realpolitik
Erst die Bilder eines blutverschmierten Oppositionspolitikers haben jedenfalls wieder internationale Aufmerksamkeit an Zimbabwe geweckt - zynisch betrachtet hätte Mugabe der Opposition keinen größeren Gefallen tun können, als auf sie eindreschen zu lassen, sagen manche. Die Welt ist empört, die Vereinten Nationen protestieren ebenso wie die EU, Amerika und selbst aus dem fernen Australien kommen deutliche Worte.
Aus Südafrika indes, das Zimbabwe bislang mit Strom- und Treibstofflieferungen zu Freundschaftspreisen am Leben hielt, die nicht zu übersehenden Wahlfälschungen 2005 nicht zur Kenntnis nehmen wollte, und ansonsten eine stille Diplomatie“ gegenüber Mugabe pflegt, war wie bisher nichts zu hören. Für diese Haltung ist der südafrikanische Präsident Mbeki in der Vergangenheit wiederholt von westlichen Diplomaten als Realpolitiker“ gelobt worden.
Einerseits-Andererseits-Rhetorik
Mbeki hat innenpolitische Gründe dafür. Er will einen Wahlsieg des Gewerkschaftlers Tsvangirai schon deshalb verhindern, um die Gewerkschaftsführer im eigenen Land handzahm zu halten. Es bedurfte schon des amerikanischen Botschafters in Pretoria, der sich befremdet“ zeigte über das Schweigen Südafrikas, bevor der stellvertretende Außenminister endlich den Mund aufmachte.
Heraus kam die übliche Einerseits-Andererseits-Rhetorik, die Pretoria mittlerweile meisterlich beherrscht: Die zimbabwische Regierung solle doch bitte die Rechtstaatlichkeit wahren und auch die Rechte der Opposition“, ließ sich Aziz Pahad vernehmen, und der Opposition empfahl er, für ein Klima zu sorgen, das zu einer dauerhaften Lösung führe“.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa