Von Nikolas Busse und Hans-Christian Rößler
12. März 2004 War der Anschlag von Madrid die erste große Bluttat Al Qaidas in Europa? Immerhin hatte Usama Bin Ladin schon vor einiger Zeit eine Warnung an mehrere westliche Länder ausgesprochen, darunter auch Spanien. Es handelte sich um Staaten, die den amerikanischen Krieg im Irak unterstützt und dort auch mit eigenen Truppen vertreten waren.
Spanien stellt, gemeinsam mit einigen lateinamerikanischen Ländern, das Kernelement einer multinationalen Division, die im Süden Bagdads liegt. Ihr gehören etwa 2500 Mann an. Sollte das der Hintergrund für das jüngste Attentat sein, dann hätte es Al Qaida erstmals geschafft, ein europäisches Kernland zu treffen. Nur in der Türkei war es bisher zu größeren Anschlägen gekommen. Ansonsten war es den Sicherheitsbehörden in der EU und anderen europäischen Staaten immer wieder gelungen, Attentatsversuche zu unterbinden. Der hohe Fahndungsdruck galt als ein möglicher Grund dafür, warum Anschläge, die Al Qaida zugeschrieben wurden, in jüngster Zeit vor allem in islamischen Ländern stattfanden.
Das Herz des Kreuzfahrer-Europas
Noch prüfen Fachleute allerdings das Schreiben, in dem die Brigade Abu Hafs Al Masri sich der Anschläge in Madrid bezichtigt. Die Botschaft war am späten Donnerstag abend bei der Londoner arabischen Zeitung "Al Quds al Arabi" eingegangen war. Als Absender der E-Mail fungierte die Brigade Abu Hafs al Masri. Der Empfänger, der Herausgeber und Chefredakteur Abdel Bari Atwan, ist sicher, daß die E-Mail zumindest authentisch ist. Im Fernsehen sagte er, der Text stimme überein mit anderen, die er früher erhalten habe. Nach dem Beginn des irakischen Feldzugs hatte auch Saddam Hussein mindestens dreimal Aufrufe zur Veröffentlichung geschickt, das letzte Mal am 27. Mai 2003. Am Freitag veröffentlichte die Zeitung den gesamten Wortlaut des fünf Seiten umfassenden Briefs. "Wir haben erfolgreich das Herz des Kreuzfahrer-Europas infiltriert und einen der Stützpunkte der Kreuzfahrerallianz getroffen", steht in dem Brief. Zugleich wird als "frohe Botschaft für die Muslime auf der Welt" ein großer Anschlag auf die Vereinigten Staaten angekündigt, der schon zu "90 Prozent" vorbereitet sei. Mit den Attentaten würden "alte Rechnungen mit Spanien beglichen", das der Bündnispartner Amerikas bei dessen "Krieg gegen den Islam" sei.
Das Schreiben vom Donnerstag erwähnt auch eine frühere Botschaft. So soll die amerikanische Armee in Bagdad in der vergangenen Woche ein angebliches Schreiben der gleichen Gruppe erhalten haben, das aber nicht ernstgenommen wurde. Darin hatten die Brigade Abu Hafs al Masri bestritten, daß Al Qaida die Anschläge während des schiitischen Aschura-Festes in Kerbela und Bagdad verübt habe. Zuvor hatten die Gruppe schon die Verantwortung für andere Terroranschläge übernommen. Dazu gehörten das Attentat auf zwei Synagogen in Istanbul im November 2003 sowie der Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad im August davor. Dieser Terrorakte hatten sich jedoch zugleich auch andere Gruppen bezichtigt. Nach den Anschlägen in Istanbul war in Washington bezweifelt worden, ob die Brigade Abu Hafs al Masri überhaupt existierte und ob sie Verbindungen zu Al Qaida unterhalte.
Bezug zu Istanbul
Der Name der Gruppe geht auf einen getöteten Al-Qaida-Führer zurück. Der frühere ägyptische Polizist Mohammed Atef trug den Kampfnamen Abu Hafs. Wegen seiner Herkunft wurde der Name zudem mit dem Zusatz al Masri ("der Ägypter"). Atef hatte in die Familie des Al-Qaida-Gründers Usama Bin Ladin eingeheiratet. Er war nach Geheimdienstinformation bei Al Qaida ein Fachmann für Anschläge mit Raketen. Zudem soll er die Al-Qaida-Anschläge in Afrika mit vorbereitet haben. Am 15. November 2001 wurde das frühere Mitglied des ägyptischen "Islamischen Dschihad" bei einem amerikanischen Raketenangriff in der Nähe von Kabul getötet. Der Brief vom Donnerstag nimmt zudem Bezug zu dem Anschlag auf eine Freimaurerloge in Istanbul am Dienstag. Zwei Selbstmordattentäter hatten dort zunächst um sich geschossen und einfache selbstgebaute Sprengsätze gezündet. Dabei kam ein Kellner und einer der Angreifer ums Leben. Am Freitag sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan dazu: "Nichts ist sicher."
So bleibt es schwierig herauszufinden, ob der Brief echt ist, denn er wurde auf elektronische Weise zugestellt. Al-Qaida-Führer bevorzugten bisher Video- oder Tonbandbotschaften, die bisher der Sender al Dschazira in Qatar ausstrahlte. Diese Stimmen und Bilder ließen sich leichter auf ihre Authentizität hin überprüfen. Bei deutschen Sicherheitsbehörden bestehen außerdem grundsätzliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Brigade Abu Hafs al Masri. Die Gruppe hatte sich nämlich schon für die Stromausfälle in den Vereinigten Staaten und Großbritannien verantwortlich erklärt, die unter anderem New York lahmgelegt hatten. Dort wurde kein krimineller oder gar terroristischer Hintergrund ermittelt.
Weiche Ziele
Die deutschen Behörden, die allerdings auf spanische Erkenntnisse angewiesen sind, vermuteten am Freitag deshalb, daß doch Eta hinter den Anschlägen steckt. Denn Bin Ladins Netzwerk hat in jüngster Zeit andere Ziele ausgewählt als den morgendlichen Berufsverkehr in einer westlichen Metropole: Anschläge wurden auf Symbole staatlicher oder wirtschaftlicher Macht verübt wie Konsulate, Banken oder Schiffe; sogenannte "weiche Ziele" kamen allenfalls bei Attentaten auf Touristen vor, wie auf Bali oder in Djerba, wo jeweils auch mehrere Deutsche getötet wurden. Was in Madrid geschah, so die Einschätzung, paßt eher zu Eta: Der Anschlag fand kurz vor der Wahl statt, er traf außerdem die Hauptstadt, das Zentrum politischer Macht des Landes. Ungewöhnlich erscheint den deutschen Behörden allerdings, wie groß die Detonationen waren und daß Eta nicht telefonisch vor dem Attentat gewarnt hatte. Das hatte es zwar schon früher gegeben. 1987 aber, nachdem bei einem Anschlag auf einen Supermarkt 21 Menschen getötet worden waren, entschuldigte sich die Terrororganisation hinterher ausdrücklich für die ausgebliebene Warnung. Eine These dazu lautet, daß es womöglich einen Generationswechsel in der ohnehin geschwächten Organisation gegeben hat, der den Stil der Anschläge verändert.
Eines halten die hiesigen Behörden für unwahrscheinlich: daß Eta mit Al Qaida zusammengearbeitet hat. Bisher gibt es nur Hinweise darauf, daß Bin Ladins Netzwerk mit anderen islamischen Gruppen kooperiert. So hat sich seine Organisation offenbar in der Türkei mit lokalen Gruppen zusammengetan. Im Fall von Eta seien die Ziele aber zu verschiedenen, sagen deutsche Fachleute. Auch beim Personal seien bisher keine Berührungspunkte gefunden worden. In Afghanistan oder Tschetschenien sind noch keine Eta-Mitglieder gesehen worden. Die baskische Gruppe rekrutiere ihre Leute vornehmlich aus jungen Leuten von der Straße, oft Kleinkriminellen. Da scheint es wenig Ansätze für Verbindungen zu fanatischen Muslimen zu geben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. März 2004
Bildmaterial: AP
