02. Januar 2006 Der russische Energieversorger Gasprom hat nach Klagen west- und mitteleuropäischer Abnehmer über Lieferverluste zusätzlich Gas in Richtung Westen exportiert. Am Montag war über die
Pipelines durch die Ukraine in weiten Teilen Europas deutlich weniger russisches Gas als zugesichert angekommen, so auch in Deutschland. Es seien weitere 95 Millionen Kubikmeter in die ukrainischen Pipelines gepumpt worden, teilte der Gasprom-Sprecher Sergej Kuprijanow am Montag nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax mit. Die Menge solle jenes Gas ersetzen, daß die Ukraine nach Gaspom-Sicht illegal entwendet habe.
Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Polen und Frankreich verzeichneten im Tagesverlauf Einbußen von bis einem Drittel der vertraglich vereinbarten Gasmenge. Der vom Kreml kontrollierte Gasprom-Konzern hatte am Neujahrstag die für die Ukraine bestimmten Gasexporte eingestellt, weil das Nachbarland einem Neuvertrag mit drastisch erhöhten Bezugspreisen die Zustimmung verweigerte.
Ukraine: Wir stehlen kein Gas
Gasprom hatte der Ukraine zuvor vorgeworfen, seit dem Lieferstopp am Sonntag etwa 100 Millionen Kubikmeter Gas illegal abgezapft zu haben, das zur Durchleitung in EU-Staaten bestimmt war. Das Gas war nach Gasprom-Angaben allein für die Kunden in West- und Mitteleuropa vorgesehen. Die ukrainische Führung dementierte, russisches Gas gestohlen zu haben.
Kiew entnehme kein russisches Gas auf illegalem Weg, sagte der ukrainische Energieminister Iwan Platschkow am Montag. Man komme mit eigenen Reserven und Gas aus Turkmenien aus. Das Außenministerium warf Moskau Erpressung vor. Rußland wolle durch die Einstellung der Gaslieferung die Wirtschaft der Ukraine destabilisieren, teilte das Ministerium mit.
Folgen des Gasstreits erreichen Deutschland
Der größte deutsche Importeur von russischem Erdgas, das Unternehmen Wintershall, erklärte, die Liefermengen, die über die Pipelines durch die Ukraine in der Bundesrepublik einträfen, hätten sich spürbar verringert. Genaue Angaben zur Höhe des Rückgangs machte das Unternehmen allerdings nicht.
Die Versorgung der Haushalte und auch der Großabnehmer mit Erdgas sieht das Unternehmen dennoch nicht gefährdet. Bei uns kommen alle warm durch den Winter, sagte ein Sprecher in Kassel. Bis zum Frühjahr könnten die Einbußen durch die Nutzung anderer Importrouten und der Speicher ausgeglichen werden.
Der Mutterkonzern der Wintershall, BASF, rechnet angesichts des Gasstreits nicht mit Engpässen. Ein BASF-Sprecher. Er begründete das mit verschiedenen Gas-Importrouten über Weißrußland und Polen sowie dem Puffer eines großen Erdgasspeichers in Norddeutschland. Dieser allein stelle die Belieferung von zwei Millionen Haushalten für mehr als ein Jahr sicher.
Keine Vermittlerrolle für Deutschland
Die Regierung in Kiew hatte sich geweigert, eine Preiserhöhung von 50 auf 230 Dollar je 1000 Kubikmeter Erdgas zu akzeptieren. Gasprom hat seine Forderung mit dem international üblichen Preisniveau begründet. Die Ukraine vermutet indes eine Bestrafung für die pro-westliche Haltung der Regierung. Sie ist zwar prinzipiell mit einer Angleichung der Preise an das Weltmarktniveau einverstanden, fordert aber eine Übergangsphase.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Rußland und die Ukraine aufgefordert, ihren Gasstreit rasch beizulegen. Frau Merkel erwarte von beiden Ländern im Interesse der Versorgungssicherheit in Europa, eine vernünftige und schnelle Lösung, sagte ein Regierungssprecher am Montag in Berlin. Deutschland hat ein nachdrückliches Interesse, daß die Verhandlungen sobald wie möglich mit einem tragbaren Ergebnis abgeschlossen werden. Die Bundesregierung sei mit beiden Seiten im Gespräch, ohne dabei eine Vermittlerrolle einzunehmen oder anzustreben.
Seit der Nacht zum Montag kommt 25 bis 30 Prozent weniger Gas aus Rußland in Frankreich an als vertraglich vereinbart, teilte der Energieversorger Gaz de France in Paris mit. Italiens Versorger Eni verzeichnete dem Sender Sky Italia zufolge einen Rückgang um 24 Prozent.
Das ungarische Energieunternehmen MOL hatte bereits am Sonntag abend in Budapest mitgeteilt, die Lieferungen über Leitungen durch die Ukraine seien um ein Viertel zurückgegangen. Der österreichische Energieversorger OMV meldete einen Rückgang um ein Drittel. Auch Polen und die Slowakei registrierten einen Rückgang der russischen Gaslieferungen über die Ukraine.
Glos will Kohle und Atomkraft stärken
Wegen des russischen Gaslieferstopps plädierte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) für Energiequellen wie Steinkohle und Atomkraft. Die deutschen Kernkraftwerke seien von der rot-grünen Koalition aus politischen Gründen zum Abschalten verurteilt worden, sagte Glos am Montag im WDR. Angesichts des Gasstreits zwischen der Ukraine und Rußland mit Auswirkungen auch auf Deutschland müsse aber neu nachgedacht werden, was getan werden könne, um Deutschlands energiepolitische Abhängigkeit vom Ausland zu verringern.
Glos beteuerte, mit seiner Forderung keinen neuen Koalitionsstreit auslösen zu wollen. Doch die Nutzung der Kernenergie ist ein heißes Eisen in der Koalition von CDU/CSU und SPD: Bei den Koalitionsverhandlungen hatte die Union ihre angestrebte Verlängerung der Atomkraftwerks-Laufzeiten nicht durchsetzen können. Seither war die Debatte immer wieder aufgeflammt.
Glos sagte, daß die deutschen Haushalte sich zunächst keine Sorgen um ihre Gasversorgung machen müßten. Nur wenn längerfristig der Gashahn für den Westen abgedreht werde, könne sich das auch auf Deutschland auswirken. Der Minister mahnte Rußland, eine zuverlässige Versorgung sicherzustellen. Die Erdgasbezüge aus Rußland könnten nur dann wie geplant gesteigert werden, wenn wir wissen, daß die Lieferungen aus dem Osten zuverlässig sind.
Text: FAZ.NET
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