Von Thomas Scheen, Eldoret
14. Januar 2008 Der junge Mann kann den Blick nicht von dem Rollstuhl wenden. Wie ein Fanal ragen die verbogenen Räder und der verschmorte Rahmen aus dem Schutthaufen, der einmal eine Kirche war. In diesem Rollstuhl verbrannte seine Mutter, erzählt Steven Thyo unter Tränen. Die Querschnittgelähmte war eines der mindestens 35 Opfer, die in der Kirche von Kiambaa unweit der westkenianischen Stadt Eldoret bei lebendigem Leib verbrannt wurden.
Es war elf Uhr morgens am 31. Dezember, erzählt Steven, die ganze Nacht war es schon rundgegangen. Unsere Häuser brannten, und wir hatten uns in die Kirche geflüchtet, als sie kamen. Wer? Unsere Nachbarn, die uns töten wollten. Ob er sie erkannt habe? Erkannt? Steven lacht heiser auf. Das waren meine alten Schulkameraden, sie haben mich bei meinem Namen gerufen. 1200 Angreifer, so schätzt er, hatten die Kirche umzingelt. Sie trugen Panga-Messer, Macheten, Knüppel und Speere. Sie waren uns 10:1 überlegen, wir hatten keine Chance, sagt er. Sein Bruder, der sich vor der Kirche zu wehren versuchte, wurde geköpft. Schließlich drangen die Angreifer in die Kirche ein, übergossen Matratzen mit Benzin, zündeten sie an und verrammelten das überfüllte Gotteshaus von außen.
700 Tote zählte die Polizei im ganzen Land
Von allen ethnisch begründeten Grausamkeiten, die im Nachgang zu den umstrittenen Präsidenten- und Parlamentswahlen in Kenia begangen wurden, war die Brandschatzung der kleinen Kirche von Kiambaa bei Eldoret mit Sicherheit die abscheulichste. Die Opfer in Kiambaa waren samt und sonders Angehörige der Kikuyu-Ethnie von Präsident Mwai Kibaki, der sich nun nach einer gefälschten Wahl auf eine zweite Amtszeit einrichtet. Die Täter waren Kalenjin, eine Ethnie, die sich mit der des Oppositionspolitikers Raila Odinga, den Luo, gegen Kibaki und damit gegen die Kikuyus verbündet hat. Nach der Wahlfälschung entlud sich geballter Hass gegen die Kikuyus.
Odinga hatte zwar nach dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen seine Anhänger speziell in der Hauptstadt Nairobi von einem Genozid gesprochen. Aus der Sicht von Eldoret aber, der kleinen Industriestadt in den Bergen im Westen Kenias, waren Odingas Leute die Täter. Zwar hat es aufgrund einer brutalen Ethnisierung der Politik überall im Land Übergriffe der einen Ethnie auf die andere gegeben. In der Zentralregion gingen Kikuyus auf Luos los, in Mombasa Luos auf Kikuyus. Nirgends aber waren die Auseinandersetzungen so vehement wie im Rift Valley und nirgends so mörderisch wie in Eldoret. 700 Tote zählte die Polizei im ganzen Land. Die tatsächliche Zahl dürfte indes weitaus höher liegen. Hinter vorgehaltener Hand reden Rotkreuzhelfer alleine von 450 Toten in Eldoret. Nach vorsichtigen Schätzungen mussten inzwischen 250.000 Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ihre Dörfer verlassen, um dem Tod zu entgehen; die meisten davon in der Umgebung von Eldoret.
Es fehlt an Wasser, an Nahrung, an Zelten, an Decken
Joseph Kamande trägt einen staubgepuderten Anzug, ein verdrecktes Hemd und einen großen Zettel um den Hals, auf dem Kiambaa steht. Er ist einer der insgesamt 280 Kikuyus, die es lebend aus der Ortschaft geschafft haben und nun auf dem Gelände der Kathedrale von Eldoret hausen. Das sei der einzig sichere Ort, wenn es Nacht werde, sagt Kamande. Dabei herrschen dort unglaubliche Zustände. 9000 Menschen drängeln sich auf dem Rasen an der Kathedrale. Es gibt nicht genügend sanitäre Einrichtungen für die Menschen, der Rauch offener Feuer beißt in den Augen. Es fehlt an Wasser, an Nahrung, an Zelten, an Decken. Aber wir leben, sagt Kamande. Ob er geahnt habe, dass nach den Wahlen ein solcher Sturm losbrechen würde? Ich bin am Wahltag selbst bedroht worden, von meinem Nachbarn, einem Kalenjin, sagt er, aber ich habe ihm nicht geglaubt.
Schwere ethnische Auseinandersetzungen gehören im Vielvölkerstaat Kenia anscheinend zu jeder Wahl dazu, weil Kenianer niemals für ein politisches Programm, sondern immer nur nach ethnischer Zugehörigkeit abstimmen. Das war 1992 so, dann wieder 1997, erinnert sich Joseph Kamande. Aber dieses Mal war es organisiert, und dieses Mal wollten sie uns nicht nur vertreiben, sondern töten, glaubt er. Tatsächlich stimmen alle Aussagen dahin gehend überein, dass der Angriff auf die Kikuyu 20 Minuten nach Verkündung des offiziellen Endergebnisses am 30. Dezember begangen wurde, und zwar überall rund um Eldoret. Die hätten uns auch angegriffen, wenn Odinga gewonnen hätte, glaubt Kamande. Er konnte sich mit genau dem retten, was er am Leib trägt. Ich habe alles verloren, zehn Jahre Arbeit für nichts.
Was soll ich denn jetzt machen?
Was sich derzeit in Eldoret abspielt, das kannte man bislang nur aus Kongo oder Sudan, nicht aber aus Kenia: vollgepackte Flüchtlingslager, Hunger, Krankheiten. Neben den 9000 Menschen auf dem Grundstück der Kathedrale der Stadt leben weitere 35.000 Kikuyus in Burnt Forest, rund 40 Kilometer außerhalb der Stadt, weitere 15.000 haben Zuflucht im Stadion der Stadt gefunden. In Richtung ugandische Grenze sind mehr Lager zu finden, die von der Armee beschützt werden müssen. Die Vereinten Nationen reden mittlerweile von einer halben Million Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.
Einer der neuen Obdachlosen ist Saidi Macheria. 26 Jahre alt ist er, verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Er ist ein Kikuyu, seine Frau indes eine Kalenjin, und deshalb wurde er vertrieben, während sie und die Kinder bleiben mussten. Seine Schwiegereltern hätten das so befohlen, sagt er. Die seien es auch gewesen, die ihn unter Androhung von Gewalt aus dem Weiler nahe Eldoret verjagt hätten. Seinen Job als Lastwagenfahrer ist er auch los. Sein Chef, ein Kalenjin, will keine Kikuyus mehr. Was soll ich denn jetzt machen?, fragt Saidi.
Der abgrundtiefe Hass auf die größte Ethnie Kenias, nämlich die Kikuyus, hat mit der Geschichte Kenias zu tun. Die ersten, die sich gegen die britischen Kolonialherren erhoben, waren die Mau-Mau-Rebellen, die sich fast ausschließlich aus Kikuyus rekrutierten. Staatsgründer Jomo Kenyatta war ebenfalls ein Kikuyu. Als die Briten Kenia 1963 in die Unabhängigkeit entließen und dabei große Ländereien aufgaben, siedelten die Kikuyus wie selbstverständlich auf diesem Land. Das ist der Grund, warum sie überall im Land anzutreffen sind, auch in Eldoret, das alte Siedlungsgebiet der Kalenjin. Über die Jahrzehnte hat die Kikuyu-Elite zudem den gesamten Staatsapparat unter ihre Kontrolle gebracht und sich dabei schamlos bereichert. Da die Kikuyus als ebenso geschickte wie wagemutige Händler gelten, die dort, wo sie sich ansiedeln, schnell das lokale Wirtschaftsleben kontrollieren, ist ihnen seither der Neid der 41 anderen Ethnien gewiss. Der Luo Odinga hatte versprochen, die Herrschaft der Kikuyus zu beenden. Als dies nicht funktionierte, entlud sich jahrzehntelanger Hass in blutigen Kämpfen.
Wie die Tiere sind sie über uns hergefallen
Albert Wahome wartet geduldig in einer langen Schlange vor der zentralen Polizeistation von Eldoret. Er will seinen Verlust registrieren lassen in der Hoffnung, dass die Regierung ihm irgendwann einmal eine Entschädigung zahlt. Im Hof der Polizeistation, wo bis vor wenigen Tagen noch Flüchtlinge Schutz vor dem rasenden Mob der Kalenjin gesucht hatten, stehen Hunderte Männer mit dem gleichen Ansinnen. Albert besitzt ein Stück Land im Süden Eldorets, einer neuen Siedlung namens Kambitomas unmittelbar an der Überlandstraße nach Uganda.
Albert erzählt, er sei erst vor zwei Monaten mit seiner Frau und den vier Kindern aus Burnt Forest nach Kambitomas gezogen, weil er sich angesichts der steigenden Spannungen zwischen den Kikuyus und den Kalenjin in der Stadt sicherer fühlte. 100.000 Kenia-Shilling hat er für das Grundstück gezahlt, sagt er, und kramt ein Papier aus seinem dreckstarrenden Jackett hervor: die notarielle Beglaubigung des Kaufes. Albert dachte, dass er mit 45 Jahren endlich einen Platz gefunden habe, an dem er in Ruhe alt werden würde. Dann kamen seine Nachbarn, um den Kikuyu zu vertreiben.
Wo sein Haus einmal stand, ist nur noch am rußgeschwärzten Betonfundament auszumachen. Die kleinere Schreinerei ist ebenso niedergebrannt wie die Scheune, die drei Kühe gestohlen, das Maisfeld abgefackelt. Jedes dritte Haus in Kambitomas ist völlig zerstört. Jedes Kikuyu-Haus, präzisiert Albert, der nur nach langem Zögern bereit gewesen war, den Fremden zu seinem Grundstück zu führen. Alle haben sie mitgemacht, erzählt er, die Kalenjin, die Luhyas, die Luos, die Meru, selbst die Araber. Wie die Tiere sind sie über uns hergefallen.
Eine stabsmäßig organisierte Vertreibung
Auf dem Hang oberhalb von Alberts Grundstück sammeln sich derweil Jugendliche. Warriors, sagt Albert und wird sichtlich nervös. Die Handvoll Kikuyus, die sich mit Handkarren zurück nach Kambitomas getraut hatten, um zumindest ein paar Bretter zu retten, sucht eiligst das Weite. Ein Pfeil kommt angeflogen und prallt an der Windschutzscheibe ab. Dann noch einer. Offenbar erstaunt über die ausbleibende Wirkung ihrer Warnung, trollen sich die Gestalten den Hang herunter.
Sie sind mit Bogen, Keulen und Messern bewaffnet. Misstrauisch lassen sie sich auf ein Gespräch ein, einer immerhin grüßt den Kikuyu Albert freundlich. Haroun, wie sich ihr Anführer nennt, erzählt etwas von einer Schlägerei zwischen einem Kalenjin und einem Kikuyu als Initialzündung der Verwüstungen, ändert dann seine Meinung und berichtet von einer angeblichen Schießerei, bis er schließlich mit der Sprache herausrückt: Das hier ist politisch, sagt er und dabei sieht er aus, als sei er auch noch stolz auf sein Werk. Was hat der Kikuyu Albert ihm eigentlich getan, dass er ihm die Existenz vernichtet? Haroun zuckt mit den Achseln. Das ist unser Land, sagt er, die Kikuyus müssen gehen. Der Einwand, Albert habe das Grundstück von einem Kalenjin zu einem fairen Preis gekauft, interessiert Haroun nicht. Pech für ihn. Später wird Albert erzählen, dass er drei dieser Kerle regelmäßig in seiner Schreinerei beschäftigt hat.
Was sich in Eldoret zugetragen hat, war zwar kein Genozid, auch wenn es viele Tote gegeben hat. Es war vielmehr eine stabsplanmäßig organisierte Vertreibung einer Ethnie, also eine ethnische Säuberung. Es gibt kein Dorf, keinen Weiler und keine Siedlung in einem Umkreis von 80 Kilometer, in denen noch Kikuyus leben würden. Im Wahlkampf hat die Oppositionspartei Orange Democratic Movement (ODM) ständig von Majimbo gesprochen, womit eine föderale Organisation des kenianischen Staates gemeint ist. Dafür soll nunmehr anscheinend die ethnische Grundlage geschaffen werden. Damit hat der Konflikt eine Dimension erreicht, die geeignet ist, den Fortbestand Kenias als Nation in Frage zu stellen.
Eine Verhaftung würde in weiteren Massakern enden
Die Mörder aus Kimbaa waren nach allem, was man mittlerweile weiß, Mitglieder einer privaten, ethnischen Miliz, die wiederum von dem regionalen ODM-Parlamentsabgeordneten William Ruto finanziert und befehligt wird. Das alles ist kein Geheimnis, gleichwohl blieb der Kalenjin-Politiker bislang unbehelligt. Eine Verhaftung, so fürchtet die Polizei, würde in weiteren Massakern enden. Ruto lebt weiterhin in Eldoret in seiner großzügigen Residenz. Mit Journalisten will er indes nicht reden. Der Lakai an der Pforte richtet aus, der ehrenwerte Herr Ruto habe mit den Unruhen nichts zu tun und müsse sich deshalb auch nicht rechtfertigen.
Glaube es oder nicht: Ich habe diesen Typen gewählt, erzählt Steven Thyo, der den Fremden zu Rutos Haus begleitet hatte, um ihn zu fragen, warum seine gelähmte Mutter bei lebendigem Leib verbrennen musste. Unsere Eltern haben uns als Kenianer erzogen, nicht als Kikuyus. Das sei jetzt vorbei. Steven will warten, bis der einzige Überlebende seiner Familie, sein zweiter Bruder, sich von seinen schweren Verletzungen erholt, um dann mit ihm zusammen nach Naivasha in Zentralkenia zu ziehen; dorthin, wo die Kikuyus die Mehrheit stellen. Hier bleiben heißt, den Tod zu provozieren, glaubt Steven.
Nun soll auch Kofi Annan in Kenia vermitteln
Vermittlungstourismus in Kenia: Nach den gescheiterten Vermittlungsbemühungen des Vorsitzenden der Afrikanischen Union, des ghanaischen Präsidenten John Kufuor, soll nun Kofi Annan versuchen, einen Ausweg aus der politischen Krise in Kenia zu finden. Dem ehemaligen UN-Generalsekretär sollen dabei der ehemalige tansanische Präsident Benjamin Mkapa sowie die Ehefrau des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela, Grace Marchal, zur Seite gestellt werden.
Kufuor hatte nach drei Tagen ergebnisloser Bemühungen um eine Annäherung von Regierung und Opposition Kenia ebenso enttäuscht verlassen wie die Afrika-Beauftragte des amerikanischen Außenministeriums, Jendayi Frazer. Washington forderte sowohl die kenianische Regierung als auch die Opposition auf, die von beiden Seiten begangenen Wahlfälschungen zuzugeben sowie Gespräche ohne Vorbedingungen zwischen Präsident Mwai Kibaki und dem mutmaßlichen Gewinner der Wahl, dem Oppositionsführer Raila Odinga, damit der Wille des Volkes sich in einer entsprechenden Regierung manifestiert. Frazer warnte Kibaki davor, die schwere politische Krise einfach auszusitzen. Es werde kein Business as usual mit Amerika geben, wenn Kibaki sich nicht bewege, sagte Frazer.
Unterdessen rief das Oppositionsbündnis Orange Democratic Movement (ODM) von Odinga zu drei Tage dauernden landesweiten Protesten von kommenden Mittwoch an auf, um Kibaki zum Rücktritt zu zwingen. Kofi Annan, der nicht vor Dienstag in Nairobi erwartet wird, warnte bereits vor Aktionen, die nur dazu beitragen, die Fronten zu verhärten. (tos.)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa
