Honduras

„Kein Tag ohne Todesdrohung“

Angespannte Lage: Soldaten bewachen das Haus des Präsidenten in Tegucigalpa

Angespannte Lage: Soldaten bewachen das Haus des Präsidenten in Tegucigalpa

15. Juli 2009 Der honduranische Kardinal Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga wird wegen seiner Positionierung im Machtkampf in seinem Heimatland kritisiert. Vor allem linksorientierte lateinamerikanische Medien wettern gegen ihn: „Cardenal golpista“, den „Putsch-Kardinal“, nennen die staatlich kontrollierten Blätter aus Venezuela oder Kuba den Erzbischof von Tegucigalpa und Vorsitzende von Caritas Internationalis. Rodríguez wurde zum Feindbild sozialistischer Presseorgane, weil er im Namen der Bischofskonferenz den außer Landes gebrachten Präsidenten Manuel Zelaya vor einer Rückkehr nach Honduras gewarnt hatte, um weitere Gewalt zu verhindern. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt Rodríguez, warum sich die katholische Kirche gegen die international vorherrschende Meinung, die EU und die Regierung Obama stellt. Mit ihm sprach Daniel Deckers.

Kardinal Rodríguez, wie stellt sich die politische Lage in Honduras aus Sicht des Vorsitzenden der honduranischen Bischofskonferenz dar?

Sie müssen wissen, dass wir seit langem gegen eine sehr mächtige, weil mit viel Geld ausgestattete Kampagne ankämpfen, die von dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez gesteuert wird - bis dahin, dass Agenten des venezolanischen Geheimdienstes im Land aktiv sind und die angeblichen Volksproteste gegen die Absetzung von Präsident Manuel Zelaya organisieren. Es sind auch Waffen ins Land gebracht worden - Gott sei Dank ist es bisher nicht zu größerem Blutvergießen gekommen. Aber es vergeht kein Tag, an dem man mich nicht mit dem Tode bedroht.

Warum?

Ein Mann des offenen Wortes: Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga

Ein Mann des offenen Wortes: Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga

Weil die katholische Kirche des Landes hohe moralische Autorität genießt, aber geschlossen dagegen zur Wehr setzt, dass sich wieder einmal fremde Kräfte dieses Landes bemächtigen wollen, diesmal um es zu „bolivarisieren“. Gegen die Kirche arbeiten die Agenten schon jetzt mit den gleichen Methoden, wie wir sie aus Venezuela kennen. Am vergangenen Sonntag konnte in keiner der drei Kirchen in der Innenstadt von Tegucigalpa die Heilige Messe gefeiert werden, weil Banden die Kirchen verwüstet hatten und die Gläubigen bedrohten.

Ihre Interpretation der jüngsten Ereignisse deckt sich nicht mit der weltweit vorherrschenden Darstellung, Präsident Zelaya sei mittels eines Militärputsches abgesetzt worden.

Es ist absurd, die Absetzung Zelayas mit den vielen Staatsstreichen in der Geschichte Lateinamerikas zu vergleichen, in denen sich das Militär an die Macht putschte. Hier gibt es keinen einzigen Militärangehörigen, der in irgendeiner Weise der Regierung angehörte.

Wie erklären Sie sich, dass sich die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), die Regierung Obama sowie alle Staaten der Europäischen Union nach der Absetzung Zelayas hinter den honduranischen Präsidenten stellten?

Wie die meisten Honduraner halte ich diese Reaktion nicht nur für politisch falsch. Die OAS hat sich damit in den Augen meines Volkes völlig diskreditiert, oder besser gesagt, diskreditieren lassen. Und zwar von den gleichen Präsidenten, die noch vor zwei Monaten mit dem Argument für die Auflösung der OAS plädiert hatten, die Organisation sei überflüssig. Jetzt halten Chávez, Correa, Morales und Ortega die OAS für befugt, Zelaya die Rückkehr in das Präsidentenamt zu bahnen.

An den Häuserwänden von Tegucigalpa wird Rodriguez als “Putsch-Kardinal“ geschmäht

An den Häuserwänden von Tegucigalpa wird Rodriguez als "Putsch-Kardinal" geschmäht

Aus Sicht der Vereinigten Staaten galt Honduras bis vor wenigen Jahren als Musterknabe im Hinterhof. Jedenfalls passierte an der Spitze des Staates kaum etwas gegen den Willen der Regierung der Vereinigten Staaten und allmächtiger Unternehmen wie der „United Fruit Company“. Warum hat sich die amerikanische Regierung in trauter Eintracht mit Chávez und seinen Gefolgsleuten öffentlich hinter Zelaya gestellt?

Das würden viele Honduraner gerne wissen. Aber niemand kann es uns erklären.

Ins Exil gezwungen: Präsident Manuel Zelaya

Ins Exil gezwungen: Präsident Manuel Zelaya

Befürchten Sie eine Militärintervention von nicaraguanischem Territorium aus, oder sind entsprechende Andeutungen des venezolanischen Präsidenten Chávez nur Säbelgerassel?

Es vergeht kein Tag, an dem die venezolanische Regierung nicht solche Andeutungen im Fernsehen, im Radio und im Internet verbreitet. Hier in Zentralamerika ist die Erinnerung an die siebziger und achtziger Jahre noch sehr lebendig: Bürgerkriege, Guerrilla-Kämpfe, hunderttausende Tote. Honduras wurde Gott sei Dank von direkten Kämpfen verschont, aber wir haben viele Flüchtlinge aus den Nachbarländern aufgenommen, vor allem aus Nicaragua und Guatemala. Diese Zeiten dürfen nicht wiederkommen. Alle Länder sind noch immer arm, und Frieden ist eine der Bedingungen, dass wir die Spirale von Armut und Instabilität durchbrechen.

Das vollständige Gespräch mit Kardinal Rodriguez lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Juli 2009 auf Seite 2.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP

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