07. Oktober 2005 Nach dem Tod von sechs Afrikanern an der spanisch-marokkanischen Grenze in Melilla ist in der Nacht zum Freitag zum ersten Mal in dieser Woche der Ansturm illegaler Einwanderer auf die nordafrikanische Stadt ausgeblieben. In dem mit 1700 Menschen überfüllten Auffanglager wuchs derweil die Spannung, nachdem die spanische Regierung ihre Ankündigung wahrgemacht und am Donnerstag abend bei der ersten Deportation nach Marokko 73 überwiegend aus Mali stammende und am Morgen in Melilla eingedrungene junge Männer nach Tanger transportieren ließ.
Vertreter von Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Vereinbarungen zwischen Madrid und Rabat über die Rückführung von illegalen Flüchtlingen, die dann von Marokko in entlegenen Gegenden ohne Hilfe über die algerische Grenze abgeschoben würden, als Unterschrift unter ein Todesurteil. Nach Informationen von Ärzte ohne Grenzen deportiert Marokko afrikanische Flüchtlinge schon seit Tagen in die Sahara. Amnesty International sprach von einem fatalen Signal. Marokkanische Behördenvertreter sagten, für die Abgeschobenen werde gesorgt und ihre medizinische Betreuung sei sichergestellt.
Ungewöhnliche Aggressivität der Angreifer
Die marokkanische Regierung rechtfertigte derweil den Einsatz von Schußwaffen gegen die mehr als tausend am Donnerstag vormittag auf die Grenzbefestigungen gestürmten Afrikaner mit dem Hinweis auf die Gewalttätigkeit der Angreifer. Die Sicherheitskräfte hätten sich unter anderem in ihren Wachtürmen gegen die ungewöhnliche Aggressivität der verzweifelten Flüchtlinge zur Wehr setzen müssen. Sechs Männer seien entweder erschossen oder von eigenen Gefährten bei dem Versuch totgetrampelt worden, mit Leitern den Sperrzaun zu erreichen.
Die Zahl der Todesopfer in Melilla, wo am 28. September ebenfalls auf der marokkanischen Seite der erste Afrikaner umkam, erhöhte sich damit auf nun neun. In Ceuta, der zweiten spanischen Exklave in Nordafrika, waren am 29. September auf beiden Seiten insgesamt fünf weitere illegale Flüchtlinge durch Schußverletzungen umgekommen oder niedergetrampelt worden.
Ein Stahl-und Kabel-Labyrinth soll entstehen
Die spanische Regierung beschloß als zusätzliche Sofortmaßnahmen zum Schutz der Grenze und zur Versorgung der Afrikaner in den Auffanglagern von Ceuta und Melilla, 28 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Der größte Teil davon dürfte für den Bau eines dritten Zaunes ausgegeben werden, der als breites Stahl-und-Kabel-Labyrinth mit neuen Alarmanlagen schwieriger zu überwinden, aber ohne Stacheldraht weniger verletzungsgefährlich sein soll. Es sollen auch Mittel für die Integration der Illegalen am Ort bereitgestellt werden. Unklar blieb am Freitag, wie und in welchem Umfang die Deportationen fortgesetzt werden sollen.
Die Lagerinsassen in Melilla hatten gemischte Signale erhalten, weil gleichzeitig mit dem Rücktransport der Afrikaner aus Mali eine zweite Gruppe, die sich schon länger in der Stadt aufhielt, auf das spanische Festland gebracht wurde. In Behörden in Melilla und Ceuta hieß es, daß die Abschiebungen vor allem den noch immer erwarteten Versuchen weiterer Flüchtlinge gelten würden, in die Städte zu gelangen. Am Freitag wurde derweil an der andalusischen Küste ein Boot mit mehr als fünfzig illegalen Marokkanern abgefangen. Sie sollten nach Angaben der spanischen Behörden unverzüglich in ihre Heimat zurückgeschickt werden.
Text: F.A.Z., 07.10.2005, Nr. 233 / Seite 1; FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: AP, dpa, Reuters