Von Michael Borgstede, Mizpe Hila/Tel Aviv
02. Juli 2006 Gegen Mittag kommt ein Mann durch den Vorgarten. Auf halbem Weg bleibt er kurz stehen, wirft einen Blick auf die wartenden Journalisten mit ihren Kameras und Mikrofonen, dann geht er weiter. Sein Gang hat etwas gewollt Festes - und auch Noam Shalits erste Worte klingen sehr kontrolliert. Seine Angst, seine Verzweiflung versteckt er hinter einer tiefschwarzen Sonnenbrille, die wie ein Schutzschild auf seinem ungebräunten Gesicht liegt. Wenn Noam Shalits Rede stockt, wenn er schluckt und ihm die Stimme erstickt, dann kann man die Tränen nur erahnen, die ihm jetzt wohl in den Augen stehen. Er habe volles Vertrauen zur israelischen Regierung, sagt der Vater des nach Gaza entführten Soldaten auf hebräisch. Die Armeeführung habe ihm versichert, alles zu tun, um weitere Opfer auf beiden Seiten zu verhindern, sagt er weiter. In die Diskussion um einen möglichen Gefangenenaustausch wolle er sich nicht einmischen. Solche Fragen überlasse er der Regierung.
Dann wendet Shalit sich den ausländischen Pressevertretern zu. Auf englisch fordert er die Entführer auf, zumindest ein Lebenszeichen seines Sohnes Gilad zu geben. Die Ungewißheit sei das Schlimmste, sagt er und schluckt. Die zahllosen Fragen, die nun auf ihn niederprasseln, beantwortet er nicht. Bis auf eine: Wie werden Sie mit der Situation fertig? möchte eine Journalistin wissen. Noam Shalit hebt den Kopf, scheint sie durch die schwarzen Gläser seiner Brille zu fixieren und sagt: Wir werden nicht mit der Situation fertig. Dann dreht er sich um, marschiert durch den Garten zurück in sein Haus. Über dem roten Giebeldach flattert eine israelische Fahne im Wind.
Bringt Gilad nach Hause
Gilad Shalit, 19 Jahre jung, bleibt verschwunden, und ein ganzes Land zittert in Sorge um den entführten Soldaten. Die Zeitungen kennen seit Tagen kein anderes Thema mehr: Saving Corporal Shalit titelte das Massenblatt Jedioth Achronoth am Donnerstag in Anlehnung an Steven Spielbergs Film Saving Private Ryan. Einen Tag zuvor brachte das Blatt ein doppelseitiges Foto des Soldaten mit der Überschrift: Bringt Gilad nach Hause. Woran liegt es, daß der entführte Gilad Shalit ganz Israel in Aufruhr versetzt?
Es gehört zu den Grundregeln der israelischen Armee, niemals einen verwundeten oder gefallenen Soldaten im Feld zurückzulassen. Schon in der Grundausbildung wird geübt, einen Verletzten auf einer Trage mehrere Kilometer durch die Hitze zu schleppen. Die Armee macht das besonders erpreßbar. Fast 5000 palästinensische Häftlinge mußte Israel 1983 im Tausch für sechs von der Fatah entführte Soldaten freilassen.
Die Freiheit des von der Hizbullah entführten Zivilisten Tennenboim sowie die Auslieferung der Leichen von drei getöteten israelischen Soldaten bezahlte der jüdische Staat vor zwei Jahren immerhin noch mit 450 Gefangenen und den sterblichen Überresten von 59 Hizbullah-Kämpfern. Jetzt fordern die Entführer tausend palästinensische Häftlinge für die Freiheit eines Israelis. Wie kommt es zu dieser Unverhältnismäßigkeit? Und was bringt die Israelis dazu, wegen eines entführten Soldaten 700.000 Palästinenser im Gazastreifen ins Dunkel zu bombardieren?
Die Armee, das sind wir alle
Joni Meller, der als Berufssoldat täglich Uniform trägt, muß nicht lange über eine Antwort nachdenken: Die Armee, das sind wir alle, das ganze Volk, sagt er. Deshalb ist ein entführter Soldat wie ein verlorener Sohn der Nation. Jeder Israeli denke jetzt, es könnte auch sein Sohn sein. Tatsächlich ist die Armee in Israel allgegenwärtig - so sehr, daß es den Israelis längst nicht mehr auffällt. Besucher, die zum ersten Mal nach Israel kommen, seien oft überrascht über die Militärpräsenz überall im Lande, sagt Joni Meller. Wir seien eine militaristische Gesellschaft, bekomme er dann zu hören.
Joni versteht gar nicht, was das heißen soll. Ist es militaristisch, daß McDonald's ein spezielles Soldatenmenü anbietet? wundert er sich. Oder daß man in den Klamottenläden junge Frauen sieht, die über den möglichst tief sitzenden Uniformhosen schnell ein Spaghetti-Top fürs Wochenende anprobieren? Ist es militaristisch, daß die Firma Tnuva am Hauptbahnhof einen kleinen Wagen eingerichtet hat, in dem sie Soldaten ihre Produkte verbilligt anbietet?
Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Soldaten in Israel in Sekundenschnelle in normale Teenager verwandeln können, kann durchaus verwirren. Ein europäischer Musikprofessor traute seinen Augen nicht, als während eines Meisterkurses ein uniformierter junger Mann das Maschinengewehr in die Ecke stellte, die Blockflöte auspackte und wunderbar sensibel eine Händel-Sonate blies.
Der letzte große Konsens
Die Soldaten sind allgegenwärtig. Und das Land ist so klein, daß sie nach dem Dienst oft zur Familie fahren können. Front und Heimat sind nicht auseinanderzuhalten. Männer werden in Israel für ganze drei Jahre zum Militär eingezogen, Frauen leisten ein Jahr weniger. Die Möglichkeit zur Verweigerung gibt es nicht. Wer den Militärdienst trotzdem umgehen will, muß schon als ultraorthodoxer Jude in einer Religionsschule eingeschrieben sein oder sich beim Eignungstest mentale Schwierigkeiten diagnostizieren lassen. Das kommt in den vergangenen Jahren immer häufiger vor, auch gibt es mittlerweile Verweigerer, die lieber ins Gefängnis gehen, als sich an der Besetzung der Palästinensergebiete zu beteiligen.
Dennoch ist die Notwendigkeit des Militärdienstes vielleicht der letzte große Konsens innerhalb der israelischen Gesellschaft. Mehr als 70 Prozent der Israelis sind davon überzeugt, ihr Staat kämpfe letztlich noch immer um sein Überleben. Als nach dem Attentat auf ein Hotel in Netanja am Pessachfest 2002 die Armee einen Teil ihrer Reservisten mobilisierte, folgten deshalb 95 Prozent dem Ruf an die Waffe. Sie nahmen finanzielle Einbußen im Beruf in Kauf und ließen ihre ängstlichen Frauen und Kinder daheim zurück.
Neben dem stehenden Heer von 140.000 Mann machen die mehr als 400.000 Reservisten die eigentliche Stärke der israelischen Armee aus. Sie können im Notfall innerhalb weniger Tage mobilisiert werden. Bis zum vierzigsten Lebensjahr leisten Männer jedes Jahr zwischen vier und sechs Wochen Militärdienst. Igal Yadin, der Armeechef und Archäologe, hat einmal gesagt, jeder israelische Bürger sei ein Soldat mit elf Monaten Urlaub pro Jahr. Treffender läßt sich die Idee einer Armee des Volkes nicht umschreiben.
Relikte der einst so egalitären Gesellschaft
So ist es zu erklären, daß die Israelis schon in Kindergarten und Grundschule mit der Armee in Berührung kommen. Zu den jüdischen Feiertagen packen die Kleinen Überraschungspakete für Soldaten, die den Feiertag fern ihrer Familien an der Front begehen müssen, am Heldengedenktag gibt es eine kleine Gedenkstunde. Und immer wieder wird auch jüdische Geschichte unterrichtet - ein selten fröhliches Fach, in dem durch die Erinnerung an die Leiden in der Diaspora der Grundstein für jene jüdisch-israelische Solidarität gelegt wird, wie sie sich zum Beispiel in Entführungsfällen zeigt.
Im Alter von 16 Jahren geht's auf Schnupperfahrt ins Militärlager - auch, um sich über die verschiedenen Möglichkeiten zu informieren, seinen Dienst zu leisten. Denn der Armeedienst ist nicht nur Pflicht - er birgt auch Chancen. In einem Land, in dem die Studiengebühren längst nicht für alle zu bezahlen sind, bietet das Militär eine gute und kostenlose Ausbildung. Zwar müssen sich die jungen Leute als Gegenleistung für eine bestimmte Anzahl Jahre verpflichten - doch hinterher bleibt immer noch Zeit, um in der freien Wirtschaft ordentlich Geld zu machen. Alljährlich entläßt die Armee Hunderte Chemiker, Physiker, Softwareentwickler und Piloten, das Armeeradio gilt als die beste Journalistenschule des Landes. Gerade bei Minderheiten wie Beduinen oder äthiopischen Neueinwanderern beginnt ein sozialer Aufstieg nicht selten beim Militär.
Und wenn es irgendwo noch Relikte der einst so egalitären israelischen Gesellschaft gibt, dann bei der Armee. Dort kann es vorkommen, daß ein Busfahrer einen Rechtsanwalt kommandiert und der Chef einer erfolgreichen Softwarefirma im Panzer den Navigator für seinen Assistenten macht. Dort entstehen oft Freundschaften fürs Leben. Nach drei Tagen ohne Frischluft im Panzer, ungeduscht und stinkend, hat man keine Geheimnisse mehr, sagt Amir, der seinen Militärdienst bei der Eliteeinheit Golani geleistet hat. Für meine Kameraden würde ich alles tun. Nach einer kurzen Denkpause fügt er hinzu: Sogar tausend Terroristen würde ich freilassen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.07.2006, Nr. 26 / Seite 2
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