China und die Kirche

Kleine Kriegserklärung

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom

18. Mai 2006 Die beiden ältesten, ununterbrochen bestehenden Kulturen der Menschheit liegen miteinander im Streit. Die römisch-katholische Kirche, die größte Glaubensgemeinschaft der Christenheit mit mehr als einer Milliarde Mitgliedern, und China mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Vor ungefähr zwei Wochen ließ Papst Benedikt XVI. fast kampfeslustig den Vatikansprecher Navarro-Valls eine offizielle Erklärung abgeben, in welcher der Staats- und Parteiführung in Peking das „tiefe Mißfallen des Heiligen Vaters“ unverhohlen ausgesprochen wurde. Dazu läßt sich der Vatikan gewöhnlich nur bei Krieg und Verbrechen gegen die Menschheit hinreißen.

Anlaß für die kleine Kriegserklärung war, daß im kommunistischen China zwei Priester zu Bischöfen geweiht worden waren, „ohne die notwendige Gemeinschaft mit dem Papst zu respektieren“, wie es hieß, „ohne den Auftrag und die Zustimmung des Papstes“. Der Vatikan wußte es auch ganz genau, zu genau für den Geschmack der chinesischen Diplomaten in Rom: die Priester Giuseppe Ma Yinglin und Giuseppe Liu Xinhong am Sonntag, dem 30. April, in Kunming (Provinz Yunnan) und am Mittwoch, 3. Mai, in Wuhu (Provinz Anhui). Der Vatikan hatte ungewöhnlich schnell, nur einen Tag später, reagiert, war also vorbereitet.

Weit mehr als eine innerkirchliche Querele

Eine „illegitime“, nicht „ungültige“, Bischofsweihe - das erscheint auf den ersten Blick wie eine innerkirchliche Querele, ein leichtfertiges oder absichtliches Übertreten kirchenrechtlicher Normen, des Kanons 1382 des Kodex, ein kleiner Verstoß gegen die Einheit der Kirche, aber nicht mehr. Dann könnte die Pekinger Führung leicht zur Tagesordnung übergehen und weiter wähnen, daß sie Herr im eigenen Haus sei. Aber es ist weit mehr. Es betrifft nicht nur China, sondern auch andere Weltgegenden. Hier ist nicht nur ein wunder Punkt der päpstlichen, römisch-kirchenrechtlichen Kompetenz berührt, sondern ein weltpolitischer Streit um die Freiheit der Kirche und die Würde des Menschen offengelegt.

Denn der Theologe auf dem Papstthron zieht seine Anklage weit über den Binnenraum der Kirche hinaus. Nicht ein Kirchenparagraph steht zur Debatte, sondern, wie es für China heißt, daß „Bischöfe und Priester starken Pressionen und Drohungen unterworfen wurden, um an diesen Bischofsweihen teilzunehmen, gegen ihr Gewissen“. Einige hätten, so heißt es weiter, diesen Drohungen widerstanden, andere hätten sich „mit innerem Leid“ gefügt und seien in ihrem Gewissen „verletzt“.

Vielleicht kümmert das die Parteiführer in Peking nicht. Aber das bedeutete, daß sie nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind und die Entwicklung der Menschenrechte seit gut einem halben Jahrhundert nicht wahrhaben oder verdrängen wollen. Nach 1949 konnten die Machthaber unter Mao die Christen auf dem chinesischen Festland ohne große internationale Anteilnahme verfolgen und schikanieren. Damit schufen sie jedoch auch Märtyrer für künftige Gläubige. Denn trotz aller Behinderungen gibt es immer noch zehn bis 30 Millionen Christen in der Volksrepublik.

Kirche als Anwalt der Menschenrechte

Das „Päpstliche Jahrbuch“ verzeichnet Jahr für Jahr alle kirchlichen Bistümer und Provinzen, die seit 430 Jahren (so Macau), vor allem jedoch im 20. Jahrhundert vor dem kommunistischen Regime, errichtet wurden und nur der „Auffüllung“ harren. Die Unterdrückung von Minderheiten und die Verletzung von Menschenrechten ist seit den Erklärungen der Vereinten Nationen nicht mehr „Privatsache“ eines Staates, sondern eine internationale Angelegenheit.

Zudem haben sich die chinesischen Kommunisten einen denkbar ungünstigen Partner für ihren Kulturkampf ausgesucht. Denn der „Heilige Stuhl“, der kleine Vatikanstaat als Regierungszentrale der katholischen Kirche, repräsentiert nicht eine kleine Sekte. Er ist vielmehr ein von fast allen Staaten anerkanntes Völkerrechtssubjekt, dem dadurch - das ist das Besondere - das Recht gegeben wird, die Interessen der Katholiken zu vertreten und sich dabei auch „in die inneren Angelegenheiten“ dieser Staaten „einzumischen“.

So werden Religions- und Gewissensfreiheit international beachtetes und einklagbares Recht. Die Kirche wurde zum Anwalt der Menschenrechte, nicht aus Gnade der Staaten, sondern wegen der Einsicht „des Staates“, daß nicht alles vom Menschen ihm gehört. Diese Einsicht hat sich in China noch nicht durchgesetzt.

Diktatur über das Gewissen

Deshalb hielt sich der päpstliche Protest auch nicht lange auf mit der seit Jahrzehnten geläufigen, doch immer weniger tauglichen Unterscheidung zwischen einer katholischen „Patriotischen Kirche“, die von den Behörden gelenkt wird, und einer im Untergrund. Die erste ist nach vielen Zeugnissen viel weniger „patriotisch“, als es die Kommunisten gern hätten, die zweite lebt gar nicht so versteckt wie anzunehmen war.

Die Religion hat sich auch in China als stärker erwiesen als die Ideologie. Die „Erklärung“ berührt auch nicht das „Problem Taiwan“, die Inselrepublik, die sich an internationale Standards hält und den Christen ihre Freiheit gewährt. Denn es wäre das erste Mal, daß die vatikanische Diplomatie einen solchen Knoten nicht fein auflösen könnte. Das Regime in Peking schiebt nach römischer Ansicht diese innerchinesische Auseinandersetzung vor, um eine Diktatur über Gewissen ausüben zu können, die ihm nicht zusteht.

Etwas Ähnliches hat freilich auch die katholische Kirchenführung in China lernen müssen. Man feiert jetzt den 500. Geburtstag des Jesuiten-Missionars Franz Xaver, der als erster in der Neuzeit die christliche Botschaft nach China bringen wollte, der jedoch 1552 vor dem ihm verschlossenen Festland starb.

Kampf um den Menschen

Immer wieder gedenkt der Priesterorden der „Gesellschaft Jesu“ auch seiner „Mandarine“, des Italieners Matteo Ricci, des Deutschen Adam Schall, die in Peking eine Synthese zwischen chinesischer Kultur und christlichem Glauben versuchten, etwa bei der Verehrung der Ahnen oder der Anbahnung einer Hochzeit zwischen dem Kaiser und einer päpstlichen Nichte. Ihre „Akkomodation“ und „Inkulturation“ stießen in Rom (und bei den europäischen Kolonialmächten) auf Widerstand. Sie wurden erst vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) und Johannes Paul II. (1981) gebilligt und gepriesen.

Auch andere Orden, Benediktiner, Salesianer oder „Steyler“, haben im 20. Jahrhundert an Universitäten in China gewirkt, nicht zum Schaden der Chinesen. Jetzt muß nur die kommunistische Führung einsehen, daß es nicht ein Streit von Kulturen oder Ideologien ist, sondern ein Kampf um den Menschen. Der Vatikan bietet dafür im Schlußsatz „seine Bereitschaft zu einem ehrenhaften und konstruktiven Dialog“ an. Allerdings ohne illegitime Bischofsweihen.



Text: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 12
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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