05. Februar 2006 Libanesische Demonstranten haben am Sonntag das dänische Konsulat in Beirut in Brand gesetzt. Rund 20.000 Menschen protestierten in der libanesischen Hauptstadt gegen die in Europa veröffentlichten Mohammed-Karikaturen. Die Armee hinderte sie mit Tränengas, Wasserwerfern und Warnschüssen daran, in Richtung der dänischen Botschaft im Osten der Stadt vorzudringen.
Die Demonstranten bewarfen die Polizisten mit Steinen und skandierten: Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet. Mindestens 28 Menschen wurden verletzt und wegen Rauchvergiftungen und Knochenbrüchen behandelt.
Schon am Vortag waren mehrfach europäische Vertretungen im Nahen Osten wegen des schwelenden Karikaturenstreits attackiert worden. Syrische Demonstranten griffen am Samstag die norwegische und die dänische Botschaft in Damaskus an und steckten sie in Brand. Laut Augenzeugenberichten durchbrachen die Demonstranten die Polizeiabsperrungen, stürmten das Gebäude, warfen Möbel und Akten aus den Fesntern und legten Feuer.
Zusammenstöße mit der Polizei
Vor den Vertretungen kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, die das Gebäude schützen sollte. Demonstranten warfen Steine, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Aus dem dreistöckigen Haus, in dem sich neben Dänemarks auch Schwedens und Chiles Botschaft befinden, drang dicker schwarzer Qualm. Feuerwehr- und Rettungswagen umringten das Gebäude, Berichte über Verletzungen lagen zunächst jedoch nicht vor. Einige Demonstranten rissen die dänische Flagge herunter und ersetzten sie durch eine grüne mit der Aufschrift: Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.
Die Außenministerien in Kopenhagen und Oslo forderten ihre Staatsbürger dringend auf, Syrien zu verlassen. Sie seien dort nicht mehr sicher.
Iran kündigt Wirtschaftssanktionen an
Auch von offizieller Seite gab es am Samstag neue Reaktionen. Wie die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna meldete, will Iran die Wirtschaftsverträge mit jenen Ländern, in denen die Zeichnungen erschienen sind, kündigen. Irans Präsident Ahmadineschad habe gesagt: Man muß die Wirtschaftsverträge mit dem Land überprüfen und annullieren, das mit diesem abscheulichen Akt begonnen hat, und mit den Ländern, die ihm gefolgt sind.
Die Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen beweisen seiner Ansicht nach die Vermessenheit und Unhöflichkeit westlicher Zeitungen. Er habe für die Umsetzung der Maßnahmen ein Gremium gegründet, das aus ranghohen Beamten von Außen-, Industrie-, Öl- und Handelsministerium besteht.
Deutsche Vertretung in Gaza-Stadt attackiert
Am Vormittag hatten bereits mehrere hundert wütende Palästinenser die deutsche Vertretung in der Stadt Gaza attackiert. Das Büro war jedoch zur Zeit des Angriffs geschlossen. Augenzeugen berichteten, junge Männer und Schüler hätten das Gebäude mit Steinen beworfen und Mobiliar außerhalb des Büros verwüstet. Die Randalierer sagten, sie wollten gegen eine Beleidigung des Propheten Mohammed protestieren, nachdem die Karikaturen auch in deutschen Zeitungen veröffentlicht worden waren.
Militante Palästinenser haben zudem zwei Ausländer verschleppt. Die Entführung eines dritten Mannes wurde bisher nicht bestätigt. Ob die Entführung mit dem Karikaturenstreit in Zusammenhang stehen, ist bisher unklar. Allerdings war in den vergangenen Tagen wegen des inzwischen internationalen Streits gezielt nach Ausländern gesucht worden.
Sprecher einer angeblich mit Al Qaida verbundenen Terrorgruppe sowie der libanesischen Hizbullah hatten schon am Freitag mit Selbstmordattentaten in Kopenhagen und einem blutigen Krieg gedroht. Ein einflußreicher und als gemäßigt geltender Imam, Scheich Mohammed al Sherief, sagte in Kairo, er habe keinen Zweifel, daß es in der dänischen Hauptstadt wie schon in New York, London und Madrid Selbstmordanschläge geben werde, falls sich der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen nicht deutlich entschuldige und die Schuldigen bestraft würden. Damit meint er vermutlich Journalisten der Zeitung Jyllands-Posten sowie die Zeichner der zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed. Die Künstler stehen nach Todesdrohungen unter Polizeischutz.
Keine Entschuldigung der dänischen Regierung
Rasmussen hatte zuvor in Kopenhagen vor einer weiteren Eskalation des Streits gewarnt. Er sagte in Kopenhagen: Wir haben es mit einem Problem zu tun, das erhebliche Teile der Welt umfaßt. Wenn die Proteste auf den Straßen weiter eskalieren, können wir vor unüberschaubaren Konsequenzen in allen berührten Ländern stehen.
Rasmussen war am Vormittag mit 71 Botschaftern des diplomatischen Korps zusammengetroffen, um über eine Strategie in dem Streit zu beraten. Bei dem Treffen habe die Regierung abermals alle die Religionen herabwürdigenden Akte verurteilt, gleichzeitig aber eine Einschränkung der Meinungsfreiheit abgelehnt, sagte Außenminister Per Stig Møller. Die dänische Regierung habe nicht die Absicht, sich für die Veröffentlichung der Karikaturen formell zu entschuldigen, bekräftigte Møller am Freitag gegenüber der Zeitung Jyllands-Posten. Dänemark sei eine tolerante Gesellschaft, in der gegenseitiger Respekt gepflegt werde.
Haben nicht die Absicht, Muslime zu beleidigen
Rasmussen hatte sich schon am Donnerstag abend über den Fernsehsender Al Arabija direkt an die Bevölkerung islamischer Länder gewandt. In einem Interview sagte er: Ich habe eine sehr wichtige Botschaft an Sie: Das dänische Volk hat die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit über Generationen verteidigt. Wir respektieren zutiefst alle Religionen einschließlich des Islams. Für mich ist es wichtig, Ihnen zu sagen, daß die Menschen in Dänemark nicht die Absicht haben, Muslime zu beleidigen. Er sei äußerst bestürzt darüber, daß viele Muslime, die vor vier Monaten veröffentlichten Zeichnungen als Beleidigung des Propheten Mohammed angesehen hätten, erklärte Rasmussen weiter. Er hoffe, daß die Entschuldigung durch die Zeitung für die Beleidigung religiöser Gefühle helfe, die derzeitige Eskalation zu bremsen.
Weder seine Regierung noch die Bevölkerung in Dänemark könnten aber verantwortlich gemacht werden, für das, was in den freien Medien veröffentlicht werde. Auslöser des Streits sind zwölf Karikaturen, die Jyllands-Posten Ende September unter der Überschrift Die Gesichter Mohammeds veröffentlicht hatte. In vielen muslimischen Ländern wurden die Zeichnungen als Provokation aufgefaßt. (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Karikaturenstreit)
Organisierte Strategie gegen Muslime
Dort gingen die Proteste auch am Freitag unvermindert weiter. Hunderttausende demonstrierten in Iran nach dem Freitagsgebet gegen die Veröffentlichungen. Der frühere iranische Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani warf dem Westen eine organisierte Strategie gegen Muslime vor.
In der indonesischen Hauptstadt Jakarta versuchten Hunderte radikaler Muslime die dänische Botschaft zu stürmen. Am palästinensisch-ägyptischen Grenzübergang wurden sicherheitshalber dänische und französische EU-Beobachter abgezogen, nachdem Bürger der beiden Länder von militanten Palästinensern bedroht worden waren. Es kam zu wütenden Protesten, muslimische Gruppen riefen zum Boykott dänischer Produkte auf. (Siehe auch: Karikaturenstreit: Radikale Muslime drohen Europäern)
Libération druckt Karikaturen
Nach dem französischen Boulevardblatt France Soir hat am Freitag auch die linksliberale Pariser Libération zwei der umstrittenen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt. Die Zeitung begründete das am Freitag damit, die Pressefreiheit verteidigen und den Streit über die Karikaturen erklären zu wollen.
Die spanische Zeitung El Mundo kritisierte die ihrer Ansicht nach zu verständnisvollen Reaktionen auf die Proteste in der arabischen Welt. Es werde zu bereitwillig darüber nachgedacht, die Regeln der islamischen Welt zu respektieren, auch um den Preis der Erosion der unsrigen, schrieb das Blatt in seiner Freitagsausgabe. Spaniens größte Tageszeitung El Pais druckte in ihrer Freitagsausgabe als Ausdruck der Pressefreiheit die umstrittenen Karikaturen auf der Titelseite ab.
Internationale Reaktionen
Amerika verurteilte am Freitag die Veröffentlichung: Diese Karikaturen sind in der Tat ein Angriff auf den Glauben der Muslime, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Wir würdigen und respektieren alle vollkommen die Meinungs- und Pressefreiheit, aber dies muß im Zusammenhang mit Presseverantwortung geschehen, sagte er. Auf derartige Weise religiösen oder ethnischen Haß anzustacheln sei nicht hinnehmbar.
UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte in New York, er teile zwar die Gefühle der Muslime, die die Bilder als verletzend empfänden, dennoch rufe er zur Vergebung auf. Es sei wichtig, daß die Zeitung Jyllands-Posten sich entschuldigt habe. Der Vatikan erklärte in seiner ersten offiziellen Stellungnahme zu dem Streit, die Proteste in der islamischen Welt seien bedauerlich und rief zu gegenseitigem Respekt auf.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte auf der Münchner Sicherheitskonferenz, sowohl Presse- als auch Religionsfreiheit seien hohe Güter. CSU-Chef Stoiber forderte von den Medien einen verantwortungsvollen Umgang mit der Pressefreiheit. Der Respekt vor der Religion anderer Menschen verlange manchmal eben auch ein Stück Zurückhaltung, sagte der bayerische Ministerpräsident der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Text: F.A.Z. / FAZ.NET mit Material von dpa, AP, AFP, Reuters
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS